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Geschichte+Archäologie

Doch nicht das letzte Reich der Neandertaler?

Die Punkte zeigen archäologische Stätten, in denen das Aurignacien älter als 42.000 Jahre ist. Orange Pfeile zeigen mögliche Expansionsrouten an. Links ist ein Neandertaler-Schädel und ein Mousterien-Werkzeug aus der Bajondillo-Höhle gezeigt. Auf der rechten Seite ist ein Homo sapiens Schädel und ein Aurignacien-Werkzeug zu sehen, das in der Bajondillo-Höhle gefunden wurde. (Bild: Universität von Sevilla)

Stück für Stück eroberte sich der anatomisch moderne Mensch einst Europa und verdrängte dabei den dort ansässigen Neandertaler. Die Iberische Halbinsel war in diesem Zusammenhang die letzte Region, die unsere Spezies erreichte, besagt eine Hypothese. Doch dieser Ansicht wiedersprechen nun Datierungen von einem Fundort im Süden Spaniens: Dort hat der anatomisch moderne Mensch den Neandertaler offenbar bereits vor ungefähr 44.000 Jahren ersetzt – also vergleichsweise früh.

Eigentlich ist er nicht wirklich ausgestorben – mittlerweile ist aus genetischen Untersuchungen bekannt, dass auch einige Neandertaler zu unseren Vorfahren gehören – sie haben sich mit dem modernen Menschen vermischt. Dennoch scheint klar: Als Homo sapiens sich in Europa breit machte, hat er den Homo neanderthalensis verdrängt und ihn schließlich vor rund 30.000 Jahren restlos ersetzt. Zu den genauen Abläufen gibt es allerdings noch immer viele offene Fragen.

So ist bislang unklar, wie und wann der anatomisch moderne Mensch bestimmte Teile Europas erreicht hat. Als Anhaltspunkte zu dieser Frage gelten Funde, die sich den beiden Menschenformen zuordnen lassen. In Westeuropa werden in diesem Zusammenhang die späten Neandertaler mit charakteristisch geformten Steinwerkzeugen assoziiert, die der Machart des sogenannte Mousterien entsprechen (benannt nach dem Neandertaler-Fundort Le Moustier in Frankreich). Die ersten modernen Menschen werden hingegen mit der nachfolgenden Aurignacien-Machart von Steinwerkzeugen (benannt nach dem französischen Fundort Aurignac) in Verbindung gebracht.

Bildete der Ebro lange eine Grenze?

Bisher legten Funde von Steinwerkzeugen sowie Datierungen nahe, dass das Einzugsgebiet des Flusses Ebro südlich der Pyrenäen eine Grenze bei der Ausbreitung des modernen Menschen in den Süden dargestellt haben könnte. Es schien, als wäre südlich dieser Linie die Ablösung des mit den Neandertalern verknüpften Mousterien durch das Aurignacien deutlich später abgelaufen als in anderen Teilen Europas. Dieser Hypothese von der Grenzfunktion der Ebro-Region widersprechen nun die aktuellen Ergebnisse des internationalen Forscherteams um Arturo Morales-Muñiz von der Autonomen Universität Madrid.

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Im Rahmen ihrer Studie haben die Anthropologen Funde aus der Bajondillo-Höhle datiert, die sich an der Küste im äußersten Süden der Iberischen Halbinsel befindet. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass dort die Ablösung des Mousterien durch das Aurignacien schon vor etwa 45 bis 43.000 Jahren stattgefunden hat. Das bedeutet: Die Ankunft des anatomisch modernen Menschen an der südlichsten Spitze der Iberischen Halbinsel war in etwa synchron mit der in anderen Regionen Europas.

Neues Licht auf die Urgeschichte der Iberischen Halbinsel

Den Forschern zufolge steht nun allerdings die Frage im Raum, inwieweit das Ergebnis generell auf eine frühere Verdrängung der Neandertaler im Süden der Halbinsel hindeutet. Es könnte dort auch eine komplexere Besiedlungsgeschichte gegeben haben beziehungsweise eine eher lange Co-Existenz der beiden Menschenformen, geben die Anthropologen zu bedenken.

Das Ergebnis hebt zudem die möglicherweise wichtige Rolle der Küsten bei der Ausbreitung des anatomisch modernen Menschen hervor. „Solche frühen Spuren des Aurignacien aus einer Höhle nahe am Meer werfen die Frage auf, inwieweit die Mittelmeerküste für die Ausbreitung genutzt wurde“, sagt Co-Autor Chris Stringer vom Natural History Museum in London. In Anbetracht der möglichen Bedeutung der Küsten schlägt sein Kollege Morales-Muñiz sogar vor, sich nun intensiver der Untersuchung einer anderen potenziellen Ausbreitungsroute der Neuankömmlinge aus Afrika zu widmen: über die Straße von Gibraltar.

Quelle: University of Seville, Nature Ecology & Evolution, doi: 10.1038/s41559-018-0753-6

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