Die Schnalzersprache - wissenschaft.de
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Die Schnalzersprache

Gab es eine Ursprache, aus der alle heutigen Idiome entstanden sind? Ein US-Forscherteam meint, dies könne eine mit Schnalzern durchsetzte Sprache gewesen sein. Und erzeugt damit heftigen kollegialen Gegenwind.

Schlichte europäische Gemüter, denen man Fotos von den San zeigt, werden die Abgebildeten gar nicht für Afrikaner halten. Die San entsprechen nicht im Mindesten dem Klischee vom Sarotti-Mohren.

Das fängt bei der hellen, graugelb bis rötlichbraun getönten Haut an und reicht bis zur Lidfalte (Epikanthus), die – um ein weiteres Klischee zu bedienen – auf asiatische Herkunft zu weisen scheint. Aber erstaunlicherweise sind diese Leute in den Savannen am Rand der südafrikanischen Kalahari-Wüste zu Hause, in Botswana und Namibia.

Besagte schlichte Geister könnten gar an Außerirdische denken, wenn sie die San auch noch sprechen hörten. Denn deren Redefluss ist dicht gespickt mit einer Vielzahl unterschiedlicher Schnalz- und Schmatzlaute – eine Sprache wie nicht von dieser Welt. Während zwei Drittel aller Sprachen mit 20 bis 40 Lauten auskommen, bringen es die – untereinander auch noch sehr verschiedenen – Sprachen der San auf bis zu 141 Laute. Bei Linguisten gelten sie als die komplexesten Sprachen des Planeten.

„Buschmänner“ nannten holländische Kolonisten in Südafrika die kleinwüchsigen Ureinwohner – eine abschätzig gemeinte Bezeichnung für die Jäger und Sammler der San. Ohne feste Wohnplätze streunten diese gelbhäutigen Wilden durchs Land, und anständig reden konnten sie auch nicht. Das waren doch halbe Tiere!

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Andere machten sich qualifiziertere Gedanken über die San und ihre Sprachen. Seit den siebziger Jahren sammelt und katalogisiert Prof. Peter Ladefoged, Linguist an der University of California in Los Angeles, die rund 900 Konsonanten und 200 Vokale, die weltweit von Menschen erzeugt werden. Besonders angetan haben es ihm die mehreren Tausend vom Aussterben bedrohten Sprachen – auch die der San. Linguisten können nachvollziehen, nach welchen Gesetzmäßigkeiten sich in Jahrhunderten der eine Laut in den anderen wandelt, beispielsweise das „p“ im indogermanischen „pater“ (Vater) in den „f“-Laut im heutigen „father“ oder „Vater“. Doch es ist kein linguistischer Prozess bekannt, sagt der kalifornische Wissenschaftler, wie sich ein Nicht-Schnalzlaut im Lauf der Zeit in einen Schnalzlaut verwandelt – nur das Gegenteil wurde vereinzelt beobachtet. Ladefogeds Folgerung: Schnalzer müssten zu den ursprünglichsten Lauten gehören. Und die San-Sprachen logischerweise zu den ältesten der Erde.

Die San sind jedoch nicht die Einzigen in Afrika, die eine derart komplexe Schnalzersprache besitzen. Neben der südafrikanischen Sprachinsel existiert eine zweite in Ostafrika – 2500 Kilometer Luftlinie entfernt: In den Savannen am Eyasi-Salzsee in Tansania leben zwei Volksgruppen namens Hadzabe und Sandawe, die sich ebenfalls unter Einsatz von Schnalzern verständigen. Allerdings weisen deren Idiome keine Ähnlichkeit mit den San-Sprachen auf, abgesehen von einzelnen Vokabeln.

Wie kommen diese zwei geographisch so weit getrennten Sprachinseln in Afrika zustande? Klar ist, dass vor 2000 Jahren schwarzhäutige Pflanzer und Viehzüchter, die zur Bantu-Sprachfamilie gehörten, aus ihrer Heimat in Westafrika aufbrachen und in Jahrhunderten nach Osten und Süden vordrangen. Historiker vermuten, die Bantu-Expansion habe das damals vom Sudan bis nach Südafrika reichende Gebiet schnalzsprechender Menschen in einen ost- und einen südafrikanischen Teil gespalten, die dann zu den heutigen Inseln abschmolzen.

Die Hadzabe in Tansania sind, wie die San, Jäger und Sammler – die älteste menschliche Wirtschaftsform. Sie ging der Erfindung von Landwirtschaft und Viehzucht vor etwa 10 000 Jahren voraus. DNA-Analysen haben schon früher im Erbgut der San sehr archaische Merkmale nachgewiesen. Sind also – so spekulieren Ethnologen und Anthropologen schon seit Jahrzehnten – die San und die Hadzabe womöglich wenig veränderte, direkte Nachkommen des urtümlichen Homo sapiens, der vor Zehntausenden von Jahren aus frühmenschlichen Vorfahren in Afrika entstand und von hier aus die Welt besiedelte?

Und, was daraus gefolgert werden könnte: War auch die „ Ursprache“ dieser Auswanderer, der Ahnen aller heutigen Menschen, eine Schnalzersprache?

Diesen Spekulationen wollte eine Genetik-Arbeitsgruppe an der kalifornischen Stanford University um Dr. Alec Knight und Prof. Joanna Mountain auf den Grund gehen – anhand der Frage: In welchem Ausmaß sind die San und die Hadzabe erstens miteinander und zweitens mit anderen afrikanischen Volksgruppen in deren Umfeld verwandt? Denn, so argumentierten die Stanford-Forscher:

· Die „click languages“ der San und der 2500 Kilometer entfernt lebenden Hadzabe sind wohl kaum aus Zufall, unabhängig voneinander, entstanden – dazu sind sie zu komplex.

· Sollten die beiden Volksgruppen starke genetische Ähnlichkeiten aufweisen, wären sie erst vor relativ kurzer Zeit getrennt worden. In diesem Fall verlöre die Spekulation von einer weit verbreiteten, uralten Schnalzersprache an Kraft – man müsste statt dessen an ein einmaliges Kuriosum denken.

· Sollte jedoch die genetische Ähnlichkeit gering sein, wäre ein Szenario diskutabel, das zum Schluss führt: Vor Zehntausenden von Jahren könnte der Mensch sich mit Schnalzern verständigt haben.

Das Szenario sähe so aus: Weit in der Vergangenheit existierte irgendwo in Afrika eine Gruppe von bereits anatomisch modernen, mit Schnalzern sprechenden Menschen. Sie expandierte und besiedelte schließlich ganz Süd- und Ostafrika. Zwischen 40 000 und 20 000 Jahren vor heute, dies belegt die Auswertung archäologischer Funde, schrumpfte die Bevölkerung südlich der Sahara stark, vermutlich aus klimatischen Gründen. In dieser Zeit könnten sich aus der vormals homogenen Bevölkerung viele kleine Inseln von Schnalz-Sprechern gebildet haben, die geographisch von den anderen isoliert waren.

In dieser Isolation – so das Szenario weiter – hätte sich die einst gemeinsame Ur-Schnalzersprache zu einer Vielzahl lokaler Sprachen weiterentwickelt. Den meisten wären im Lauf der Jahrtausende ihre Schnalzer abhanden gekommen, nur die San und die Hadzabe hätten sie in dieser extremen Form beibehalten. Zum Teil hätten die Schnalzer auf die Nachbarn abgefärbt: In vielen Sprachen des südlichen Afrika sind solche Laute als einzelne Einsprengsel zu finden.

Um die Verwandtschaftsfrage zu klären, nahmen die Stanford-Forscher in Tansania bei 49 Hadzabe-Sprechern und 51 Hadzabe-Nachbarn Proben von Zellen der Mundschleimhaut – durch simples Reiben von Wattestäbchen an der Innenseite der Wange. Das ist ein heute auch in der Kriminalistik übliches Standardverfahren, wie man DNA-Proben gewinnt. Die DNA wurde isoliert, vervielfältigt, sequenziert und in aufwendiger Kleinarbeit mit den bereits in Datenbanken vorliegenden Erbsubstanz-Daten der Ju’hoansi verglichen. Das ist eine besonders isolierte Untergruppe der San am Nordrand der Kalahari-Wüste. Das Symbol „ ‚ “ im geschriebenen Namen der Ju’h oansi steht für einen bestimmten Zungenschnalzer.

Das Ergebnis, vor einem Jahr im Fachblatt „Current Biology“ veröffentlicht, treibt seitdem nicht nur Linguisten auf die Barrikaden, sondern auch Tier-Verhaltensforscher und Ethnologen. Was Alec Knight, Joanna Mountain und ihre Kollegen bekannt gaben, war kurz gefasst dies:

· Die schnalzenden Hadzabe und Ju’hoansi sind genetisch extrem verschieden. Sie sind miteinander sogar weniger verwandt als mit jeder anderen Volksgruppe der Erde.

· Die heutigen Hadzabe und Ju’hoansi hatten vor mehreren Zehntausend Jahren den letzten gemeinsamen Vorfahren. Die älteste identifizierte DNA-Sequenz, ein Ort namens M112 auf dem Y-Chromosom, verweist auf eine Trennung vor 112 200 ± 41 800 Jahren. In jedem Fall seien beide Volksgruppen genetisch derart weit voneinander entfernt, dass ihre Isolation sogar noch hinter die große Auswanderung des Homo sapiens aus Afrika vor spätestens 40 000 Jahren zurückreichen könnte.

· Also – folgern Knight und Mountain – müssten auch die Schnalzer älter als 40 000 Jahre sein. „Click Consonants“ könnten somit aus der Frühzeit des anatomisch modernen Menschen stammen. Der habe womöglich ebenfalls geschnalzt.

„Das finde ich nicht überzeugend“, protestiert Prof. Hartmut Traunmüller vom Linguistik-Department der Universität Stockholm. „ Die Annahme, frühmenschliche Phonem-Systeme hätten denen der heutigen San-Sprachen geähnelt, ist abseitig. Diese Sprachen sind immerhin die kompliziertesten der Erde!“

Wenn man schon über eine „Ursprache“ spekuliere, so Traunmüller, solle man in ihr eher Laute vermuten, die von allen Kleinkindern weltweit als erste gemeistert werden – also die Vokale i, a und u sowie die Konsonanten p, t, k, m, n und l. Aber keine Reiblaute wie beispielsweise „r“ und schon gar keine Schnalzer. Außerdem, moniert der Stockholmer Linguistik-Professor, hätten Knight und seine Mitarbeiter nichts Plausibles dazu zu sagen, warum die vermeintlich uralten Schnalzer bei allen Völkern der Welt verschwunden sein sollten – nur nicht bei San und Hadzabe und deren direkten Nachbarn.

Alec Knight hat diesen wunden Punkt in der Beweisführung früh gesehen und in der Veröffentlichung in „Current Biology“ ein Argument bereitgestellt: Diese Sprach-Eigenheit könne ja im Lebensraum der beiden extremen Schnalz-Gruppen, in beiden Fällen offene Savannen, von ganz besonderem Vorteil gewesen sein, weswegen sie erhalten blieb.

Wenn die San sich auf der Jagd an Tiere anschlichen, würden sie sich wispernd verständigen – ihre Sprache sei dann tonlos und bestünde fast völlig aus Schnalzern. Die Tiere würden das nicht mehr als menschliche Sprache erkennen, sondern vielmehr annehmen, es handele sich beispielsweise um knackende trockene Äste – bis es für sie zu spät sei.

Bei dr.Thomas Hildebrandt vom Berliner Institut für Zoo- und Wildtierforschung kann Knight damit nicht landen. „Wenn man sich an ein Tier anpirscht und auf einen trockenen Ast tritt, löst man bei ihm sofort den Fluchtreflex aus.“ Wildtiere würden einen Laut, der wie das Knacken von Ästen klingt, immer für eine potenzielle Gefahr halten – es könnte ja ein Raubtier sein, das sich im Gestrüpp anschleicht.

Hildebrandt kann sich einen Vorteil für klickende Jäger allenfalls auf große Distanz vorstellen, vielleicht mehrere Hundert Meter vom gejagten Tier entfernt: „Ein Schnalzen ist ein besonders lautes Geräusch, das weit trägt. Wenn die Jäger sich aus verschiedenen Richtungen anpirschen, könnten sie sich so verständigen. Aber wenn sie dem Tier näher kommen, müssten sie das Schnalzen bleiben lassen, um es nicht zu verscheuchen.“

Doch selbst wenn die Jagd-Sitten der San und Hadzabe eine vorteilhafte Deutung des Schnalzens zuließen, würde dies einen logischen Bruch nicht übertünchen. Denn: Alle Völker waren zunächst Jäger, und offene Steppen gab und gibt es an vielen Stellen der Erde. Warum wird nicht auch dort geschnalzt? Darauf wissen die Stanforder keine Antwort und bitten die Scientific Community ein wenig hilflos um Vorschläge.

Vielleicht wären sie bei Dan Everett an der richtigen Adresse. Der Linguistik-Professor an der University of Manchester, Spezialist für die Indianersprachen Amazoniens, hat mehr als sechs Jahre in den Dörfern des Pirahã-Stammes gelebt. Auch auf die Jagd haben ihn seine Gastgeber mitgenommen.

„Wenn die Pirahã jagen, schalten sie auf eine Pfeifsprache um“ , bezeugt Everett. „Aber nicht, um leiser zu sein: Sie pfeifen, weil das die traditionelle ,Männersprache‘ während einer Männeraktivität wie der Jagd ist.“

Er empfiehlt, seltene Laute in menschlichen Sprachen – ob Pfiffe, Triller oder anderes – in erster Linie als kulturell begründet anzusehen: Die exotischen Laute wurden von den Sprechern irgendwann bewusst eingeführt, als Träger von Bedeutung und zur Betonung der eigenen Identität. Schnalzlaute sind für Everett nur ein Beispiel in einer langen Liste seltener stimmlicher Bekundungen.

Im Übrigen, merkt der Brite an, machen die Jäger-und-Sammler-Stämme bei der Jagd mehr Lärm, als man es es sich in Industriegesellschaften gemeinhin vorstellt. „Allerdings war ich ihnen doch zu laut, wegen meiner Stiefel. Die haben mich einmal stundenlang mutterseelenallein im Dschungel stehen lassen und ohne mich weitergejagt.“ ■

Thorwald Ewe

COMMUNITY INTERNET

Sehr schön gestaltete Web-Seiten von Jean Clottes über Höhlenkunst in Frankreich:

www.bradshawfoundation.com/clottes/index.html

LESEN

Die Trance-Hypothese von Clottes und Lewis-Williams in einem attraktiven Bildband:

Jean Clottes, David Lewis-Williams

SCHAMANEN

Trance und Magie in der Höhlenkunst der Steinzeit

Thorbecke Speläothek

Ostfildern 1997, € 24,80

Schön zum Blättern, wissenschaftlich akkurat, verständlich geschrieben:

Claus-Stephan Holdermann, Hansjürgen Müller-Beck, Ulrich Simon (Hrsg.)

EISZEITKUNST IM SÜDDEUTSCH- SCHWEIZERISCHEN JURA

Anfänge der Kunst

Theiss

Stuttgart 2001, € 29,90

Prächtiger Bildband über die Chauvet-Grotte in Südfrankreich:

Jean-Marie Chauvet, Eliette Brunel Deschamps, Christian Hillaire

GROTTE CHAUVET

BEI VALLON-PONT-D’ARC

Altsteinzeitliche Höhlenkunst im Tal der Ardèche

Thorbecke Speläothek

Ostfildern 2001, € 34,–

event

Bilder im Dunkeln – Höhlenkunst der Eiszeit

Wanderausstellung bis zum 31.10.2004

Neanderthal Museum

Talstraße 300

40822 Mettmann

Tel.: 02104 | 97 97 97

E-Mail: museum@neanderthal.de

Eintritt: € 3,–

Ohne Titel

• Amerikanische Genetiker um Alec Knight meinen nach Untersuchungen an afrikanischen Volksgruppen: Klicks könnten zu den ursprünglichsten Lauten menschlicher Sprache zählen.

• Linguisten, Verhaltensforscher und Ethnologen halten diesen Schluss für fragwürdig bis falsch.

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