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Geschichte+Archäologie

Die letzten Neandertaler

Vindija-Höhle
In der Vindija-Höhle in Kroatien lebten vor rund 45.000 Jahren einige der letzten Neandertaler. (Foto: M. Hajdinjak)

Die Zeit vor rund 40.000 Jahren war eine Ära des Umbruchs in Europa: Die Neandertaler verschwanden langsam und unsere Vorfahren breiteten sich aus. Neue Einblicke in die Populationen der letzten Neandertaler liefern nun Analysen des Erbguts von fünf Vertretern dieser Menschenart. Ihr Genom enthüllt, dass sie auch während ihres Niederganges noch umherzogen und sich teilweise gegenseitig verdrängten. Zudem bestätigt die DNA, dass ein Großteil der Kreuzungen von Homo sapiens und Homo neanderthalensis bereits deutlich vor dieser Endphase der Neandertaler stattgefunden hatte.

Der Neandertaler ist zwar kein direkter Vorfahre des modernen Menschen, aber er hat trotzdem seine genetischen Spuren in uns hinterlassen: Wir Europäer tragen rund zwei Prozent Neandertaler-DNA in uns. Diese von unseren prähistorischen Vettern geerbten Gene sind teilweise bis heute in unserem Erbgut aktiv und stärken unter anderem unser Immunsystem, helfen uns beim Fettabbau und beeinflussen unsere Haut- und Augenfarbe. Wir verdanken diesen Genen einigen unserer Vorfahren, die sich mit Neandertalern paarten und Kinder zeugten. Wann jedoch diese Vermischung von Homo sapiens und Homo neanderthalensis geschah, ist bisher nur in Teilen bekannt. Wissenschaftler gehen davon aus, dass es zu diesen Kreuzungen hauptsächlich in der Zeit vor 65.000 bis 47.000 Jahren gekommen war. Doch Genanalysen eines Neandertalers aus dem Altai-Gebirge in Russland ergaben, dass dieser einige Gene des Homo sapiens in seinem Erbgut trug – und dies überraschenderweise schon vor rund 100.000 Jahren. Umgekehrt haben Forscher in Rumänien die Überreste eines rund 40.000 Jahre alten Homo sapiens entdeckt, unter dessen Urur-Großeltern ein Neandertaler gewesen sein muss.

Blicks ins Erbgut von fünf späten Neandertalern

Eines der Probleme bei der Enträtselung der Beziehungen unserer Vorfahren zum Neandertaler ist der Mangel an geeigneten Fossilien. „Bis heute wurden nur eine Handvoll Neandertaler-Relikte identifiziert, die noch genügend eigene DNA enthalten und die nicht zu stark mit Fremd-DNA kontaminiert sind“, berichten Mateja Hajdinjak vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig und ihre Kollegen. Vor allem zu den letzten Populationen der Neandertaler in Europa fehlten daher bisher genetische Daten. Jetzt jedoch ist es den Forschern gelungen, das Erbgut von fünf zusätzlichen Neandertalern zu isolieren und zu analysieren. Diese Relikte stammen aus den Höhlen von Goyet und Spy in Belgien, der Les Cottés-Höhle in Frankereich, der Vindija-Höhle in Kroatien und der Mezmaiskaya-Höhle im russischen Kaukasus. Alle Überreste stammen aus der Zeit vor 39.000 bis 47.000 Jahren und repräsentieren damit Vertreter der letzten Neandertaler in Europa.

Auf Basis dieser DNA-Analysen haben die Forscher nun neue Einblicke in die Verteilung und Entwicklung der letzten Neandertaler gewonnen. Wie sich zeigte, waren die in Belgien, Frankreich und Rumänien lebenden Menschenvettern enger miteinander verwandt als der im Kaukasus lebende. Ähnlich wie bei uns heute hatten demnach die Populationen den meisten Austausch, die auch geografische Nachbarn waren. „Wir schätzen, dass alle hier untersuchten späten Neandertaler sich vor rund 150.000 Jahren von den gemeinsamen Vorfahren mit den Altai-Neandertalern abspalteten“, berichten Hajdinjak und ihre Kollegen. „Vor rund 70.000 Jahren dann trennten sich die westeuropäischen von den rumänischen Populationen.“

Wanderungen und Paarungen

Mindestens einmal jedoch kam es auch zu einem kompletten Verdrängen einer Neandertaler-Gruppe durch eine andere: Die ursprünglichen Bewohner der Mezmaiskaya-Höhle im Kaukasus wurden vor rund 42.000 Jahren von späteren Einwanderern aus dem Westen abgelöst. Die Forscher vermuten, dass damals eine Kälteperiode die lokale Population aussterben ließ oder zumindest dezimierte. Als diese Phase um war, zogen dann Neandertaler aus anderen Gebieten Europas ein. „Die Neandertaler-Populationen sind offenbar gegen Ende ihrer Geschichte durchaus mobil gewesen und haben sich teilweise sogar gegenseitig ersetzt“, sagt Hajdinjak.

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Die Gene der letzten Neandertaler verrieten noch etwas: Das Erbgut aller fünf enthielt bereits DNA-Sequenzen, die sich heute noch als Neandertalererbe im Genom des Homo sapiens finden. Hajdinjak und ihre Kollegen schließen daraus, dass die meisten Kreuzungen zwischen Neandertalern und unseren Vorfahren schon stattfanden, bevor sich diese verschiedenen Gruppen vor mindestens 70.000 Jahren voneinander trennten. Interessant auch: „Wir fanden keinerlei Hinweise auf einen Genfluss von frühen modernen Menschen zu den späten Neandertalern“, berichten die Forscher. Demnach gab es selbst in der Zeit, in der beide Menschenarten gemeinsam in Europa vorkamen, wenig Kreuzungen – und wenn, dann wurden Gene vor allem in eine Richtung übertragen – vom Neandertaler zum Homo sapiens.

Mateja Hajdinjak (Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, Leipzig) et al., Nature, doi: 10.1038/nature26151

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