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Geschichte+Archäologie

Ein Indianer-Reich gibt sein Geheimnis preis

Das Machtzentrum der Calusa war ein beeindruckendes Gebäude auf einer künstlichen Erhöhung, das 2000 Menschen Platz geboten haben soll. (Bild: Merald Clark/Florida Museum)

Sie errichteten Monumentalbauten und lebten in einer komplexen Gesellschaft – die geheimnisvollen Calusa beherrschten Jahrhunderte lang den Süden Floridas. Nun haben Forscher das Rätsel gelöst, wie das Indianervolk ohne Ackerbau eine so hohe Entwicklungsstufe erreichen konnte: Die Grundlage ihrer Kultur bildete offenbar raffinierte Fischereitechnik. Die Calusa trieben demnach Fische aus Lagunenbereichen in große Becken ihrer Hauptsiedlung und hielten sie dort als lebendigen Vorrat. So entstanden Nahrungsüberschüsse, die eine Entwicklung von komplexen Strukturen ermöglichten, sagen die Forscher.

Noch heute sind die Spuren des Calusa-Reichs im Südwesten Floridas deutlich zu erkennen. Das Zentrum der Indianer-Kultur lag in der Estero Bay und ist heute als „Mound Key“ bekannt. Einst befand sich dort eine Siedlung, die durch künstliche Erhöhungen (Mounds), breite Kanäle und weitere beeindruckende Baustrukturen gekennzeichnet war. Den Herrschersitz bildete ein Gebäude auf einem besonders hohen Mound. Seine Ausmaße verdeutlichen die hohe Entwicklungsstufe des Calusa-Reiches: Spanischen Berichten aus dem 16. Jahrhundert zufolge soll der Bau 2000 Menschen Platz geboten haben.

Die Calusa stellten auch eine beachtliche militärische Macht dar, wie aus Überlieferungen hervorgeht. Sie dominierten dadurch ihre Nachbarvölker und konnten auch dem Druck der Spanier vergleichsweise lange standhalten. Die Calusa-Kultur existierte auf diese Weise noch bis zum Ende des 17. Jahrhunderts und blieb weitgehend isoliert. Danach wurde sie durch die zunehmenden Konflikte im Zuge des Kolonialismus und durch eingeschleppte Krankheiten schließlich völlig vernichtet. Viele Merkmale ihrer Kultur sind deshalb unbekannt.

Eine hochentwickelte Kultur ohne Ackerbau?

Klar ist allerdings, dass im Gegensatz zu den Azteken, Maya und Inka nicht der Ackerbau die Lebensgrundlage der Calusa bildete. Durch Funde ist belegt, dass sie sich vor allem von Fisch ernährten. Doch dies stellte Archäologen bislang vor ein Rätsel. Denn man geht davon aus, dass für die Entwicklung von höheren Kulturformen deutliche Nahrungsüberschüsse und eine gewissen Vorratshaltung nötig sind. War dies durch Fischerei möglich? Und wenn ja, wie bewahrten die Menschen die Fische in den feuchtwarmen Subtropen vor dem Verderben?

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Die Antwort präsentiert nun ein Team aus US-Wissenschaftlern. Im Rahmen ihrer Studie haben sie zwei massive rechteckige Baustrukturen genauer untersucht, die sich bei Mound Key abzeichnen. Es handelt sich um von Dämmen begrenzte Bereiche, die jeweils über 3300 Quadratmeter umfassen. Sie flankieren eine etwa 30 Meter breite Meeresstraße, die Mound Key teilt. Das Team untersuchte diese Strukturen und die umliegenden Bereiche nun durch moderne Verfahren der Geländeerkundung und durch Ausgrabungen.

In Vorratsbecken getrieben

Wie die Forscher berichten, geht aus ihren Untersuchungsergebnissen hervor: Bei den rechteckigen Strukturen handelte es sich um wassergefüllte Becken, die aus Austernschalen errichtet worden waren. Sie besaßen Öffnungen zu der Meeresstraße, die es den Calusa ermöglichten, Fischschwärme durch Netze aus der Lagune in die Gehege zu treiben, die dann mit einer Art Gatter verschlossen wurden. Die lebenden Fische in den Becken konnten den Calusa dann für eine gewisse Zeit als Vorrat dienen.

Wie die Forscher betonen, erforderte die Planung der Konstruktionen ein genaues Verständnis der täglichen und saisonalen Gezeiten sowie des Verhaltens bestimmter Fischarten. Gräten und Schuppenreste in den Sedimenten der Becken zeigten, dass die Calusa vor allem Schwarmfische wie Meeräschen, die Meerbrassenart Lagodon rhomboides und Heringe in die Becken trieben.

Kulturgrundlage: üppige Nahrungsversorgung

Die Forscher stießen auch auf Spuren von Transportwegen von den Becken zu den erhöhten Siedlungsbereichen. Das deutet darauf, dass die Fische nicht nur frisch verzehrt, sondern auch getrocknet oder geräuchert wurden. Dies stellte vermutlich eine verlässliche und üppige Nahrungsversorgung sicher, die zur Leistungsfähigkeit der Gesellschaft beitrug. Aus den Radiokarbondatierungen der Funde geht hervor, dass die Wasserbecken zwischen 1300 und 1400 n. Chr. gebaut worden sind. Wie die Forscher berichten, fällt dies mit der Zeit der Ausbauphase des Herrschersitzes zusammen.

„Das Besondere an den Calusa ist, dass die meisten anderen Gesellschaften, die einen vergleichbaren Grad an Komplexität und Macht erreichten, landwirtschaftliche Kulturen waren“, sagt Co-Autor William Marquardt von der University of Florida in Gainesville. „Aber die Forschungsergebnisse in den letzten 35 Jahren haben gezeigt, dass die Calusa eine politisch komplexe Gesellschaft mit ausgeklügelter Architektur, Religion, Militär, Spezialisten, Fernhandel und sozialen Rangstrukturen entwickelt haben – und das alles, ohne Bauern zu sein“, sagt der Wissenschaftler. Wie sich nun zeigt, war das Geheimnis dieser erstaunlichen Indianer-Kultur der clevere Umgang mit der Ressource Fisch.

Quelle: Florida Museum of Natural History, Fachartikel: PNAS, doi:10.1073/pnas.1921708117

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