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Geschichte+Archäologie

DNA aus Steinzeitgrab enthüllt ältesten Stammbaum der Welt

Grab
Rekonstruktion des steinzeitlichen Kammergrabs. (Bild: Reich et al./ Nature, 2021)

Eine Analyse alter DNA gibt erstmals detaillierte Einblicke in die Familienstrukturen und Bestattungspraktiken der Jungsteinzeit. Forscher haben das Erbgut von 35 Personen untersucht, die vor rund 5.700 Jahren in einer großen Grabstätte in Hazleton North in Großbritannien begraben wurden. Demnach gehörten die meisten Personen zu fünf Generationen einer Großfamilie, die auf einen Mann und seine vier Frauen zurückgeht. Die Platzierungen im Grab deuten darauf hin, dass vor allem die patrilineare Abstammung relevant war, aber auch die Frauen der ersten Generation eine soziale Bedeutung für die Gemeinschaft hatten.

Wie haben die Menschen in der Jungsteinzeit zusammengelebt, welche Rolle spielte biologische Verwandtschaft für soziale Bande und wie waren ihre Familien aufgebaut? Einblicke in diese Fragen können alte Gräber liefern. Eines der am besten erhaltenen Gräber der Jungsteinzeit befindet sich in der englischen Gemeinde Hazleton in Gloucestershire. Die Grabstätte Hazleton North stammt aus der Zeit von etwa 3700 bis 3600 vor Christus und unterteilt sich in zwei voneinander getrennte, L-förmige Kammern. Eine ist über einen nördlichen Eingang erreichbar, eine über einen südlichen.

Großfamilie in jungsteinzeitlichem Grab

Ein Team um Chris Fowler von der Newcastle University hat nun die DNA aus den Knochen und Zähnen der in Hazleton North begrabenen Personen analysiert und auf dieser Basis den bisher ältesten Stammbaum der Welt rekonstruiert. „Ein außergewöhnlicher Befund ist, dass ursprünglich in jeder der beiden Grabhälften die sterblichen Überreste von zwei Zweigen derselben Familie beigesetzt wurden“, berichtet Fowler. „Dies ist von weitreichender Bedeutung, denn es deutet darauf hin, dass auch die architektonische Gestaltung anderer neolithischer Gräber etwas über die Verwandtschaftsverhältnisse in diesen Gräbern aussagen könnte.“

Von den 35 Personen, deren DNA Fowler und seine Kollegen analysierten, waren 27 eng miteinander verwandt: Sie bildeten fünf Generationen einer Großfamilie. „Das ist der erste direkte Beweis dafür, dass zumindest einige neolithische Gräber anhand der Verwandtschaft organisiert waren“, schreiben die Forscher. Die rekonstruierten Abstammungslinien der Individuen deuten darauf hin, dass in der damaligen Gesellschaft Polygamie üblich gewesen sein könnte. „Wir beobachteten sechs Fälle von mehreren Fortpflanzungspartnern“, berichten die Forscher. Als Stammeltern der Großfamilie identifizierten sie einen Mann und vier Frauen. Diese Frauen hatten alle mit demselben Mann Nachkommen, teils aber zusätzlich weitere Nachkommen mit einem anderen Vater. Da auch diese „Stiefsöhne“ in dem Grab bestattet waren, folgern die Forscher, dass soziale Vaterschaft in der neolithischen Gemeinschaft ähnlich wichtig gewesen sein könnte wie biologische Vaterschaft.

Stammbaum
Der Stammbaum der Familie. (Bild: Newcastle University)

Väterliche und mütterliche Abstammung von Bedeutung

Auffällig war, dass 26 der 35 untersuchten Individuen männlich waren. Abgesehen von zwei im Kindesalter verstorbenen Mädchen wurden fast ausschließlich Frauen in dem Grab beigesetzt, die sich mit männlichen Mitgliedern der Familie fortgepflanzt hatten. Erwachsene Töchter befanden sich nicht in dem Grab. „Das deutet auf eine virilokale Bestattung hin, das heißt auf eine Bestattung in der Linie des männlichen Partners und nicht in der Linie des Vaters“, erklären die Forscher. Frühere Untersuchungen haben zudem gezeigt, dass in Grabkammern vor allem Männer bestattet wurden, während Frauen womöglich eher verbrannt und ihre Überreste außerhalb der bis heute erhaltenen Gräber verstreut wurden.

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Wer in dem Grab bestattet wurde, wurde also anhand der patrilinearen Verwandtschaftslinie bestimmt. „Die räumliche Zuordnung innerhalb des Grabes orientiert sich dagegen an den mütterlichen Unterlinien“, berichten die Forscher. Die Nachkommen von zwei Müttern der ersten Generation wurden alle in der südlichen Grabhälfte bestattet, die meisten Nachkommen der anderen beiden Mütter der ersten Generation in der nördlichen Hälfte. „Der Stammbaum ist also in einen ‚südlichen Zweig‘ und einen ‚nördlichen Zweig‘ unterteilt, die jeweils aus zwei mütterlichen Linien bestehen“, erläutern die Forscher. „Die Tatsache, dass diese Dualität für die Architektur des Grabes grundlegend ist, lässt vermuten, dass die Erbauer diese Aufteilung antizipiert haben.“ Dies deutet aus Sicht der Forscher auf die soziale Bedeutung der vier Stammmütter hin.

Einblicke in prähistorische Gesellschaften

Für acht Personen in dem Grab konnten die Forscher keine biologische Verwandtschaft zu den anderen Bestatteten feststellen. Drei von ihnen waren Frauen, und es ist möglich, dass sie einen Partner im Grab hatten, aber entweder keine Kinder hatten oder Töchter, die das Erwachsenenalter erreichten und die Gemeinschaft verließen. Die fünf nicht verwandten Männer deuten darauf hin, dass biologische Verwandtschaft nicht das einzige Kriterium für die Aufnahme war.

Den Forschern zufolge zeigt ihre Studie, wie moderne Techniken zur Analyse alter DNA dabei helfen können, Einblicke in das Leben prähistorischer Gesellschaften zu gewinnen. „Noch vor wenigen Jahren war es schwer vorstellbar, dass wir jemals etwas über neolithische Verwandtschaftsstrukturen wissen würden“, sagt Co-Autor Ron Pinhasi von der Universität Wien. „Aber dies ist erst der Anfang, und zweifellos gibt es noch viel mehr zu entdecken, auch an anderen Fundorten in Großbritannien, im atlantischen Frankreich und in anderen Regionen.“

Quelle: Chris Fowler (Newcastle University, UK) et al., Nature, doi: 10.1038/s41586-021-04241-4

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