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Maya-Kultur

Ein ausländischer Baukomplex in Tikal

Lidar-Analysen haben die Spuren einer etwa 1800 Jahre alten Zitadelle in der Nähe des Zentrums von Tikal aufgedeckt. (Bild: Thomas Garrison/PACUNAM)

Geheimnisvolle Baustrukturen im Visier: Ein Archäologe berichtet über einen Gebäudekomplex in der Maya-Stadt Tikal, der offenbar einem Vorbild der weit entfernten imperialen Metropole Teotihuacan nachempfunden war. Möglicherweise erfüllte die Anlage die Funktion einer ausländischen Vertretung – sie könnte allerdings auch die Dominanz der fremden Macht über Tikal verdeutlicht haben, sagt der Wissenschaftler.

Bis vor etwa 1000 Jahren prägte ihre Kultur weite Teile Mittelamerikas: Ruinen monumentaler Siedlungsstrukturen zeugen von der geheimnisvollen Zivilisation der Maya. Als eine der bekanntesten und am besten erforschten Städte gilt dabei Tikal in Guatemala. Bereits seit den 1950er Jahren führen Wissenschaftler dort umfangreiche Untersuchungen durch. Doch noch immer gibt es in der Maya-Stadt Spannendes zu entdecken, wie sich in den letzten Jahren immer wieder gezeigt hat. In die einstigen Strukturen der Stadt hat dabei vor allem eine neue Technik neue Einblicke geliefert: Forscher der „Pacunam Lidar Initiative“ untersuchen das Areal mittels Lasertechnologie. Beim sogenannten „Light Detection And Ranging“ (LIDAR) wird die Topographie der Landschaft von Fluggeräten aus mittels Laserstrahl abgetastet. Durch Analysen der Daten lassen sich anschließend archäologische Strukturen sichtbar machen, die vor Ort kaum zu erkennen sind.

Verborgenes sichtbar gemacht

Der an den Untersuchungen beteiligte Archäologe Stephen Houston von der Brown University in Providence berichtet nun von besonderen Entdeckungen in Tikal, die in den letzten Jahren mittels LIDAR entstanden sind, sowie über anschließende archäologische Befunde. Demnach zeichnet sich deutlich ab, dass sich in einem bisher kaum beachteten Gebiet in der Nähe des einstigen Zentrums von Tikal ein erstaunlicher Gebäudekomplex befand: Seine Merkmale ähnelten bekannten Baustrukturen aus dem rund 1000 Kilometer entfernten Teotihuacan, der damals größten und mächtigsten Stadt Amerikas. „Was wir für natürliche Hügel hielten, erwies sich als Strukturen, die offenbar an die Zitadelle in Teotihuacan angepasst waren – das Areal, das dort möglicherweise den imperialen Palast repräsentierte“, sagt Houston. Wie er erklärt, werfen diese Hinweise nun neues Licht auf die Verbindungen von Tikal und Teotihuacan.

Es handelte sich um sehr unterschiedliche Städte aus der Zeit des ersten Jahrtausends n. Chr., betont Houston: Tikal war zwar ein prächtiger und bedeutender Stadtstaat der Mayakultur, doch im Vergleich zu Teotihuacan bescheiden: Die in der Nähe des heutigen Mexiko City gelegene Metropole war das Zentrum eines Imperiums. Obwohl diese Kultur geheimnisvoll bleibt, steht fest, dass sie weitreichenden Einfluss und Macht besaß. So ist bereits bekannt, dass Teotihuacan mit Tikal über Jahrhunderte hinweg durch Handel und kulturellen Austausch verbunden war. Allerdings nicht nur das: Aus der Zeit um das Jahr 378 n. Chr. gibt es Hinweise darauf, dass das Imperium von Teotihuacan Tikal eroberte.

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Mehr als eine ausländische Vertretung?

Doch der neuentdeckte Komplex wird auf ein Alter von etwa 1800 Jahren geschätzt und stammte somit schon aus früherer Zeit. Daraus geht hervor, dass die imperiale Macht im heutigen Mexiko mehr als nur Handel mit Tikal trieb und sie kulturell beeinflusste, bevor sie sie eroberte. „Der architektonische Komplex, den wir gefunden haben, scheint für Menschen aus Teotihuacan oder für diejenigen, die unter ihrer Kontrolle standen, gebaut worden zu sein“, sagt Houston. „Vielleicht handelte es sich um so etwas wie einen Botschaftskomplex, aber möglicherweise diente die Anlage auch der Besatzung oder Überwachung. Zumindest zeigt es den Versuch, Tikal einen Teil eines ausländischen Stadtplans zu implantieren“, resümiert Houston.

Archäologische Befunde im Anschluss an die Lidar-Untersuchungen bestätigten dies: Einige Gebäude wurden mit Lehmverputz statt mit dem traditionellen Maya-Kalkstein errichtet. Die Strukturen waren als kleinere Nachbildungen der Gebäude der Zitadelle von Teotihuacan konzipiert, bis hin zu den komplizierten Gesimsen und Terrassen und der spezifischen 15,5-Grad-Ost-Nord-Ausrichtung der Plattformen des Komplexes. „Es deutet fast darauf hin, dass die einheimischen Baumeister angewiesen wurden, beim Bau dieses weitläufigen Gebäudekomplexes eine völlig ortsfremde Bautechnologie zu verwenden, sagt Houston. Ihm zufolge deuten auch weitere archäologische Hinweise im Zusammenhang mit dem Gebäudekomplex auf eine eher wenig diplomatische Funktion hin. „Wir haben zuvor Hinweise für eine gegenseitige Interaktion zwischen den beiden Zivilisationen gesehen, aber hier scheinen wir es mit Fremden zu tun zu haben, die sich aggressiv verhielten“, so der Archäologe.

Doch nach wie vor bleiben viele Fragen zur Beziehung zwischen Teotihuacan und Tikal offen. Houston und seine Kollegen hoffen, dass die nun geplanten weiteren Ausgrabungen und Analysen mehr Einblicke liefern werden. Sie könnten dabei auch übergeordnete Bedeutung haben, meint Houston: „Schon vor der europäischen Kolonisierung Amerikas gab es dort Großmächte, die mit kleineren Zivilisationen interagierten. Die Erforschung des Einflusses von Teotihuacan auf Mesoamerika könnte ein Weg sein, um grundlegende Muster von Kolonialismus zu erforschen“.

Quelle: Brown University

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