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Geschichte+Archäologie

Die Neandertaler konnten sprechen

Dass Neandertaler primitive Höhlenmenschen waren, hat sich bereits vor Jahrzehnten als Mär erwiesen. Zahlreiche Funde von Schmuck und Werkzeug – etwa in der Grotte du Renne im französischen Arcy-sur-Cure – belegen: Die Vettern des modernen Menschen waren kulturell recht hoch entwickelt. Bekannt ist zudem, dass sie verletzte Artgenossen versorgten und ihre Toten bestatteten. Doch konnten sie auch sprechen? Seit 1983 in der israelischen Kebara-Höhle das Zungenbein eines Neandertalers entdeckt wurde, das dem des anatomisch modernen Menschen ähnelt, spekulieren Anthropologen über das Sprachvermögen der Neandertaler, die vor rund 29 000 Jahren ausstarben.

Johannes Krause vom Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig ist davon überzeugt: „Die Neandertaler konnten sprechen.“ Er beruft sich dabei auf die Entdeckung des Sprach-Gens FOXP2, das ein internationales Forscherteam unter seiner Leitung im Erbgut des Neandertalers identifiziert hat. Dazu hatten die Wissenschaftler die DNA von 43 000 Jahre alten Knochen aus einer Höhle in Nordspanien analysiert.

FOXP2 ist das einzige bisher beim Menschen bekannte Gen, das für seine Sprachfähigkeit zuständig ist. Bei einem Defekt kommt es zu Sprachstörungen. Das Gen findet sich zwar auch bei anderen Säugern, zum Beispiel bei Mäusen, dort ist seine Funktion aber unbekannt. Außerdem unterscheidet es sich von der menschlichen Variante an mehreren charakteristischen Stellen. Krause hatte solche Divergenzen auch beim Neandertaler-FOXP2 erwartet. Aber: „ Das Gen war identisch mit dem des anatomisch modernen Menschen“, erklärt der Anthropologe. „Daher gibt es keinen Grund zu glauben, dass der Neandertaler nicht über die Fähigkeit verfügte, sich sprachlich zu verständigen.“

Johannes Krauses Entdeckung hat weitreichende Folgen. Sie erschüttert die Theorie, dass die menschliche FOXP2-Variante erst in der jüngsten Menschheitsgeschichte vor weniger als 200 000 Jahren aufgetaucht sei. Da der klassische Neandertaler vor 250 000 Jahren das erste Mal in Erscheinung trat, muss schon der gemeinsame Vorfahre von Mensch und Neandertaler (Homo ergaster, Homo erectus oder Homo heidelbergensis – darüber ist sich die Forschung uneins) dieses Sprach-Gen besessen haben.

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