Friedrich der Große in Europa Die Kodizes der Könige - wissenschaft.de
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Friedrich der Große in Europa

Die Kodizes der Könige

Buchmalerei aus dem Capitulario Philipps II. (Bibliotheca Rara, Münster)

Der zwischen 1563 und 1584 erbaute Escorial ist eine einzigartige Mischung aus Kloster, königlichem Palast, Familiengrablege und Museum. Schon bei der Planung der gewaltigen Palastanlage sah Philipp II. zudem eine große Bibliothek vor, die in humanistischer Tradition eine Enzyklopädie des Wissens sein sollte. 1576 verfügte die Bibliothek bereits über 4546 Bände, darunter 2000 handschriftliche Manuskripte, untergebracht in einem gewaltigen Saal mit freskengeschmücktem Tonnengewölbe. In den folgenden Jahrhunderten wurde die Bibliothek kontinuierlich ausgebaut. Sie umfasst bei weitem nicht nur kastilische Werke, sondern auch griechische, lateinische, hebräische, arabische, persische…

Die einzigartigen Schätze des Escorial belegen die Bedeutung Philipps II. und seiner Nachfolger. Die Zugänglichkeit der Originale seitens privater Interessenten und wissenschaftlich begründeter Forschung ist aufgrund des hohen Alters der Werke allerdings nur sehr eingeschränkt möglich. Erst die Faksimilierung, das heißt die originalgetreue Reproduktion der Kodizes erlaubt haptische Fühlungnahme und ungehinderten Einblick. Als Faksimile erhältlich ist eine Auswahl der größten Schätze der Bibliothek des Escorial beim Verlag Bibliotheca Rara in Münster.

Dazu gehört allen voran das Gebetbuch Philipps II. Dieses reich illuminierte Werk ist ein sogenanntes Capitulario, gedacht für den Gebrauch bei der Heiligen Messe durch die Kapitulare, die allein befugt waren, im Escorial die Heilige Messe zu feiern. Zugleich ist es aber auch ein persönliches Andachtsbuch des Königs. Was der Handschrift den Charakter eines ausgesprochen luxuriösen Kodex verleiht, sind die ganzseitigen Miniaturen und künstlerisch gestalteten Borten mit architektonischen, floralen und tierischen Motiven. Die Hieronymus-Mönche Andrés de León und Julián de Fuente el Saz ließen sich vom manieristischen Stil des großen Julio Clovio inspirieren und illustrierten ausgewählte Seiten des Manuskripts mit technischer Perfektion. Clovio (1498-1578) galt als einer der größten Miniaturisten seiner Zeit. Giorgio Vasari bezeichnete ihn 1568 als den „Michelangelo der Miniaturmalerei“.

In der Bibliothek wird auch das Testament Philipps II. aufbewahrt. Nur wenige Dokumente es uns, die komplexe Persönlichkeit des Königs und die außerordentlichen Ausprägungen seiner Persönlichkeit besser zu erkennen. Das Testament ist unterteilt in einen privaten private (Glaubensbekenntnis, Beisetzung, Schuldenausgleich, etc.) und einen politischen (Integrität des königlichen Besitzes, der Weiterbestand der Union zwischen den Kronen von Kastilien und Portugal und die Rückgabe des der Kirche und den Militärorden enteigneten Besitzes) Teil.

Zahlreiche Handschriften, die in der Bibliothek des Escorial aufbewahrt werden, stammen aus der Zeit von Philipps Vater Karl V. Dazu gehört ein dreibändiges Buch der Dynastien aus Augsburg (1547/48). I: „Von den Cäsaren zu Ferdinand von Austria“ – hiernach basiert das Imperium auf der Prophezeiung des Alten Testament; II: „Habsburg und die Dynastien Europas“ – hierarchisch geordnete Darstellung der europäischen Länder und ihrer Besitzungen, beginnend mit dem Königreich von Spanien, gefolgt von den Fürstentümern und Grafschaften bis hin zu den lehensunabhängigen Ländern wie Russland und der Schweiz, samt einer Aufzählung aller jeweiligen Herrscher bis zu den mythischen Legenden der Gründerzeit, III: „Historia Nobilitates“ – widmet sich dem Adel, seinem Ursprung sowie seinen moralischen und politischen Rechten.

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Unter den Schmuckstücken, die in den Vitrinen der Bibliothek des El Escorial ausgestellt werden, befindet sich ein Stundenbuch, das eigens für die Reise Karls V. zu seiner Krönung als Kaiser angefertigt wurde. Es ist ein Werk von außergewöhnlicher Qualität. Der Kodex besticht vor allem durch seine zwölf flämischen Miniaturen, von denen ein Großteil Porträts Karls V. darstellen. Sie repräsentieren aber auch biblische Gestalten wie Salomo und Mose. Die moderne Kunstkritik schreibt die Ausführung der Miniaturen einer Schwester von Robert de Keyser namens Clara zu, des eigentlichen Autors des Buchs und bekannten Druckers aus Gent. Karl V. gefiel der Kodex so gut, dass er ihn in seiner eigenen Bibliothek aufbewahrte, und wir wissen aufgrund von Archivdaten, dass er dem Autor die beträchtliche Summe von 60 Pfund als Belohnung zukommen ließ.

Schließlich sei von den Schätzen des Escorial, die mittlerweile als Faksimile erhältlich sind, noch der Kodex Aureus Escorialensis genannt, der um 1045/46 im Auftrag Kaiser Heinrichs III. in Echternach entstanden ist, Eigentlich wollte der junge Salier-König im Skriptorium des Klosters Echternach nur ein würdiges Gedenkbuch für seine Eltern bestellen, die bereits im entstehenden Dom zu Speyer ruhten. Es wurde jedoch weit mehr daraus: das größte Evangeliar, das je geschaffen wurde, eine Stiftung für den größten Dom, den es zur damaligen Zeit gab. Im August 1046 hat wohl der fromme Heinrich mit seiner Gattin Agnes den goldenen Pracht-Codex der Patronin Maria zur Weihe des Hochaltars im Dom überreicht, wie es anschaulich im Dedikationsbild dargestellt ist.

Das Format und die erstaunliche künstlerische Ausstattung entsprechen durchaus dem grandiosen Dombau. Heinrich III. hat den Evangelientext Buchstabe für Buchstabe in karolingischer Minuskel mit Goldtinte schreiben lassen. Mit den vier prunkvollen „Vorhang“-Seiten, den zwölf monumentalen Kanontafeln, den vier prächtigen Autoren-Bildern der Evangelisten, der graphisch, ornamental und bildlich überaus reichen Gestaltung ist ein künstlerisches Höchstmaß in der Buchkunst erreicht, das niemals übertroffen wurde. Die Fülle der Differenzierungen und Nuancierungen in der buchgestalterischen Komposition konnte nur in einem Skriptorium auf dem Höhepunkt seiner Leistungskraft wirklich umgesetzt werden, wie es in Echternach zu dieser Zeit existierte.

Philipp II und das Goldene Zeitalter Spaniens sind das Titelthema des Februarhefts von DAMALS. Ein Beitrag darin ist auch der Kunst und Kultur im siglo de oro gewidmet.

Bilderwechsler Startseite: Miniatur aus dem Buch der Dynastien (Bibliotheca Rara, Münster).

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Berg|in|ge|ni|eur  〈[–ınnjø:r] m. 1; Berufsbez.〉 Ingenieur für Bergbau

apo|chro|ma|tisch  〈[–kro–] Adj.; Opt.〉 durch den Apochromat bewirkt, auf ihm beruhend

Pre|test  〈[pri–] m. 6; Soziol.〉 dem Haupttest vorangehender Test, z. B. zur Absicherung eines Fragebogens od. zur Auswahl geeigneter Testpersonen [engl., ”Vortest“]

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