Ein Gesicht für Lucys "Opa" - wissenschaft.de
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Geschichte+Archäologie

Ein Gesicht für Lucys „Opa“

Australopithecus anamensis
Der neuentdeckte Scädel des Australopithecus anamensis und die darauf basierende Rekonstruktion des Gesichts dieses Vormenschen (Bild: Matt Crow, Dale Omori/ Cleveland Museum of Natural History, Rekonstruktion: John Gurche)

Bisher fehlte in der menschlichen Ahnengalerie ein wichtiges Portrait: das des Vormenschen Australopithecus anamensis. Dieser vor rund vier Millionen Jahren lebende Hominide ist der älteste Vertreter dieser Vormenschengattung, doch wie er aussah, wusste man nicht. Jetzt haben Forscher in der äthiopischen Afar-Region den ersten fast vollständigen Schädel des Australopithecus anamensis entdeckt. Der 3,8 Millionen Jahre alte Fund enthüllt erstmals das Gesicht dieses Vormenschen und verrät damit auch, wie er sich von dem nachfolgenden Australopithecus afarensis unterschied – der Art, zu der das berühmte Fossil „Lucy“ gehört.

Die Wiege einiger unserer frühesten Vorfahren stand im Afar-Dreieck – einer kargen Wüstengegend im Norden Äthiopiens. Hier lebten vor 3,2 Millionen Jahren eher schmächtige, noch stark behaarte, aber schon aufrecht gehende Primaten – Vormenschen der Art Australopithecus afarensis. Ihre berühmteste Vertreterin ist „Lucy“, ein 1974 entdecktes, fast vollständiges Skelett dieses Hominiden. Seither jedoch haben Wissenschaftler sowohl in der Afar-Region als auch im Süden Afrikas weitere teilweise gleichalte, teilweise ältere Australopithecus-Arten entdeckt. Zu ihnen gehören neben Lucys umittelbarem „Nachbarn“ Australopithecus deyiremeda auch der etwas ältere Vormensch Australopithecus anamensis. Diese vor 4,2 bis 3,9 Millionen Jahren lebende Spezies galt bisher als direkter Vorfahre von A. afarensis. Weil aber bisher nur Zähne und Kieferfragmente dieser Art gefunden wurden, blieb das Aussehen dieses Vormenschen im Dunkeln.

Erster Schädel eines Australopithecus anamensis

Das hat sich nun geändert. Denn Yohannes Haile-Selassie vom Cleveland Museum of Natural History und seine Kollegen haben den ersten Schädel eines Australopithecus anamensis entdeckt. Den Oberkiefer dieses Schädels fand ein Mitarbeiter des Woranso-Mille-Projekts schon am 10. Februar 2016. Als dann die Forscher weitersuchten, stießen sie auf die restlichen Teile des Schädels. „Ich habe meinen Augen nicht getraut, als ich den Rest des Schädels entdeckte. Es war ein Heureka-Moment, ein Traum wurde wahr“, sagt Haile-Selassie. Um das Alter dieses Fundes zu bestimmen, analysierte eine zweite Forschergruppe um Beverly Saylor von der Case Western Reserve University in Cleveland Minerale aus vulkanischen Gesteinsschichten nahe der Fundstelle. Auf Basis der chemischen und magnetischen Merkmale dieses Umgebungsgesteins ermittelten die Forscher für den Schädel ein Alter von 3,8 Millionen Jahren.

Nun stellte sich die Frage, von welcher Spezies dieser „MRD-VP-1/1“, kurz MRD, getaufte Schädel stammte. Dafür führten Haile-Selassie und sein Team detaillierte Analysen der anatomischen Merkmale des Schädels durch. Durch Abgleich mit schon bekannten Australopithecus-Fossilien gelang es ihnen schließlich, die Spezies zu bestimmen: „Die Beschaffenheit des Oberkiefers und eines Eckzahns waren ausschlaggebend dafür, den Schädel der Art A. anamensis zuzuordnen“, berichtet Co-Autorin Stephanie Melillo vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig. Damit bekommt das älteste bekannte Mitglied der Gattung Australopithecus nun endlich ein Gesicht. Denn der fast vollständige Schädel ermöglicht es erstmals, das genaue Aussehen dieser Vormenschenart zu rekonstruieren. Aus den Merkmalen schließen die Forscher zudem, dass dieser Schädel von einem Vormenschen-Mann stammt.

Fund schließt Lücke im Stammbaum

Nähere Analysen des Schädels enthüllten, dass Kopf und Gesicht von Australopithecus anamensis sowohl Ähnlichkeiten als auch klare Unterschiede zu „Lucy“ und ihren Artgenossen aufwiesen. „Bei MRD finden sich sowohl einfache als auch komplexere Gesichts- und Schädelmerkmale, die ich in dieser Kombination nicht erwartet hatte“, sagt Haile-Selassie. So ist das Hirnvolumen mit 365 bis 370 Kubikzentimetern geringer als selbst bei den kleinsten bisher bekannten A. afarensis-Frauen. Darin und in der starken Einschnürung des Schädels hinter den Augen ähnelt der neue Schädel älteren Hominiden wie Sahelanthropus und Ardipithecus. Andererseits besitzt A. anamensis bereits die ausgeprägt vorstehenden Wangenknochen und die schmale Stirn, die für die Gattung Australopithecus typisch sind. „Bis jetzt gab es zwischen den frühesten bekannten menschlichen Vorfahren, die etwa sechs Millionen Jahre alt sind, und Arten wie ‚Lucy‘, die zwei bis drei Millionen Jahre alt sind, eine große Lücke“, sagt Melillo. „Einer der spannendsten Aspekte unserer Entdeckung ist, wie sie die Lücke zwischen diesen beiden Gruppen überbrückt.“

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Darüber hinaus liefert der neue Fund auch wertvolle und teilweise überraschende Informationen über die Verwandtschaftsverhältnisse von Australopithecus anamensis und A. afarensis – der Spezies von „Lucy“. Weil beide Arten nacheinander im selben Gebiet lebten, gingen Anthropologen bisher davon aus, dass sie anagenetisch waren – aus der ersten Spezies entwickelte sich in gerader Linie die zweite. „Früher dachten wir, dass A. anamensis mit der Zeit allmählich zu A. afarensis wurde“, erläutert Melillo. Doch die Merkmale des neu entdeckten Schädels sprechen nun gegen dieses Szenario. Zudem belegt die Datierung, dass beide Arten mindestens 100.000 Jahre lang nebeneinander im gleichen Gebiet gelebt haben müssen. „Wir gehen noch immer davon aus, dass beide Arten in einer Vorfahren- und Nachkommenbeziehung zueinanderstehen“, sagt Melillo. Doch die anatomischen Unterschiede und die Überlappung beider Spezies sprechen nun eher dafür, dass Lucy und ihre Artgenossen auf mehr als nur eine Vorläuferart zurückgehen.

„Das verändert unser Verständnis der menschlichen Evolution während des Pliozäns grundlegend“, konstatiert Haile-Selassie. Welche Art dies gewesen sein könnte, bleibt allerdings vorerst offen. Klar scheint nur: Die Evolution des Menschen war auch bei diesem Schritt komplexer als bisher gedacht.

Quelle: Yohannes Haile-Selassie (Cleveland Museum of Natural History, Cleveland) et al., Nature, doi: 10.1038/s41586-019-1513-8

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