Der Reiz des Verbotenen - wissenschaft.de
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Der Reiz des Verbotenen

Eine auffälligere Alterskennzeichnung auf Packungen von Unterhaltungsmedien reicht nicht für den Schutz von Jugendlichen aus – sie kann sogar das Gegenteil des erwünschten Effekts auslösen. Vor allem Jungen im Alter von 12 bis 13 Jahren fühlen sich offenbar gerade durch den Reiz des Verbotenen angezogen. Zu diesem Ergebnis kommen deutsche Wissenschaftler, die den Effekt der deutlicheren, größeren Alterskennzeichnungen von Filmen und Videospielen untersucht haben, die in Deutschland seit dem 1. Juni 2009 vorgeschrieben sind. Den Forschern um Sven Jöckel von der Universität Erfurt zufolge lösen die deutlicheren Kennzeichen bei Eltern und Kindern durchaus eine höhere Aufmerksamkeit aus. Dieser Effekt alleine reiche aber nicht für die gewünschte Wirkung aus, Jugendliche von nicht altersgerechten Medieninhalten fernzuhalten, berichtet die Universität Erfurt.

Für ihre Studie konfrontierten die Forscher Eltern und Kinder mit verschiedenen Film- und Computerspielverpackungen. Um die Aufmerksamkeit für die Alterskennzeichnung zu dokumentieren, wurde die aktuelle Blickrichtung der Probanden mittels eines sogenannten Eye-Trackers erfasst, eines Systems, das die Augenbewegungen aufzeichnet. Ergebnis: Sowohl Kinder als auch Eltern nahmen die neuen Kennzeichnungen früher wahr und betrachteten sie auch intensiver als die kleineren Kennzeichnungen, die noch bis 2008 im Einsatz waren. Anschließende Befragungen zeigten dann bei der Gruppe der 12- bis 13-jährigen Jungen den Effekt auf die subjektiv empfundene Attraktivität des Medieninhaltes: Die gleichen Filme oder Spiele stuften sie als attraktiver ein, wenn sich auf der Packung ein größeres Alterskennzeichen befand, das nicht ihrem Alter entsprach.

Diese Wirkung sei der in der Psychologie bereits bekannte „Forbidden-Fruit“-Effekt. „Auch wenn wir uns in unserer Studie nur auf Jungen in einem bestimmten Alter beschränkt haben, zeigt sich, dass die Vergrößerung der Alterskennzeichnungen zumindest bei dieser Gruppe einen solchen Effekt ausgelöst hat“, sagt Co-Autor Christopher Blake von der Hochschule für Musik, Theater und Medien, Hannover (HMTM Hannover).

In Gesprächen mit den Studienteilnehmern fanden die Forscher zudem Hinweise für Verhaltensweisen der Eltern, die sich durch deutlichere Kennzeichnung nicht verändern lassen: „Eltern legen Kriterien unabhängig von Alterskennzeichnungen an. Sie orientieren sich stärker an bestimmten Bildern oder am Inhalt, als an der Kennzeichnung“, sagt Co-Autorin Daniela Schlütz von der HMTM Hannover. Sven Jöckel ergänzt: „Kinder unterscheiden sich in ihrem Entwicklungsstand oft stark. Was für den einen Zwölfjährigen zu viel ist, kann man bei einem anderen vielleicht ohne Bedenken empfehlen.“ Diese Kriterien fließen offenbar bei der Beurteilung der Eltern gegenüber geeigneten Medieninhalten stark ein.

Den Wissenschaftlern zufolge verzichte das deutsche System der Alterskennzeichnung in diesem Zusammenhang leider darauf, Hinweise auf die Inhalte eines Films oder Computerspiels zu geben. Andere Länder seien in diesem Fall schon weiter und weisen genauer aus, worauf die Alterskennzeichnung inhaltlich gründet. Die Forscher sehen deshalb für den deutschen Jugendmedienschutz Handlungsbedarf.

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Mitteilung des Universität Erfurt dapd/wissenschaft.de ? Martin Vieweg
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