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Geschichte+Archäologie

Die unbekannten Gesänge von Byzanz

Psalmgesang
Notation des Beginns von Psalm 103:28 aus der Zeit um 1400. (Bild: Österreichische Nationalbibliothek)

Im Byzantinischen Reich spielten religiöse Rituale und die dazu gehörenden Psalmgesänge eine wichtige Rolle. Seit 2019 gehört die byzantinische Musik sogar zum immateriellen Weltkulturerbe. Doch welche Melodien prägten diese Musik? Und wie haben sie sich im Laufe der Zeit verändert? Weil es dazu kaum Aufzeichnungen gibt, arbeitet eine Wissenschaftlerin nun daran, die alten Gesänge durch vergleichende Analysen zu rekonstruieren.

„Öffnest Du Deine Hand, werden sie satt an Gutem.“ Diese gesungenen Worte standen am Beginn des täglichen Abendgottesdienstes in Byzanz. Psalmen wie dieser spielen auch in der Westkirche eine Rolle. Doch in der orthodoxen Tradition haben sie eine ungleich größere Bedeutung. In vertonter Form sind sie bis heute strukturtragendes Element der liturgischen Riten – vor allem der Stundengebete wie der Morgen- und Abendoffizien.

Im Dunkel der Geschichte versunken

Doch welche melodischen Formeln und musikalischen Gesetzmäßigkeiten hinter den byzantinischen Gesängen standen, ist bisher kaum bekannt. Der Grund: „Von den frühen Psalmgesängen, die vor dem 14. Jahrhundert genutzt wurden, gibt es nur ganz wenige schriftliche Überlieferungen, zu denen etwa die Anabathmoi zählen, die sogenannten Gradualpsalmen, die schon in Handschriften aus dem 11. Jahrhundert zu finden sind“, erklärt die Musikwissenschaftlerin und Byzanzforscherin von Nina-Maria Wanek von der Universität Wien. „Ab dem 14. Jahrhundert gibt es dagegen ausführliche Niederschriften der Psalmgesänge – wahrscheinlich deshalb, weil man damals begann, die Melodien stark zu erweitern und mit zahlreichen Verzierungen zu versehen, sodass man nicht mehr alles im Gedächtnis behalten konnte.“

Über die frühen, vergleichsweise unbekannten Melodien, möchte Wanek nun mehr herausfinden. „Diese Psalmgesänge waren wahrscheinlich sehr einfach gehalten, deshalb spricht man hier auch von der ,einfachen Psalmodie‘“, erklärt die Forscherin. Einer der wichtigsten methodischen Ansätze, die sie in ihren Forschungen nutzt, ist die Komparatistik. „Zu meiner Arbeit gehören eingehende Vergleiche zwischen den melodischen Formeln aus den frühen und späteren Quellen. Es soll herausgefunden werden, wie viel von den alten Melodien auch noch in den neueren Varianten steckt.“

Spurensuche in Nachfolgegesängen

Klar scheint bereits, dass es in der byzantinischen Gesellschaft wichtig war, die Traditionen zu bewahren – auch in der Musik. „Die Melodien wurden von Generation zu Generation weitergegeben. Innovationen waren nicht gefragt“, erklärt Wanek. „Es wurde wenig grundlegend Neues komponiert, Instrumente und Mehrstimmigkeit waren damals und sind noch heute in der griechischen Kirche verboten.“ Typisch sei zudem, dass die Melismen genannten Verzierungen – heute würde man sie als Koloraturen bezeichnen – der späteren, überlieferten Melodien die Stücke zwar länger und verspielter machten. Dennoch bewahrten die Stücke meist immer noch den Kern der alten, mündlich überlieferten Melodien.

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Auf Basis dieses Wissens arbeitet Wanek nun daran, diese frühen Melodien zu rekonstruieren. „Es ist, als hätte man eine ausufernde Oper, die auf dem Lied ,Alle meine Entchen‘ basiert – das man allerdings nicht kennt. Die Herausforderung ist nun, diese einfache Melodie inmitten aller überbordenden Verzierungen zu identifizieren und herauszudestillieren“, so der anschauliche Vergleich der Wissenschaftlerin. Erschwerend kommt hinzu, dass es anders als in anderen Disziplinen keine Datenbanken gibt, die die über die ganze Welt verstreuten Originalquellen zusammenführen. Wichtige Handschriftensammlungen sind nur vor Ort zugänglich. „Auch am Berg Athos, der bekanntlich für Frauen nicht zugänglich ist, sind wohl Bestände vorhanden“, sagt Wanek. „Diese schwierige Quellenlage ist dafür mitverantwortlich, dass so wenige Studien zu den Psalmgesängen, aber auch allgemein zur byzantinischen Musik existieren.“

Durch ihre Arbeit möchte sie dazu beitragen, die e 2019 von der Unesco zum immateriellen Weltkulturerbe erklärte byzantinische Musik, stärker in den Fokus der Wissenschaft zu bringen. Letztendlich soll ein historisches Übersichtswerk entstehen, der die Zeit vom 10. bis zum 15. Jahrhundert umfasst.

Quelle: FWF der Wissenschaftsfonds

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