Der Sonnenkönig und die Religionskriege - wissenschaft.de
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Geschichte+Archäologie

Der Sonnenkönig und die Religionskriege

Ludwig XIV., hier eine Reiterstatue in Versailles, prägte den Begriff "Religionskrieg". (iStock.com/neko92vl)

Der Begriff „Religionskrieg“ ist keineswegs eine Erfindung der Neuzeit. Stattdessen geht er auf den französischen König Ludwig XIV. zurück, wie ein deutscher Historiker jetzt berichtet. Demnach war es vor allem der berühmte Sonnenkönig, der im Zuge des Konflikts zwischen Katholiken und Hugenotten die Religion als Urheber aktueller und vergangener Kriege hervorhob. Von Frankreich aus breitete sich diese Sicht und der Begriff dann in Europa aus.

Der Begriff „Religionskrieg“

Viele Kriege und kriegerische Konflikte der Geschichte gelten bis heute als „Religionskriege“. Ob die Kreuzzüge des Mittelalters, der Dreißigjährige Krieg oder sogar der islamistische Terror und im Gegenzug der Krieg der USA im Irak: Häufig gibt es die Ansicht, dass Unterschiede in der Religion die treibende Kraft hinter solchen Konflikten sind. Gerade bei historischen Kriegen gelten zudem die Machtinteressen und die Geldgier des Klerus als geheime Motivation für die Konflikte.

Doch woher kommt der Begriff „Religionskrieg“ überhaupt und was war damit im Ursprung gemeint? Genau mit dieser Frage hat sich der Historiker Christian Mühling von der Universität Würzburg in seiner Doktorarbeit näher befasst. Für seine mit einem Preis ausgezeichnete und gerade als Buch erschienene Arbeit ist er zurückgegangen an die Wurzeln des Begriffs – in die Zeit des französischen Königs Ludwig XIV. – dem Sonnenkönig.

Ursprung im Hugenotten-Konflikt

Ursprung des Ganzen ist der Konflikt zwischen Katholiken und Protestanten in Frankreich: Die durch Martin Luther vor 500 Jahren angestoßene Reformation sorgte damals in Frankreich für besonders heftige Turbulenzen. Bis 1593 kam es zu insgesamt acht Bürgerkriegen zwischen Katholiken und Hugenotten.

Als dann im Jahr 1643 der Ludwig XIV. an die Macht kam, verschlimmerte sich die Lage der Hugenotten: Der Sonnenkönig trachtete im Verein mit der katholischen Kirche danach, den Protestantismus zurückzudrängen. Mit einer Flut von restriktiven Gesetzen sorgte er unter anderem dafür, dass die Hugenotten ihre Toten nicht am Tag beerdigen oder nicht jeden Beruf ausüben durften. Im Jahr 1685 folgte schließlich ein Totalverbot des reformierten Protestantismus.

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Fake News vom Sonnenkönig

Doch Ludwig XIV. beschränkte sich nicht auf Gesetze, wie Mühling herausfand. Der Sonnenkönig heizte auch die Debatten darüber an, wer Schuld an dem schwelenden Konflikt trug. Dabei scheute man vor klaren Schuldzuweisungen nicht zurück. In Flugblättern und anderen Schriften, die zu 90 Prozent von Geistlichen verfasst wurden, wies die katholische Seite die Schuld den Hugenotten zu und propagierte deren Vernichtung als „gottgefällige“ Tat.

Der König selbst mischte in der Debatte mit und schreckte dabei nicht vor Falschmeldungen zurück, die er unter falschen Namen veröffentlichen ließ. „Fake News“ seien demnach keineswegs eine Erfindung des Social-Media-Zeitalters, so Mühling. „In der Propaganda Ludwigs XIV. waren sie eher die Regel als die Ausnahme“, berichtet der Historiker. Die Beschuldigten wehrten sich: Sie trugen zum Beispiel die Behauptung vor, die Religion diene den Katholiken nur als Vorwand, um an Geld und Macht zu kommen.

Rückgriff auf die Geschichte

Wie der Historiker erklärt, trug dieser größtenteils schriftlich geführte Religionsstreit in großem Maße dazu bei, den Begriff „Religionskrieg“ zu prägen. Denn vor dieser Debatte habe der Begriff für alle möglichen Auseinandersetzungen gegolten, selbst für den Streit zwischen den altgriechischen Philosophen Platon und Sokrates.

Doch ab der Zeit des Sonnenkönigs wurde diese Bezeichnung nur noch für ganz bestimmte Kriege verwendet – verbunden mit der Einschätzung, dass für diese Kriege jeweils die Religion verantwortlich gewesen sei. „Es kam damals zu einem intensiven Rückgriff auf die Geschichte“, sagt Mühling. Die Katholiken zum Beispiel behaupteten, die Protestanten hätten schon immer Religionskriege angefangen. Sie benannten auch gleich konkret die Kriege, an denen ihre Gegner schuld gewesen sein sollten. Der Dreißigjährige Krieg zum Beispiel wurde erst seit dieser Zeit durchgängig als Religionskrieg bezeichnet.

Ausbreitung in Europa

Der große kulturelle und politische Einfluss Frankreichs in dieser Zeit führte dann dazu, dass die Religionskrieg-Debatte schnell ihre Kreise über Frankreich hinaus zog. „Die französische Sprache war damals in Europa weit verbreitet, und viele Schriften aus der Debatte wurden übersetzt“, erklärt Mühling. Vor allem in Deutschland und England fiel das Thema dabei auf fruchtbaren Boden. Denn in Deutschland lebten viele aus Frankreich geflohene Hugenotten und in England gehörten ohnehin fast alle Einwohner dem protestantischen Glauben an.

In dieser Zeit, an der Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert, entstand dadurch ein Geschichtsbild vom „Religionskrieg“, das bis heute nachwirkt, wie der Historiker erklärt. Obwohl dieses Bild längst ein überholtes Konstrukt sei, werde es immer wieder auch in modernen Debatten aufgegriffen.

Die Arbeit von Christian Mühling zum Thema Religionskriege wurde in Paris mit dem deutsch-französischen Dissertationspreis ausgezeichnet. Das Buch erscheint im April 2018 im Verlag Vandenhoeck & Ruprecht unter dem Titel: „Die europäische Debatte über den Religionskrieg (1679-1714). Konfessionelle Memoria und internationale Politik im Zeitalter Ludwigs XIV.“ (ISBN 978-3-525-31054-0)

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