EIN SONNENPARADIES soll die Iberische - wissenschaft.de
Anzeige
Anzeige

Geschichte+Archäologie

EIN SONNENPARADIES soll die Iberische

Der anatomisch moderne Mensch war am Aussterben des Neandertalers offenbar schuldlos. Der archaische Vetter verschwand deutlich früher als gedacht.

EIN SONNENPARADIES soll die Iberische Halbinsel schon immer gewesen sein. Dorthin, so glaubten Anthropologen bisher, zogen sich die letzten Neandertaler zurück, als es im eiszeitlichen Europa Stein und Bein fror. Mit mehr als 200 Knochen und Zähnen hinterließen die robusten Cousins der modernen Menschen eine Spur der Vergänglichkeit im heutigen Spanien und Portugal. Sie verliert sich in der Höhle Gorham’s Cave bei Gibraltar. Dort, am südlichsten Zipfel Europas, sollten die letzten Neandertaler erst vor 28 000 Jahren gestorben sein – so die bisherige Annahme.

Falsch, lautet jetzt der Einspruch aus Oxford. In der Radiocarbon Accelerator Unit der britischen Universität dreht sich eine merkwürdige Waschmaschine der Wissenschaft. Mit ihr reinigt Thomas Higham Proben alter Knochen – und stellt dadurch verknöcherte Ideen auf den Prüfstand.

Der Archäologe hat es auf Radiokarbondaten abgesehen. Über den meisten Altersbestimmungen, die seit 1949 mit diesem Verfahren (Kürzel: „C-14-Methode“) unternommen wurden und heute Schul- und Lehrbücher füllen, hängen Fragezeichen. Schuld daran sind Verunreinigungen: von den Kiefern eines Aasfressers, von der Hand eines Archäologen oder vom Klebstoff eines Museums-Restaurators, mit dem dieser marode Fossilien haltbar machte. Solche kohlenstoffhaltigen, deutlich jüngeren Verschmutzungen verzerren die Daten aus den uralten Knochen.

Higham siebt per Ultrafiltration die Verunreinigungen aus fossilen Proben heraus (siehe Kasten „Spreu und Weizen trennen“) und datiert die Proben dann neu. Er beansprucht, damit über das Nonplusultra unter den naturwissenschaftlichen Datierungsmethoden zu verfügen. Das passt nicht jedem seiner Kollegen. Aber Highams Neudatierungen räumen nicht nur mit den Vorstellungen über die letzte Zuflucht der Neandertaler in Spanien auf. Sie rücken das gesamte Bild vom Leben im eiszeitlichen Europa gerade.

Anzeige

DIE NEANDERTALER-GESCHICHTE WIRD KÜRZER

Zum Beispiel in El Sidrón. So heißt eine Höhle im Norden Spaniens. Die asturische Grotte war schon den Neandertalern bekannt, die zwischen den Felswänden ihr Lager aufschlugen – irgendwann „vor 50 000 bis 10 000 Jahren“, mutmaßten Forscher bisher. Genauer ließen sich die Hinterlassenschaften der archaischen Menschen nicht datieren, die Radiokarbondaten in den Proben aus El Sidrón schlugen Kapriolen. Dank Ultrafiltration nagelten Thomas Higham und Trinidad de Torres von der Universität Madrid die Höhlennutzung auf 48 400 Jahre vor heute fest – und verbannten damit die restlichen 38 400 Jahre angeblicher Neandertaler-Geschichte in Nordspanien ins Reich der Fantasie.

Ähnliche Ergebnisse flimmerten über die Monitore in Oxford, nachdem die Forscher Gebein aus Zentral- und Südspanien geprüft hatten. Knochen aus der Jarama-Höhle nahe Madrid sind demnach ebenso alt wie jene aus der Grotte Zafarraya im Süden der Iberischen Halbinsel. Galten beide Orte bislang als späte Zuflucht der Neandertaler vor womöglich nur 28 000 Jahren, so heißt es seit Kurzem: Der archaische Vetter hat hier schon vor 45 000 Jahren das Zeitliche gesegnet.

Die Iberische Halbinsel war demnach schon früh von Neandertalern verlassen. Haben sie es anderswo länger ausgehalten? Eine Spur führt nach Griechenland. In der Kalamakia, einer Karsthöhle im Süden der Peloponnes-Halbinsel, untersuchte die Anthropologin Katerina Harvati von der Universität Tübingen im Juni 2012 zehn menschliche Zähne. Sie fand heraus, dass diese einst in den Kiefern von acht Neandertalern verwurzelt gewesen waren. Die Kauwerkzeuge haben vor 39 000 Jahren zum letzten Mal zugebissen – 6000 Jahre nach dem Verschwinden der archaischen Menschen aus Spanien.

Dass Neandertaler im Osten Europas länger durchgehalten haben als auf der Iberischen Halbinsel, bestätigt auch eine Nachuntersuchung im russischen Kaukasus. Dort klafft die Mezmaiskaya-Höhle 35 Meter tief im Karstgestein. Hier haben Neandertaler zwei Kinder bestattet. Auch sie fielen in den Jungbrunnen aus Oxford: Statt vor 29 000 Jahren, wie bislang angenommen, trugen Neandertaler-Eltern ihre Kinder bereits vor 39 000 Jahren zu Grabe.

VOR 39 000 JAHREN FIEL DER VORHANG

Fünf Höhlen, ein Ergebnis: Der Neandertaler starb nach Lage der Dinge spätestens vor 39 000 Jahren in Europa aus – gut 10 000 Jahre früher als bislang angenommen. Das ist mehr als reines Zahlenspiel. Denn damit schrumpft der Zeitraum, in dem Homo sapiens neanderthalensis und der anatomisch moderne Mensch in Europa mit- oder gegeneinander lebten, auf wenige Jahrtausende zusammen. Wie viele genau, erbrachten weitere Untersuchungen durch Ultrafiltration. Und die machten auch vor den Überresten des anatomisch modernen Menschen nicht halt.

Der erste Schauplatz liegt in Südengland. Funzeln flackern in der Kent’s Cavern. Durch die stimmungsvoll beleuchtete Höhle in der Grafschaft Devon tasten sich Touristen. Jahrzehntelang war die Grotte ein Dorado für Archäologen. Schon Krimikönigin Agatha Christie, die in der Nähe wohnte, grub hier die Knochen eines Wollnashorns aus. Auch einen Roman ließ Christie 1924 in der Grotte spielen: „Der Mann im braunen Anzug“. Ein neuer Krimi spielte sich 2011 in der Kent’s Cavern ab, als Chris Stringer, Anthropologe am Natural History Museum in London, sich an einem menschlichen Kiefer fast die Zähne ausbiss.

Seit seiner Entdeckung 1927 war der einzigartige Knochen zum Opfer veralteter Wissenschaft geworden – und das gleich drei Mal. Einer der noch vorhandenen Zähne war zuerst an der falschen Stelle fixiert worden. Jemand hatte es seinerzeit zu gut gemeint und das Kauwerkzeug geradezu in Leim ertränkt. Und: Bei der 1988 gemachten C-14-Datierung – Ergebnis: 35 000 Jahre alt – waren die Wissenschaftler dem Restaurator des Knochens buchstäblich auf den Leim gegangen. Inzwischen war kaum noch erkennbar, zu welcher Menschenart das Fossil eigentlich gehörte. Chris Stringer und Tom Higham aber erkannten 2011, dass der Kiefer noch etwas zu sagen hatte, und fühlten dem circa zehn Zentimeter langen Fossil auf den Zahn.

Ergebnis: In Kent’s Cavern lebten keine Neandertaler, sondern anatomisch moderne Menschen – und zwar schon vor mindestens 41 000 Jahren. Die frühere Datierung von angeblich nur 35 000 Jahren hatte der „junge“ Leim verfälscht. Somit haben unsere Vorfahren bereits 6000 Jahre früher den äußersten Westen Europas erreicht als bislang angenommen. Da sie vermutlich nach und nach vom Osten und Südosten Europas her eingesickert sind, müssen sie dort folglich noch früher verbreitet gewesen sein.

DIE ERSTE SPUR DER EINWANDERER SIND ZWEI MILCHZÄHNE

Diesen Verdacht erhärtete ebenfalls 2011 ein Team um den italienischen Forscher Stefano Benazzi. Es datierte zwei Milchzähne aus der süditalienischen Grotta del Cavallo auf ein Alter von 43 000 Jahren und schrieb die Fossilien dem anatomisch modernen Menschen zu. Der Frühmenschenforscher Michael Bolus von der Universität Tübingen kleidet die nackte Zahl in eine schmucke Aussage: „Die Zähne aus der Grotta del Cavallo sind anscheinend die ältesten Fossilien anatomisch moderner Menschen in Europa.“

An den Daten aus den sieben Höhlen steckt Thomas Higham nun eine neue Landkarte des eiszeitlichen Europa fest: „Es sieht so aus, als seien die Neandertaler vor 39 000 Jahren vom europäischen Kontinent verschwunden und moderne Menschen schon vor 43 000 Jahren da gewesen. Es scheint demnach eine Überlappung von nur 4000 Jahren gegeben zu haben.“ Die bisherige Annahme: 12 000 Jahre.

Für Chris Stringer ist das eine Art Zeitenwende in der Paläoanthropologie: „Die neuen Datierungen der Neandertaler sind eine Revolution. Alte Daten wie die aus Gibraltar müssen wir mit Vorsicht verwenden. Das bedeutet allerdings nicht, dass die früheren Datierungen allesamt falsch gewesen sind.“ Auch der Neandertaler-Experte Michael Bolus sieht Revisionsbedarf: „Die neuen Datierungen sind seriös. Es ist offensichtlich, dass viele jetzt auf die Oxforder Daten scharf stellen. Wir haben hier an der Universität Tübingen schon vor zehn Jahren diskutiert, ob die damals angenommene zeitliche Überschneidung beider Arten nicht viel zu lang bemessen war.“

MENSCHEN WAREN ETWAS EXTREM SELTENES

Sie teilten sich also nur 4000 Jahre das Revier, der stämmige Ur-Europäer und der Einwanderer. Aus heutiger Sicht mag dieser Zeitraum groß erscheinen. Doch für die Prähistorie, in der sich Entwicklungen quasi in Zeitlupe vollzogen, sind 4000 Jahre nur ein Wimpernschlag. Überdies war Europa extrem dünn bevölkert. Selbst die optimistischsten Schätzungen besagen, dass im gesamten eisfreien Raum zwischen Iberischer Halbinsel und Balkan höchstens 50 000 Neandertaler lebten – das ist etwa die Einwohnerzahl von Emden. Gut möglich, dass es auch in den besten Zeiten nur etwa 20 000 waren.

Somit war die Wahrscheinlichkeit, dass die kleinen umherziehenden Sippen von Neandertalern und anatomisch modernen Menschen einander überhaupt begegnet sind, bereits gering, bevor die neuen Datierungen bekannt wurden. Nach dem Keulenhieb der Ultrafiltration schrumpft diese kleine Chance auf die Größe eines Stecknadelkopfs zusammen. Eine systematische Verdrängung oder gar Vernichtung der europäischen Neandertaler durch anatomisch moderne Menschen erscheint erst recht unwahrscheinlich. Kriegerische Szenarien, die in den letzten 20 Jahren immer wieder die Gazetten füllten, bis hin zu einer fantasierten „Ebro-Front“, haben ausgedient.

Chris Stringer hält sich vielerlei Erklärungswege offen: „ Möglicherweise ist die Ursache für das Verschwinden der Neandertaler überall eine andere gewesen.“ Auch Michael Bolus glaubt nicht an ein eindimensionales Szenario: „Einen einzigen Grund wird es nicht gegeben haben. Wenn eine Verdrängung stattgefunden haben sollte, dürfte sie schleichend und ohne offene Gewaltanwendung seitens der modernen Menschen abgelaufen sein.“ Ein unterschiedliches Spektrum an bejagten Tierarten, das den einen begünstigte und dem anderen zum Verhängnis wurde, kann bereits als Erklärung reichen, argumentiert der britische Zoologe John Fa (siehe Infokasten „Mammutjäger auf Kaninchenpirsch“).

NAHÖSTLICHES TECHTELMECHTEL

Doch auch wenn sie einander in Europa kaum jemals trafen – anderswo hatten die beiden Menschenformen intensiven Kontakt, so viel ist sicher. 2010 fand nämlich ein Team von 55 Molekular- biologen um David Reich und Svante Pääbo heraus, dass Neandertaler und anatomisch moderner Mensch sich lange vor der Einwanderung der modernen Menschen nach Europa miteinander fortgepflanzt haben. In den heute lebenden Menschen außerhalb Schwarzafrikas stecken durchschnittlich 2,5 Prozent Neandertaler-DNA. Mensch und Mensch gesellten sich demnach gern.

„Die genetischen Daten lassen vermuten, dass es vor ungefähr 50 000 Jahren im Nahen Osten passiert ist“, sagt Johannes Krause, heute Professor für Paläogenetik an der Universität Tübingen und seinerzeit maßgeblich an den Untersuchungen am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig beteiligt. „Da mussten alle durch, die von Afrika nach Europa kamen. Für eine Vermischung in Europa selbst haben wir keine Anzeichen gefunden.“ Damit bestätigt die Molekularbiologie, was die Datierung nach Ultrafiltration nahelegt: Es gibt keine nachweisbaren Berührungen zwischen den beiden Menschenformen in Europa.

Das letzte Indiz hierfür: Alle Höhlen im europäischen Raum hatten stets nur von einer der beiden Menschenformen Besuch, mit großem zeitlichem Abstand zur nächsten. Michael Bolus verweist auf die Felsgrotten der Schwäbischen Alb. Die schätzte zunächst der Neandertaler als Wetterschutz, später der moderne Mensch. Aber zwischen den jeweiligen Hinterlassenschaften der beiden liegen Sedimentschichten ohne Fundmaterial. Archäologen sprechen von „sterilen Schichten“.

Die Schwäbische Alb ist in dieser Hinsicht kein Einzelfall: An keinem einzigen Neandertaler-Fundort Europas mischen sich die Überreste beider Arten. Stets folgen auf den Neandertaler einige Tausend menschenleere Jahre. Erst dann finden sich erste Relikte des anatomisch modernen Menschen. Angesichts des formalen Überlappungszeitraums von 4000 Jahren, in dem beide Menschenformen in Europa lebten, verlangt das nach einer Deutung. Die naheliegendste: Die Dezimierung der Neandertaler hatte schon vor deutlich mehr als 39 000 Jahren eingesetzt.

Der Grund dafür könnten die sogenannten Heinrich-Ereignisse gewesen sein. Das waren – beginnend vor 60 000 Jahren – Störungen in den Strömungen des Nordatlantiks, die die Temperaturen an den Rändern Europas mehrfach für Jahrzehnte ins Bodenlose fallen ließen. War es zuvor schon – im langjährigen Mittel – sechs Grad Celsius kälter als heute, froren nun Mensch und Mammut bei Temperaturstürzen um weitere zehn Grad Celsius.

GENETISCHE VERARMUNG

Viele überlebten diese abrupten Einbrüche offenbar nicht. Genetiker um Love Dalén von der Universität Stockholm entdeckten 2012, dass bei westeuropäischen Neandertalern nach dem Heinrich-Ereignis Nummer fünf – vor 48 000 Jahren – nur noch extrem wenig genetische Varianz vorhanden war. Es gab also immer weniger Individuen, die miteinander gesunde Nachkommen zeugen konnten. Möglicherweise waren bereits damals die meisten Neandertaler in Westeuropa zu Opfern des Klimas geworden. Als Homo sapiens schließlich einige Tausend Jahre später den Westen des Subkontinents erreichte, waren die Neandertaler – ehemals unumstrittene Herren der Eiszeitwelt – wohl nur noch Schatten ihrer selbst.

Die neuen Daten aus den Radiokarbonlaboren rasten also in viele Befunde der Frühmenschenforschung ein. Trotzdem bewahren sich die Neandertaler-Experten einen Rest Skepsis. Die neuen Zahlen seien nur Mosaiksteine, sagt Michael Bolus, das gesamte Bild lasse sich damit nicht rekonstruieren. „Es sind ja auch nicht alle Neandertaler datierbar“, so Bolus weiter, „denn gerade in Südeuropa ist der Kollagengehalt der fossilen Knochen nicht ideal.“ Kollagen ist das kohlenstoffhaltige Binde- und Stützgewebe, das beim C-14-Verfahren datiert wird. Auch Johannes Krause reagiert zurückhaltend: „Für eine Phylogeografie, die die Verbreitung genetischer Linien über eine Landkarte nachvollzieht, braucht man Hunderte von Individuen. Wir haben nur wenige Dutzend. Daraus Grundlegendes abzuleiten, finde ich schwierig.“

„Ich misstraue allen Daten, die älter als 30 000 Jahre sind“, sagt Gerd-Christian Weniger. Für den Leiter des „Neanderthal Museums“ in Mettmann bieten alle C-14-Datierungen in diesem Bereich bloß „Scheingenauigkeiten“. Wenn es in zeitliche Tiefen geht, setzt Weniger auf Bewährtes: „In diesem Grenzbereich der Datierung sind klassische stratigrafische Erkenntnisse zurzeit die Methode mit der größten Wahrscheinlichkeit“, sagt er und verweist auf einen Fundort, an dem die Erdschichten so sichtbar aufeinander folgen wie Mascarpone auf Löffelbiskuits in einem Tiramisu – und die auf die Diskussion eine ebenso belebende Wirkung haben.

Dieser Ort ist Buran Kaya, ein Felsüberhang in der Ukraine. Heute liegt er auf der Krimhalbinsel. Während der letzten Eiszeit aber gab es hier noch keine geografische Sackgasse, sondern eine Region, die die Durchwanderung erlaubte. Davon machten viele Jäger und Sammler Gebrauch und hinterließen an 45 Fundplätzen einzigartige Spuren. Denn nur hier, in den steinzeitlichen Lagerplätzen der Krim, fehlen die anderswo üblichen sterilen Schichten zwischen aufeinander folgenden Besiedlungen.

Das bedeutet: Als sich der moderne Mensch in den Felsenlagern der Krim niederließ, waren diese noch warm vom Neandertaler, besonders deutlich am Fundort Siuren I (siehe Karte). Andersherum scheint der Neandertaler es sich im gemachten Bett des Homo sapiens sapiens bequem gemacht zu haben, zum Beispiel in Buran Kaya III. Darauf weisen Steingeräte einer jüngeren Kulturstufe, die – zum Erstaunen der Forscher – unter denen einer älteren Machart entdeckt wurden.

Es gab also doch ein zeitliches Neben- und Nacheinander. Aber auch dieser Befund stärkt letztlich die Argumente aus Oxford. Denn die sprechen von menschenleerer Mammutsteppe in Europa. Die Krimhalbinsel jedoch liegt im äußersten Südosten dieses geografischen Großraums, bereits an der Schwelle nach Asien. Und jenseits dieser Grenze, so lassen neue Untersuchungsergebnisse vermuten, war sowieso alles ganz anders.

NEUE MENSCHENFORM

Ein Steinzeit-Mädchen im Zentrum Asiens wickelt alle Experten um den kleinen Finger. Denn diesen Teil ihres Skeletts, genauer: ein einzelnes Fingerglied, hatten 2008 russische Archäologen in der Denisova-Höhle in Sibirien entdeckt. Das Kind hatte vor 30 000 bis 45 000 Jahren gelebt. Seine DNA aber ließ sich weder dem anatomisch modernen Menschen noch dem Neandertaler zuordnen (nachzulesen in bild der wissenschaft 5/2012, „Ein Phantom tritt aus dem Schatten“). Johannes Krause erkannte: „Vor uns lag das genetische Material einer neuen Menschenform.“

Heute heißt das Kind „Denisova-Mensch“. War es ein Ausrutscher der Evolution? Keineswegs. Wenige Monate später untersuchte Krause einen Backenzahn aus der Höhle. Das Fossil war ungewöhnlich groß. „Erst dachten wir, es handele sich um einen Bärenzahn“, erinnert sich der Paläogenetiker. Doch die DNA aus dem Zahn ließ sich eindeutig dem Denisova-Menschen zuordnen. Dann fand Krause die Spuren eines weiteren Unbekannten. „Die DNA der Mitochondrien im Denisova-Mädchen und die im Backenzahn passt nicht zum Rest des Genoms“, erklärt er. „Mit hoher Wahrscheinlichkeit stammt dieser Teil des Genoms von einem weiteren Urmenschen, der sich vor etwa einer Million Jahren vom Stammbaum der modernen Menschen und Neandertaler trennte.“ Krause ließ die Testreihen immer wieder durchlaufen, bevor er seine Kollegen verständigte. Am Ende stand fest: „Es sind Reste einer weiteren Menschenart, von deren Existenz wir nichts wussten.“ Wie es scheint, spucken die Höhlen Asiens immer neue Typen aus. In Sibirien hatte die Evolution zur Orgie geladen.

Das Mosaik der neuen C-14-Daten mag lückenhaft erscheinen, aber es erhält nun Konturen durch die Stratigrafie und Farbe durch die Molekularbiologie:

· Im Westen existierte selten mehr als eine Menschenart zur selben Zeit – im Osten lebten zwei bis vier Arten gleichzeitig.

· Im Westen fand keine Vermischung zwischen Neandertalern und modernen Menschen statt – im Osten trafen sich alle Menschenformen zum Stelldichein.

· Im Westen gibt es sterile Sedimentschichten und Siedlungsabbrüche in Höhlen – im Osten nutzten die Menschen unterschiedlicher Provenienz abwechselnd dieselben Unterschlüpfe.

Wie es scheint, teilte ein eiserner Vorhang der Menschheitsentwicklung den eurasischen Kontinent.

Dass ausgerechnet der westliche und an Fossilien wahrscheinlich ärmere Teil Europas gut untersucht ist, ist der Geografie und der Politik des 20. Jahrhunderts geschuldet. Weder die Zustände in den alten Ostblockstaaten noch die unzugänglichen Gebiete der eurasischen Steppen und Gebirge erlaubten bislang flächendeckende Forschung. Michael Bolus macht das Hoffnung für die nahe Zukunft: „Da gibt es noch viel zu entdecken.“ ■

Der Wissenschaftsjournalist und gelernte Archäologe DIRK HUSEMANN ist immer wieder überrascht: Bei der Erforschung der ältesten Kulturstufen der Menschheit ändern sich die Vorstellungen der Wissenschaftler am rasantesten. Das hat sich auch bei der Recherche dieses Beitrags bestätigt.

von Dirk Husemann

Anzeige

bild der wissenschaft | Aktuelles Heft

Anzeige

Aktueller Buchtipp

Sonderpublikation in Zusammenarbeit  mit der Baden-Württemberg Stiftung
Jetzt ist morgen
Wie Forscher aus dem Südwesten die digitale Zukunft gestalten

Wissenschaftslexikon

♦ Hy|dro|chi|non  〈[–çi–] n. 11; unz.; Chem.〉 zweiwertiges Phenolderivat, durch Reduktion von p–Chinon aus Anilin hergestellt, stark reduzierende Verbindung, wichtige fotograf. Entwicklersubstanz [<grch. hydor ... mehr

Gins|ter  〈m. 3; Bot.〉 Schmetterlingsblütler, meist kleine Sträucher mit gelben Blüten: Genista (Besen~); Sy Brambusch ... mehr

Mis|sing Link  〈n.; – –; unz.; Biol.〉 fehlendes Glied (z. B. in der Entwicklung vom Affen zum Menschen) [engl.]

» im Lexikon stöbern
Anzeige
Anzeige