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Geschichte+Archäologie

Die dunkle Zeit

Barbarische Invasoren beendeten die bronzezeitlichen Hochkulturen des östlichen Mittelmeeres, der Kultursturz dauerte 400 Jahre, so die Lehrmeinung.

Die Welt zerbrach, und nichts wurde wieder so wie zuvor. Mit Mühe nur konnte sich als einzige die Großmacht am Nil aus den Wirren retten. „Diejenigen, die zu meiner Grenze gelangten“, läßt Pharao Ramses III. um 1180 v. Chr. in Stein hauen, „haben keine Nachkommenschaft. Ihr Herz und ihre Lebenskraft sind vernichtet auf ewig…“

Der unheimliche Gegner, die ominösen „Seevölker“, war vorerst gestoppt. Doch es rumorte weiter: Zwischen 1200 und 800 v. Chr. wurden die Hochkulturen der Alten Welt – von Babylon bis Anatolien, von Griechenland bis Ägypten tieffurchig zerpflügt. Die Ramses-III-Inschrift berichtet weiter: „Kein Land hielt vor ihren (der Invasoren) Armeen stand, … (sie wurden) … vernichtet … auf einen Streich.“

Andere handfeste Nachrichten von diesem säkulären Umbruch aber sind rar. Vor allem britische Altertumsforscher proklamierten deshalb in den siebziger Jahren die „Dark Ages“. Tatsächlich versanken die ersten Hochkulturen in einem großteils noch unverstandenen „Dunklen Zeitalter“. Dennoch urteilt Prof. Hartmut Kühne, Archäologe an der FU Berlin: „Die Dunklen Jahrhunderte sind eine Chimäre.“ Was geschah um 1200 v. Chr. tatsächlich?

– Das großmächtige Hethiterreich (Hatti) in Zentralanatolien, immerhin Gegenspieler Ägyptens und Assyriens, wird von „geschichtslosen“ Angreifern überrannt und geht unter. – Babylonien und Assyrien im Vorderen Orient erleiden eine Schwächephase und ziehen sich weitgehend auf ihre Ursprungsgebiete zurück. Der ägyptische Expansionsdrang Richtung Palästina und Syrien wird gestoppt. – Der finale Trojanische Krieg – so es ihn denn gegeben hat – beendet um 1180 v. Chr. die Macht und die Herrlichkeit der bronzezeitlichen Metropole an den Dardanellen. – Die Palast-Reiche, zum Beispiel Mykene und Tiryns auf dem Peloponnes, Knossos auf Kreta, zerbrechen und verschwinden als Machtfaktor.

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Diese machtpolitischen Umstürze gehen einher mit tiefgreifenden sozialen und kulturellen Einschnitten: Die hochorganisierte Landwirtschaft zerfällt, die Jagd wird für die Fleischbeschaffung relevanter als die Viehzucht. Die diplomatischen Beziehungen der Fürstenhöfe sind gekappt, die Routen des Fernhandels zerstört. Die Kunstfertigkeit, porzellandünne Keramikgefäße auf der Töpferscheibe zu formen, gerät ebenso in Vergessenheit wie die Technik, mehrstöckige Häuser zu bauen. Die Palastverwaltungen – einst überregional effektiv durch zentralistische Organisation – zerfallen in die Bewirtschaftung einzelner Fürstenhöfe.

Vor allem aber: Die Schrift verschwindet – inklusive der Erinnerung an sie. Erst um 800 v. Chr. tauchen, so die bisherige Lesart, im ägäisch-griechischen Raum wieder schriftliche Zeugnisse auf – dann aber gleich mit Europas zweitem Ur-Mythos, Homers Ilias.

Auslöser dieses kulturellen Blackouts für annähernd vier Jahrhunderte waren, so Forschung und Lehre zunächst, „die Seevölker“. Die sind aus den ägyptischen Quellen bekannt, aber archäologisch nicht greifbar – eine wissenschaftlich unbefriedigende Lage. Die Reiche gingen durch innere Staatszerrüttung und nachfolgenden sozialen Unfrieden unter, so eine weitere These – ebenfalls nicht sehr überzeugend angesichts der zeitgleichen und flächendeckenden Ereignisse. Schließlich sollen Naturkatastrophen den Kulturen den Todesstoß versetzt haben – das aber hätten anhaltende Erdbeben über 50 Jahre hinweg sein müssen.

Beunruhigend blieben die archäologisch greifbaren Befunde des Kulturbruchs und die fehlenden – schriftlichen wie archäologischen – Nachrichten nach dem Niedergang. „Es ist aber völliger Humbug, wenn immer noch propagiert wird, daß in diesen Landstrichen nichts passierte“, bilanziert Prof. Hartmut Kühne, der in Syrien gräbt. „Nach dem Zusammenbruch der Zentralmächte findet man die historischen Daten eben nicht mehr in den Metropolen, sondern in den Provinzen.“

Und eben nicht in bombastischen Hinterlassenschaften, sondern in vielen kleinen Funden und Erkenntnissen, die man zusammenschauen muß. Daran mangelt es noch. Immerhin kann die Forschung inzwischen die Fragen präziser stellen und erste Indizien in die wissenschaftliche Debatte einbringen. Einige Beispiele:

Die größten Lücken klaffen im anatolischen Bereich nach dem Niedergang der hethitischen Zentralmacht. Ausgrabungen aber in Karatepe oder in Kusakli von Prof. Andreas Müller-Karpe von der Universität Marburg belegen die weitere Existenz regionaler hethitischer Königreiche. Örtliche Machtzentren – freilich ohne Luxus und Hinterland – lassen sich auch auf dem Peloponnes, etwa im messinischen Nichoria, im 10. und 9. Jahrhundert v. Chr. nachweisen.

Den Kampf um die Macht in Palästina kann man sehr gut im Alten Testament nachlesen. Assyrien erreicht im 9. Jahrhundert wieder die Grenzen des 12. Jahrhunderts. Hartmut Kühne hat in Dur-katlimmu eine Provinzial-Metropole des spätassyrischen Reiches ausgegraben, die vor Macht und Reichtum nur so strotzte.

Auch beim Verschwinden der Schrift sind die Überlegungen differenzierter geworden. Unbestritten finden sich nach 1200 v. Chr. keine frühgriechischen Linear-B-Tontafeln mehr. Zu eben dieser Zeit setzte aber, so die Schriftgelehrte Dr. Eva Cancik-Kirschbaum vom altorientalischen Semiar der FU Berlin, die Weiterentwicklung von der scharfkantigen Keilschrift zur gerundeten Buchstabenschrift ein. „Dazu war Ton nicht mehr das richtige Medium“, weiß Cancik-Kirschbaum. „Das Schriftmedium änderte sich, es wurde zum Beispiel Leder verwendet – und das hat nicht überdauert.“ Das griechische Alphabet des 8. Jahrhunderts streckt, da ist sich die Kulturwissenschaftlerin sicher, seine Wurzeln weit ins 11. Jahrhundert zurück. Nur: Es gibt dazu keine anfaßbaren Funde.

Das brennendste Rätsel der sogenannten Dunklen Jahrhunderte ist die Identität der „Seevölker“. Sie haben keine eindeutigen archäologischen Spuren hinterlassen. Vielfach finden sich in einst „mykenischen“ Orten Griechenlands, Kleinasiens, der Ägäis und auf Kreta Keramikgefäße (Buckelware), Schmuck, Waffen und Gebrauchsgegenstände (Gewandfibeln), wie sie ähnlich im nördlichen Balkan, an der Adria und im Donaugebiet gefunden wurden. Stammten sie aus normalem Handelsaustausch, waren es Geschenke – oder doch Hinterlassenschaften der neuen Herren, die friedlich oder kriegerisch ins Land, speziell nach Griechenland gekommen waren? Die Experten streiten noch.

Sprachforscher verfolgen eine weitere Fährte zu den Seevölker. Vor allem auf ägyptische Quellen gestützt, sehen sie zumindest einen Teil der Invasoren aus dem Raum Sardinien-Sizilien kommen. Sprachliche Verwandtschaften scheinen auch zum Etruskischen zu bestehen. Die Sprach-Spuren bleiben ebenso spannend wie die Arbeiten der Spaten-Archäologie. Eine allgemein anerkannte übergreifende Erklärung der „Dunklen Jahrhunderte“ gibt es noch nicht. Die Erkenntnisse aus den letzten 20 Jahren haben jedoch ein roh zusammengezimmertes Lehrgebäude ins Wanken gebracht – Fragezeichen bleiben.

Michael Zick
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