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Geschichte+Archäologie

DNA gibt Einblicke in Alemannen-Familie

Alemannische Grabbeigaben
Grabeigaben aus der Adelsgrablege von Niederstotzingen (Foto: Landesmuseum Württemberg, P. Frankenstein / H. Zwietasch)

Die Adelsgrablege von Niederstotzingen in Baden-Württemberg ist eine der bedeutendsten Alemannen-Grabstätten in Deutschland. Doch bisher war kaum etwas über die darin bestatteten 13 Toten bekannt. Jetzt haben DNA-Analysen erstmals ihre Herkunft und Familienbeziehungen enthüllt. Demnach wurden hier neben eng Verwandten auch zwei Männer fremder Herkunft bestattet. Dies könnte bestätigen, dass die alemannischen Eliten auch Nicht-Blutsverwandte zu ihrer „Familie“ zählten und gemeinsam mit ihr begruben.

Die Alemannen waren ursprünglich ein Zusammenschluss germanischer Stämme, die im östlichen Oberrheingraben und den umliegenden Gebieten lebten. Nach einer Niederlage gegen die Franken im Jahr 497 wurden sie Teil des Königreichs der Merowinger. Diese Wende und die damit verknüpfte Vermischung von Franken und Alemannen spiegelt sich auch in einem Wandel der Bestattungsriten wider: Fortan wurden die Angehörigen der Eliten in reich ausgestatteten Familiengräbern – sogenannten Adelsgrablegen – bestattet.

Zwölf Gräber mit reichen Beigaben

Eine der bedeutendsten Adelsgrablegen der Alemannen ist die Grablege von Niederstotzingen am Fuß der Schwäbischen Alb. Die 1962 entdeckte Anlage umfasst zwölf Gräber aus der Zeit zwischen 590 und 530, in denen Forscher die Überreste von 13 Toten fanden. Die zehn Erwachsenen und drei Kinder waren von reichen Grabbeigaben umgeben. „Zu diesen gehörten verschiedenste Waffen, Panzerungen, Schmuck, Pferdegeschirre und die Skelette von drei Pferden“, berichten Niall O’Sullivan vom EURAC-Forschungszentrum in Bozen und seine Kollegen. „Die Grabbeigaben sind fränkischer, byzantinischer und lombardischer Herkunft, was für enge Kontakte zu diesen Kulturen spricht.“

Offen blieb aber bisher, ob alle Toten in dieser Adelsgrablege zu einer Familie gehörten und welcher Herkunft sie waren. Denn von den Merowingern ist bekannt, dass ihr Machtsystem stark auf persönlichen Beziehungen beruhte. Häufig wurden beispielsweise die Kinder von Verbündeten in den eigenen Haushalt aufgenommen, um die Bindungen innerhalb der sogenannten Personenverbandstaaten zu stärken, wie die Forscher erklären. Ob aber diese angenommenen Familienmitglieder bei ihrem Tode ebenfalls in der Adelsgrablege bestattet wurden, war bisher umstritten.

Alemannische Tote
Gebeine toter Alemannen aus der Adelsgrablege (Foto: Landesamt für Denkmalpflege im RP Stuttgart)

Nur männliche Tote

Jetzt haben DNA-Analysen der Toten aus der Adelsgrablege von Niederstotzingen in diesem Punkt Klarheit geschaffen. Aus dem Erbgut, das O’Sullivan und sein Team aus den Zähnen der Toten isolierten, erhielten sie Aufschluss über die Verwandtschaftsverhältnisse und das Geschlecht der Toten. Zusätzliche Analysen der Strontium- und Sauerstoff-Isotope in den Überresten der toten Alemannen lieferten zudem Informationen darüber, woher diese Toten stammten und wo sie aufgewachsen waren.

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Es zeigte sich: Mindestens elf der 13 toten Alemannen waren männlichen Geschlechts, darunter sind auch die Kinder. „Das spricht dafür, dass die Grabriten der Alemannen geschlechtsspezifisch waren“, sagen die Forscher. Sie vermuten, dass dies entweder die Sozialstruktur der Adelsschicht jener Zeit widerspiegelt oder aber der Nähe dieser Grablege zu möglichen Militärlagern geschuldet war. „Im Gebiet der Merowinger wurden schon häufiger rein männliche Bestattungen in Adelsgräbern nahe prominenten Orten wie den Römerstraßen gefunden“, sagen O’Sullivan und seine Kollegen.

Nicht alle waren blutverwandt

Die DNA-Analysen enthüllten zudem, dass mindestens fünf von den Toten eng miteinander verwandt waren. Sie waren vermutlich Brüder sowie Väter und Söhne oder Enkel, wie die Archäologen berichten. Zudem stammten diese allesamt im Nordteil der Grablege bestatteten Männer aus der näheren Umgebung: Sowohl ihre Isotopendaten als auch ihre DNA sprechen für eine lokale Herkunft. Anders dagegen zwei Tote aus dem Südteil der Grablege: Ihre Gene deuteten eher auf eine Abstammung aus dem Mittelmeerraum hin.

Interessant jedoch: Obwohl nicht alle Toten miteinander blutverwandt waren, gab es in der Ausstattung ihrer Gräber und den Grabbeigaben keinerlei Unterschiede. „Die Zuordnung von Beigaben und die Art der Bestattung folgt keinem ersichtlichen Muster in Bezug auf Herkunft oder Verwandtschaft“, berichten O’Sullivan und sein Team. „Das zeigt, dass bei diesen Begräbnissen Blutverwandte und Haushaltsmitglieder anderer Herkunft gleichwertig behandelt wurden.“ Die Adelsgrablege von Niederstotzingen könnte demnach bestätigen, dass für die Alemannen und Merowinger die „Familia“ mehr umfasste als nur Blutsbande.

Quelle: Niall O’Sullivan (EURAC Institute for Mummy Studies, Bozen) et al., Science Advances, doi: 10.1126/sciadv.aao1262

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