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Schweden

Ein Fötus im Bischofsgrab

Bischof
Die Mumie des Bischofs in seinem Sarg. (Bild: Gunnar Menander)

Im Jahr 1679 wurde der schwedische Bischof Peder Winstrup in der Kathedrale der Stadt Lund bestattet – sein Leichnam blieb als Mumie gut erhalten. Doch als Archäologen vor kurzem diese Mumie näher untersuchten, sind sie auf eine überraschende Grabbeigabe gestoßen: Zu Füßen des Bischofs lag ein toter Fötus. Wer dieses Kind war und in welcher Beziehung es zum Bischof stand, hat nun ein Forscherteam durch DNA-Analysen und einen Blick in die Familiengeschichte des Klerikers untersucht.

Der 1605 in Kopenhagen geborene protestantische Bischof Peder Winstrup ist sowohl kirchlich wie akademisch eine prominente Gestalt der schwedischen Geschichte. Denn der als Sohn des Bischofs von Seeland geborene Mann schlug zunächst eine sowohl wissenschaftliche wie theologische Laufbahn ein, während der er auch Universitäten in Wittenberg und Jena besuchte. 1632 kehrte er nach Kopenhagen zurück und wurde dort zunächst Professor für Physik. 1638 zog er zusammen mit seiner Frau Anne Maria Ernstdatter Baden in das damals noch dänische Lund um, um dort eine Position als Bischof Scania, Halland und Blekinge anzunehmen.

Nach dem dänisch-schwedischen Krieg wurden mehrere ostdänische Gebiete, darunter auch Lund, an Schweden abgegeben. Winstrup durfte seine Position jedoch behalten und wurde nun der schwedische Bischof von Lund. In der folgenden Zeit trug er maßgeblich dazu bei, die Universität von Lund zu gründen und wurde 1671 ihr zweiter Kanzler. Als er am 28. Dezember 1679 im reifen Alter von 74 Jahren starb, wurde er einbalsamiert und in der Familiengruft in der Kathedrale von Lund bestattet. Weil der Bischof und weitere Tote in einen Friedhof außerhalb der Kirche umgebettet werden sollten, wurde das Grab 2012 geöffnet und näher untersucht.

Überraschender Fund im Grab des Bischofs

Dabei stießen Archäologen auf etwas Unerwartetes: „Einer der spektakuläreren Funde war die Entdeckung der Überreste eines fünf bis sechs Monate alten Fötus, der zwischen den Unterschenkeln des Bischofs lag“, berichten Maja Krzewinska vom Paläogentischen Zentrum Stockholm und ihre Kollegen. „Dieser Fund löste Diskussionen darüber aus, wie dieses Kind mit dem Bischof in Zusammenhang stehen konnte.“ Zwar war es im ausgehenden Mittelalter durchaus üblich, tote Kinder im Sarg von Erwachsenen mitzubestatten. In diesem Fall schien der in ein Tuch gewickelte Fötus allerdings eher hastig und ohne große Ehrerbietung unter die Seidenunterlage geschoben worden zu sein.

Um mehr über den Fötus und seine Verbindung zum Bischof Winstrup herauszufinden, haben nun Krzewinska und ihr Team beide Tote einer vergleichenden DNA-Analyse unterzogen. „Archäogenetik kann dabei helfen, Verwandtschaften zwischen verstorbene Menschen aufzudecken – in diesem Fall zwischen dem Bischof und dem Fötus“, erklärt Krzewinska. Dafür entnahmen sie und ihre Kollegen eine Probe aus dem Oberschenkelknochen des Bischofs und des Fötus, isolierten daraus das Erbgut und verglichen dann sowohl die mitochondriale, über die mütterliche Linie vererbte DNA, als auch die Sequenz des Y-Chromosoms und großer Teile des restlichen Erbguts.

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Über die väterliche Linie verwandt

Die Analysen ergaben, dass der Fötus männlichen Geschlechts war und ein Viertel seiner Gene mit dem Bischof teilte – das sprach für eine Verwandtschaft. Weil die Mitochondrien-DNA der beiden aber keinerlei Übereinstimmungen aufwies, konnten Bischof und Kind aber nicht über die mütterliche Linie verwandt sein. Doch bei der Suche nach einer möglichen Verwandtschaft über die väterliche Linie, die sich anhand von Übereinstimmungen auf dem Y-Chromosom feststellen lässt, wurde das Team fündig. „Die Gendaten deuten auf eine Beziehung hin, die der von Halbgeschwistern, von Großvater zu Enkel oder von Onkel zu Neffe entspricht“, berichten die Wissenschaftler. Auch Cousins zweiten Grades seien möglich.

Welche dieser Beziehungen aber traf zu? Um das zu klären, haben sich Krzewinska die Familienverhältnisse des Bischofs noch einmal näher angeschaut. „Die Tatsache, dass der einzige Bruder von Peder Winstrup jung, unverheiratet und ohne Nachkommen starb, schließt Verwandtschaftsbeziehungen wie Onkel, Neffen, Halbgeschwister und Cousins schon mal aus“, so das Team. Zwar hatte der Bischof vier Schwestern mit zahlreichen Kindern, doch eine Verwandtschaft über weibliche Verwandte scheide wegen der nicht passenden mitochondrialen DNA aus.
(Video: Lund University)

Ein totgeborener Enkel des Bischofs

Blieb die Frage, ob der Fötus ein Enkel des Bischofs gewesen sein könnte. Tatsächlich hatte Winstrup einen Sohn, der im Jahr 1647 geboren wurde. Entgehen der Familientradition entschied sich dieser ebenfalls Peder getaufte Sohn gegen eine theologische Laufbahn und studierte in Holland die Technik der militärischen Befestigung. 1679 heiratete er, ob er jedoch Nachwuchs zeugte, ist heute unbekannt. Auch wann er starb, ist nicht überliefert. Bekannt ist aber, dass Winstrups Sohn beruflich wenig erfolgreich war und vom Almosen seines Schwagers Johan Gyllenpalm abhängig war.

Als Winstrup junior starb, wurde auch er in der Familiengruft in der Kathedrale von Lund bestattet. Weil er keine lebenden Nachkommen hatte, endet die männliche Stammeslinie der Winstrups mit ihm. Der tote Fötus könnte aber ein totgeborenes Kind des Bischofssohns gewesen sein, dass nachträglich mit in dessen Grab gelegt wurde. „Es ist gut möglich, dass das tote Baby der Sohn von Peder Pedersen Winstrup war und daher ein Enkel des Bischofs“, sagt Krzewinska. Der Fötus im Bischofsgrab wäre dann der letzte männliche Spross dieser Familie gewesen.

Quelle: Universität Lund, Fachartikel: Journal of Archaeological Science: Reports, doi: 10.1016/j.jasrep.2021.102939

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