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Die Augen entscheiden – sogar bei Musik

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Ob sie eine Meisterin ihres Fachs wird, entscheiden auch visuelle Signale (Thinkstock)
Der Mensch ist ein Augentier, denn das Sehen ist einer unserer wichtigsten und prägendsten Sinne. Die Musik allerdings galt bisher als eines der wenigen Gebiete, in dem ein ganz anderer Sinn dominiert – das Hören. Schließlich ist es nicht zuletzt der Wohlklang und die Virtuosität, der bestimmt, ob ein Musiker ein Meister seines Fachs oder aber bloß ein Durchschnittskünstler ist. Das jedenfalls dachte man bisher. Doch eine Reihe von verblüffend simplen Experimenten entlarvt diese Annahme nun als falsch. Denn sowohl musikalische Laien als auch Profi-Musiker konnten das Abschneiden von Finalisten bei Klassik-Wettbewerben immer dann am treffendsten einschätzen, wenn sie deren Vorspiel nur sahen, nicht aber hörten.

Wir verlieben uns „auf den ersten Blick“, lassen uns von einem schönen Cover zum Kauf eines Buchs verführen und neigen dazu, den Politiker zu wählen, der besonders kompetent aussieht: „Unser Alltag ist angefüllt mit Beispielen dafür, wie visuelle Reize unsere Vorlieben und soziale Wahrnehmung prägen“, erklärt  Chia-Jung Tsay vom University College London.  Ganz anders in der Musik: Hier sei das Hören das Entscheidende. Das reiche so weit, dass Musiker, die sich für eine Stelle in einem Orchester bewerben, oft zu einem „blinden“ Vorspiel geladen werden. Sie sitzen während ihres Spiels hinter einem Vorhang, damit ihr Aussehen und Verhalten nicht das Urteil des Einstellungskommitees verfälscht. Aber selbst wenn der Musiker sichtbar ist, wie bei hochrangigen Wettbewerben üblich, konzentrieren sich die Juroren auf das Hören. Sie beurteilen die Leistung vornehmlich nach dem Klang – das glauben sie zumindest.

Ob das auch wirklich stimmt, hat Tsay nun in einer Reihe von sieben Experimenten mit insgesamt fast 1.200 Teilnehmern überprüft. Sie wollte wissen, wie sehr sich sowohl musikalische Laien als auch Profi-Musiker von visuellen oder aber akustischen Informationen leiten lassen. Dafür erstellte die Forscherin zunächst kurze Videoausschnitte des Spiels der jeweils drei Finalisten von insgesamt zehn internationalen Klassikwettbewerben. Jeder der Ausschnitte war sechs Sekunden lang. Zusätzlich produzierte die Wissenschaftlerin eine stumme Variante dieser Videos und eine Variante, bei der nur die Tonspur zu hören war, ohne Bild. In den ersten Experiment-Durchgängen sollten nun zunächst musikalische Laien anhand von Video, Sound oder aber beidem einschätzen, welcher der jeweils drei Finalisten pro Wettbewerb den ersten Preis gewonnen hatte.

Mehr Treffer bei stummem Vorspiel

Das Ergebnis war eine echte Überraschung: Denn die meisten Treffer erzielten die Probanden ausgerechnet dann, wenn ihnen das vermeintlich wichtigste Kriterium der Musik, der Klang, nicht zur Verfügung stand. Hörten die Teilnehmer die reinen Tonaufnahmen oder die Videos mit Ton, dann lagen sie bei gerade einmal einem Viertel der Musiker richtig. Sahen sie aber nur das stumme Video, bestimmten sie in mehr als der Hälfte der Fälle korrekt den Gewinner des Wettbewerbs. Dieses Ergebnis zeigt nach Ansicht von Tsay zweierlei: Zum einen können Laien die auf langem, intensivem Hören beruhenden Entscheidung von Juroren durchaus gut einschätzen. Aber das – und das ist das Zweite – gelingt ihnen offenbar nur dann, wenn sie die Musik und das Spiel der Wettbewerber nicht hören, sondern nur sehen – und das nur in wenige Sekunden kurzen Ausschnitten.
 
Theoretisch wäre denkbar, dass dieses Ergebnis nur typisch für musikalische Laien ist, die die Feinheiten der Virtuosität und des Spiels ohnehin nicht beurteilen können. Wie aber sieht es mit echten Profis aus? Auch das hat Tsay getestet. In einer weiteren Testreihe bat sie insgesamt 144 professionelle Musiker zum Experiment. Auch sie bekamen die gleichen Video- und Tonausschnitte zu hören. „Profi-Musiker haben das Wissen und die Übung, um die Qualität einer Performance am Klang zu erkennen“, erklärt Tsay. „Sie sollten daher die jeweiligen Gewinner unter den Finalisten besser erkennen können als die Laien.“ Aber weit gefehlt: Trotz ihrer Erfahrung lagen auch die Experten nur bei maximal einem Viertel ihrer Tipps richtig, wenn sie entweder die Tonaufnahmen hörten  oder die Videos mit Ton. Konnte sie dagegen keinerlei Musik hören und sahen das Ganze nur als Stummfilm, stieg ihre Trefferquote auf rund die Hälfte. „Obwohl es eine breite Übereinstimmung darin gibt, dass die akustische Information das Ausschlaggebende bei der Musik ist, liefern diese Experimente starke Argumente dagegen“, konstatiert Tsay.

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Bewegung, Leidenschaft und Kreativität

Aber welche visuellen Signale sind es, die Laien und Profimusiker offenbar unbewusst leiteten? Das testete Tsay in zwei weiteren Experimenten. Im ersten verfremdete sie die Video-Ausschnitte so stark, dass nur noch die Bewegungen, nicht aber Identität und Ausdruck der Musiker zu erkennen waren. Wieder wurden sowohl musikalische Laien als auch Experten gebeten, auf die jeweiligen Gewinner zu tippen. Und tatsächlich: Obwohl die Teilnehmer nur die grundlegenden Bewegungen sahen, lagen sie wie zuvor in knapp der Hälfte der Fälle richtig.

Im zweiten Experiment dazu prüfte die Forscherin den Stellenwert des emotionalen Ausdrucks. 262 Probanden bekamen dazu wieder entweder stumme Videos oder reine Tonspuren und sollten nun angeben, welche Musiker am leidenschaftlichsten, kreativsten, motiviertesten, engagiertesten oder aber am selbstbewusstesten spielte. Diese Bewertungen verglich Tsay dann mit dem Abschneiden der Musiker in den Wettbewerben. Dabei zeigte sich: Diejenigen, die die Probanden als besonders leidenschaftlich und kreativ empfanden, waren auch oft die Gewinner der Klassik-Wettbewerbe. Diese Übereinstimmung zwischen der Einschätzung der Teilnehmer und dem Abschneiden war zudem bei den stummen Videos wieder signifikant deutlicher.

„Wir assoziieren bestimmte Bewegungen und viel Motivation, Kreativität und Leidenschaft mit einem besonders guten Spiel“, sagt Tsay. Diese Merkmale aber seien alle leicht optisch erkennbar und könnten daher instinktiv selbst von Laien verstanden werden. Noch wichtiger aber: Selbst Profi-Musiker und Juroren bei internationalen Wettbewerben werden offensichtlich durch diese visuellen Signale unbewusst beeinflusst – obwohl sie sich eigentlich nur auf den Klang und das Spiel konzentrieren sollen und wollen. Stattdessen scheint es sogar so, als wenn die Musik selbst eher ablenkend wirkt: Immerhin tippten auch diejenigen Experten falsch, die sowohl Ton als auch Bild bekamen. „Selbst wenn sich alle einig sind, dass der Ton die Musik macht, ist der Einfluss des Sehens so groß, dass es alles andere überprägt“, konstatiert Tsay.

Quelle:

© wissenschaft.de – Nadja Podbregar
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