Die alten Griechen pflegten die Verskunst strenger als die Römer - wissenschaft.de
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Die alten Griechen pflegten die Verskunst strenger als die Römer

Innerhalb der Antike können die Griechen als die Klassiker angesehen werden und die Römer als die Modernen. Das jedenfalls lege die Verskunst der beiden Völker nahe, behaupten zwei Mathematiker der Universidad Nacional Autónoma de Mexico. Während die griechischen Dichter sich noch streng an die Versmaße hielten, gingen die römischen Autoren sehr viel freier mit den Versregeln um. Das zeigten die Wissenschaftler mit Methoden der Informationstheorie. Ihre Ergebnisse sollen demnächst in der Zeitschrift „Association for Integrative Studies“ erscheinen.

Griechische und römische Dichter benutzten das Versmaß Hexameter, aber die Griechen taten es in strengerer Form, sagen die Forscher. „Die lateinischen Verse waren rhythmisch komplexer. In gewisser Weise verhält sich Virgil zu Homer wie Stravinsky zu Bach.“ Der Hexameter ist das klassische griechische Versmaß schlechthin, er besteht – wie der Name sagt – aus sechs Hebungen und ist immer reimlos. So beginnt etwa Homers „Odyssee“: „Sage mir, Muse, die Taten des vielgewanderten Mannes / Welcher so weit geirrt nach der heiligen Troja Zerstörung“ (in der Übersetzung von J.H. Voß 1781 ebenfalls ein Hexameter). Die ersten vier oder fünf Versfüße sind Daktylen, d.h. Wörter oder Wortverbindungen, die aus einer betonten und zwei unbetonten Silben bestehen, wie etwa das deutsche Wort „Wásserfall“. Damit die Verse am Ende nicht eintönig „klappern“, steht dort gern ein so genannter Spondeus, ein Versfuß aus zwei Längen (etwa „Wéltschmérz“). Da der Hexameter sehr lang ist, wird er durch Schnitte (Zäsuren) untergliedert. Ricardo Mansilla und E.Bush haben für ihre Untersuchung griechische und lateinische Dichtung in Stränge umgewandelt, die durch drei Symbole repräsentiert wurden. Eins stand für den Daktylus, eins für den Spondeus und eins für die Zäsur. Dann berechneten sie die Korrelationen zwischen den Symbolen dieser Stränge. Zum Beispiel maßen sie die typischen Abstände zwischen Zäsuren.

Mit ihrer Methode konnten die Wissenschaftler zeigen, dass die römischen Autoren in sehr viel freieren, aber gleichzeitig auch viel komplexeren Hexametern dichteten. Dass die Griechen sich sehr viel strenger an die Versmaße hielten als die Römer, hat nach Ansicht der beiden Forscher vor allem damit zu tun, dass die griechische Kultur noch sehr viel stärker von Mündlichkeit geprägt war als die lateinische. Wenn Erzählungen von Helden mündlich vorgetragen wurden, orientierten sich die Erzähler sehr stark an den sprachlichen Rhythmen. Dabei halfen festgelegte Versmaße.

Doris Marszk
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