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Geschichte+Archäologie

Domestikation der Pferde lief anders

Botaipferd
So könnten einige der Botaipferde ausgesehen haben (Grafik: Ludovic Orlando)

Der Menschen begann schon vor rund 5000 Jahren, Wildpferde zu zähmen und zu nutzen. Als Vorfahren aller heutigen Hauspferde galten dabei die früher in Kasachstan verbreiteten Botaipferde. Doch eine neue DNA-Studie stellt diese Annahme nun auf den Kopf. Sie enthüllt, dass keine der heutigen Pferderassen direkt auf die Botai zurückgeht. Stattdessen stammen nur die Przewalski-Pferde von dieser früh domestizierten Pferderasse ab – sie sind damit keine echten Wildpferde, sondern nur verwilderte Hauspferde.


Die Domestikation der Pferde prägte die menschlichen Geschichte nachhaltig: Die Nutzung von Pferden als Reit- und Zugtiere, aber auch als Lieferanten für Milch, Leder und Fleisch revolutionierte die Lebensweise früher Nomadengesellschaften und förderte die Verbreitung neuer Kulturtechniken selbst über große Entfernungen hinweg. Wann der Mensch damit begann, Wildpferde zu zähmen und zu nutzen, ist bisher jedoch nur in Teilen geklärt. Auf Basis von archäologischen Funden gehen Forscher aber davon aus, dass die sogenannten Botaipferde, die vor rund 5500 Jahren in der Steppe Nord-Kasachstans lebten, die ersten domestizierten Pferde gewesen sein könnten – möglicherweise sind sie sogar die Vorfahren aller heute bekannten Hauspferderassen. Die ebenfalls in den Steppen Zentralasiens vorkommenden Przewalski-Pferde dagegen galten lange als letzte Abkömmlinge echter Wildpferde. Genanalysen legten nahe, dass die Linie der Przewalski-Pferde lange vor der Domestikation der Pferde abzweigte.

Keine nähere Verwandtschaft

Doch eine neue DNA-Studie wirft nun ein ganz neues Licht auf die Entwicklungsgeschichte der Pferde. Charleen Gaunitz vom Naturgeschichtlichen Museum Dänemarks in Kopenhagen und ihr internationales Team haben dafür das Erbgut von 20 Botaipferden und 22 weiteren Pferdefossilien aus verschiedenen Orten Eurasiens analysiert. Zusammen mit den bereits zuvor sequenzierten Genomen von 18 fossilen und 28 modernen Pferden umfasst diese Genstudie damit Pferde aus den letzten 5000 Jahren. Aus diesen Daten rekonstruierten die Wissenschaftler die Verwandtschaftsverhältnisse und Entwicklung der Hauspferde und der Przewalski-Pferde.

Die DNA-Daten lieferten ein unerwartetes Ergebnis: Sowohl die bisherigen Annahmen zu den Botaipferden als auch den Przewalski-Pferden sind offenbar falsch. Denn im Erbgut der modernen Hauspferde findet sich so gut wie keine DNA der Botaipferde, wie die Wissenschaftler feststellten. Keine einzige der eurasischen Pferderassen der letzten vier- bis fünftausend Jahre ist mit den Botaipferden nahe verwandt. „Das ist eine große Überraschung“, sagt Co-Autorin Sandra Olsen von der University of Kansas. „Ich war eigentlich davon überzeugt, dass wir mit den Botai die ältesten domestizierten Pferde gefunden hatten. Doch die DNA-Ergebnisse zeigen, dass diese Steppenpferde nicht die Vorfahren der heutigen Hauspferde sind.“

Rätsel bleibt bestehen

Welche Pferde stattdessen den Grundstock aller später folgenden Pferderassen bildeten, ist damit weiter offen. „Während des dritten Jahrtausends vor Christus muss eine weitere, nicht mit den Botaipferden verwandte Pferdegruppe zum Ursprung aller domestizierten Pferdepopulationen geworden sein, so die Forscher. Doch wo diese Pferde einst lebten und wo ihre Domestikation stattfand, ist bisher unbekannt – auch weil es an archäologischen Funden aus dieser Zeit mangelt. Die Wissenschaftler vermuten jedoch, dass der Ursprung der Hauspferde irgendwo im Gebiet zwischen Osteuropa, Anatolien und dem Iran liegen könnte.

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Es gab aber noch eine Überraschung: Auch die Przewalski-Pferde sind nicht das, wofür man sie gehalten hat. „Sie galten bisher als die letzten echten, niemals domestizierten Wildpferde“, sagen Gaunitz und ihre Kollegen. „Unsere Ergebnisse enthüllen nun, dass sie stattdessen verwilderte Abkömmlinge der Botaipferde sind.“ Ihr Erbgut legt nahe, dass die Przewalski-Pferde von Botaipferden abstammen, die ihren Haltern entkamen und fortan wild in der Steppe lebten – ähnlich wie die nordamerikanischen Mustangs, die aus verwilderten Pferden der spanischen Eroberer hervorgegangen sind. „Das bedeutet auch, dass es heute keine echten Wildpferde mehr gibt – das ist die traurige Nachricht“, sagt Olsen. „Wir dachten die ganze Zeit, dass es noch eine letzte Wildpferdeart gibt und erst jetzt stellt sich heraus, dass alle Wildpferde ausgestorben sind.“

Charleen Gaunitz (Natural History Museum of Denmark, Kopenhagen) et al., Science, doi: 10.1126/science.aao3297

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