Anzeige
Anzeige

Geschichte+Archäologie

Die Tiefland-Barbaren

inka.jpg
Kam die Peru-Kultur aus Amazonien? Ein junger Bonner Archäologe findet im bolivianischen Tiefland gleich drei Kulturen, von denen man bisher nichts wußte.

Heiko Prümers hat ein Faible für Barbaren. Er ist angetreten, ihre Ehre zu retten. Barbaren waren für die Inka alle Völker, die sie nicht unterwerfen konnten – also auch alle im Flachland östlich der Anden. Die Spanier übernahmen die Charakterisierung mitsamt der üblichen Herabsetzungen solcher Menschen als Kannibalen und halbnackte Wilde, die mit Pfeil und Bogen durch den Wald pirschten und mit Vorliebe inkaische Sonnenjungfrauen mißbrauchten, wo sie ihrer nur habhaft wurden.

Und schon war ein Geschichtsbild festgezurrt, das bis heute Bestand hat. Demnach fanden Kultur und Entwicklung des riesigen Südamerikas nur in Peru statt. Die dubiosen historischen Quellen werden nicht hinterfragt, und für solide Archäologie im bolivianischen Tiefland fehlten Geld und Interesse. Wenn es da nicht einige Einzelkämpfer gäbe wie einen Kunstmaler in Santa Cruz de la Sierra, der alte Scherben sammelte, einen bolivianischen Archäologen, der vor 20 Jahren nach den Zeugnissen seiner Vorfahren gründelte – und eben Heiko Prümers und seine bolivianische Kollegin Wilma Winkler. Die beiden Archäologen sind dabei, die Geschichte nicht nur Boliviens neu zu definieren. Sie haben in diesem Land – in dem eine Verwaltungsprovinz so groß ist wie ganz Deutschland – in fünf Jahren archäologischer Arbeit drei neue Kulturen entdeckt. Das kann man guten Gewissens als sensationell bezeichnen.

Dabei sind weder die äußeren Umstände noch die Fundstücke schlagzeilenträchtig: Keine Großgrabung á la Troja, kein Gold, keine Pyramiden – sondern Gräber, steinernes Werkzeug, Abfall, Siedlungsreste und immer wieder Scherben aus teilweise aberwitzig kleinen Grabungslöchern. Für den Kundigen stecken sie prallvoll mit Informationen aus der Vergangenheit.

Begonnen hatte Prümers, Mitglied der Bonner Kommission für Allgemeine und Vergleichende Archäologie (KAVA), 1994 in einem Kaff namens Pailon, 60 Kilometer östlich der Provinzhauptstadt Santa Cruz de la Sierra im bolivianischen Tiefland am Rio Grande. Die einst gottverlassene Bahnstation erlebt seit einige Jahren einen rasanten Aufstieg. Ein Weltbankprojekt will diese Gegend „entwickeln“. Straßenbau und Eliminierung riesiger Regenwaldgebiete gehören dazu. Nach denersten groben Rodungsarbeiten wurde durch massenhafte Scherbenfunde klar: Hier hatten vor dem Urwald schon einmal Menschen gelebt, gewohnt, gearbeitet.

Anzeige

In sechs großflächigen Grabungen erkundete Prümers bei Pailon eine mehrfach verlagerte Siedlung. Dabei machte der Archäologe zwei Phasen aus, die sich so deutlich unterscheiden, daß er von zwei Kulturen spricht. Seine gesicherten archäologischen Daten – die ersten in diesem Gebiet – belegen die ältere für die Zeit von 900 bis 1100 n. Chr. , die jüngere fiele in die Spanne von 1100 bis 1300 n. Chr.

Und so sieht das übliche Puzzlespiel der Archäologen aus:

  • Abdrücke von Maiskolben als Verzierung der Keramik deuten darauf hin, daß diese Siedler schon Ackerbau oder zumindest Gartenbau betrieben.
  • Daß unter den zahllosen Tierknochen die von Moschusenten besonders zahlreich waren, spricht für einen opulenten Speiseplan. Und daß die Knochen von weiblichen und männlichen Tieren in gleicher Menge auftauchten, deutet auf frühe Geflügelzucht. Denn freilebende Moschusenten sind außerhalb der Paarungszeit Einzelgänger.
  • Pfostenlöcher im Halbkreis und Abdrücke von Mattenwänden im Boden sind sichere Zeichen für Hausbau, sprich Seßhaftigkeit.
  • Den schlagenden Beweis jedoch, daß die Tieflandbewohner schon Jahrhunderte vor den Inka keine frei herumschweifenden Wilden waren, liefern die Gräber. Drei hat Prümers in Pailon gefunden, alle sind nach einem durchdachten und aufwendigen Muster angelegt. Die Toten – ein Kind, eine etwa 20jährige Frau, ein 30 bis 40 Jahre alter Mann – waren auf Keramikscherben hart gebettet und lagen auf den Rücken. Der Kopf war in eine aufrecht gestellte Dreifußschale gelegt und mit weiteren Schalen komplett abgedeckt. Die Grabumrandung bildeten senkrecht in den Boden gesteckte große Scherben. Für Prümers ist klar: „Hier spiegelt sich ein durch religiöse Vorstellungen klar definierter Totenkult wider.“ Die Barbaren des Tieflandes dachten über Essen und Trinken hinaus.

    Michael Zick
Anzeige

bild der wissenschaft | Aktuelles Heft

Anzeige

Dossiers

Aktueller Buchtipp

Sonderpublikation in Zusammenarbeit  mit der Baden-Württemberg Stiftung
Jetzt ist morgen
Wie Forscher aus dem Südwesten die digitale Zukunft gestalten

Wissenschaftslexikon

Hea|vy|rock  〈[hvırk]〉 auch:  Hea|vy Rock  〈m.; (–) – od. (–) –s; unz.; Mus.〉 Form der Rockmusik, die sich durch besonders aggressives Gitarren– u. Schlagzeugspiel auszeichnet ... mehr

Gus|la  〈f.; –, –s od. Gus|len; Mus.〉 lautenförmiges Streichinstrument mit nur einer Saite, von den Balkanvölkern zum Gesang der Guslaren gespielt [<serb.]

Ku|bik|in|halt  〈m. 1〉 Rauminhalt

» im Lexikon stöbern
Anzeige
Anzeige