Ein Impressionist und die Fotografie - wissenschaft.de
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Geschichte+Archäologie

Ein Impressionist und die Fotografie

Die Schirn widmet im Herbst dem französischen Impressionisten Gustave Caillebotte eine umfassende Werkschau mit rund 50 Gemälden und Zeichnungen. Während in Deutschland die Auseinandersetzung mit Caillebotte gerade erst ihren Anfang nimmt, hat dieser herausragende Künstler in Frankreich, Großbritannien und in den Vereinigten Staaten seinen gebührenden Platz beim kunstinteressierten Publikum bereits eingenommen. Sein Œuvre eröffnet neue, grundlegende und ergänzende Zugänge zur Malerei des Impressionismus: Seine radikalen, sehr modern und fotografisch anmutenden Darstellungen erschließen auf außergewöhnlich überzeugende Weise den engen Zusammenhang von Fotografie und Malerei in der Entstehung eines neuen Sehens. Viele Werke Caillebottes nehmen vor allem durch die besondere Perspektive ihrer Bildausschnitte, doch auch anhand von Themen wie Bewegung und Abstraktion einen fotografischen Blick vorweg, der sich in diesem Medium erst später herausbildet. Die Ausstellung wird durch über 100 herausragende fotografische Positionen des ausgehenden 19. sowie beginnenden 20. Jahrhunderts folgerichtig ergänzt und manifestiert so Caillebottes Vorreiterrolle.

Gustave Caillebotte (1848 in Paris –1894 in Gennevilliers) war zeitlebens eher als Mäzen, Sammler und Vorkämpfer der Impressionisten bekannt, obwohl er selbst über 500 Gemälde, Pastelle und Zeichnungen schuf. Im großbürgerlichen Milieu von Paris aufgewachsen, absolvierte er zunächst ein Studium der Rechte. Sein darauf folgendes Studium an der Pariser Kunstakademie brach der unabhängige Geist 1874 bereits nach gut einem Jahr ab und schloss sich den impressionistischen „Partisanen“ um Edgar Degas, Auguste Renoir, Claude Monet und Édouard Manet an. Nach dem Tod des Vaters mit einem großen Vermögen ausgestattet, förderte Caillebotte als „Schirmherr der Impressionisten“ fortan die Maler der neuen Richtung. Ab der zweiten (1876) von acht in Paris stattfindenden Impressionistenausstellungen war Caillebotte mit eigenen Werken vertreten. 1881 zog sich der begeisterte Sportler in sein Sommerhaus in Petit-Gennevilliers an den Ufern der Seine zurück, wo er neben seiner künstlerischen Tätigkeit zu einem der besten Segler seiner Zeit avancierte und über 20 eigene Schiffsmodelle entwarf. Gustave Caillebotte starb am 21. Februar 1894 im Alter von 46 Jahren an den Folgen eines Gehirnschlags. Bereits zu Lebzeiten hatte er seine bedeutende Sammlung impressionistischer Werke der Stadt Paris vermacht. Seine Sammlung gehört heute zum wesentlichen Bestand des Musée d’Orsay.

Wie viele seiner impressionistischen Freunde, die sich die 1839 eingeführte Fotografie für ihre Bildgestaltungen nutzbar machten, kannte auch Gustave Caillebotte dieses neue Medium und dessen vielfältige Möglichkeiten wie Stereo-, Moment- und Bewegungsaufnahmen. Seine Gemälde mit beispiellosen Sturzperspektiven, radikalen Aufsichten, Verzerrungen, bruchstückhaften Ausschnitten und Unschärfen muten tatsächlich wie der kühne Einsatz fotografischer Stilmittel an, die so in der zeitgenössischen Fotografie noch nicht umgesetzt wurden (bzw. noch nicht umgesetzt werden konnten). Caillebotte, der in seinem Werk zentral die Wahrnehmung des modernen Individuums thematisiert, greift damit seiner Zeit weit voraus, denn vergleichbare fotografische Ansätze finden sich in der Fotografie selbst erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Caillebotte erweist sich so als revolutionäres Talent unter den Pionieren der ersten historischen Avantgarde.

Mit Hauptwerken wie „Pont de l’Europe“, „Parkettschleifer“ oder „Die Yerres bei Regen“ gliedert sich die Ausstellung in der Schirn chronologisch in drei für Caillebotte maßgebliche thematische Werkgruppen: Stadt- und Architekturansichten, Porträts und Interieurs sowie Stillleben und Landschaften mit Garten- und Sportdarstellungen. Im Dialog mit zeitgenössischen Fotografien und Beispielen der Neuen Fotografie der 1920er-Jahre von André Kertesz, László Moholy-Nagy, Wols oder Alexander Rodtschenko erschließt sich auf verblüffende Weise der enge Zusammenhang zwischen dem Schaffen Caillebottes und der Herausbildung eines neuen Sehens.

KATALOG: Gustave Caillebotte. Ein Impressionist und die Fotografie. Herausgegeben von Karin Sagner und Max Hollein. Vorwort von Max Hollein, Essays von Claude Ghez, Ulrich Pohlmann und Karin Sagner, 20 Kurztexte von Milan Chlumsky, Karin Sagner und Kristin Schrader sowie eine Biografie von Gilles Chardeau. Deutsche und englische Ausgabe, ca. 260 Seiten, ca. 280 farbige Abbildungen, Hirmer Verlag, München 2012, ISBN 978-3-7774-5411-5 (deutsche Ausgabe), ISBN 978-3-7774-5921-9 (englische Ausgabe), Preis: ca. 29,90 € (Schirn), ca. 39,90 € (Buchhandel).

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Quelle: Schirn Kunsthalle
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