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Englischer Bürgerkrieg

Ein vertuschtes Massaker im Visier

Historische Darstellung der Erstürmung eines befestigten Anwesens im Englischen Bürgerkrieg. (Bild: duncan1890/iStock)

Gräueltaten im Rahmen des Englischen Bürgerkriegs: Ein Historiker rückt ein bisher kaum beachtetes Massaker vor 375 Jahren in den Fokus, bei dem 160 Soldaten der Royalisten sowie vermutlich auch Frauen und Kindern nach der Erstürmung einer Festungsanlage massakriert wurden. Aus seinen Recherchen geht hervor, dass die Bluttat anschließend von beiden Konfliktparteien sowie von der lokalen Bevölkerung vertuscht wurde.

Im Jahr 1642 kam es zur militärischen Eskalation: Die Spannungen zwischen dem absolutistisch gesinnten König Karl I. und dem Unterhaus führten zum Englischen Bürgerkrieg. Er wurde zwischen den königstreuen „Cavaliers“ und den Anhängern des Parlaments – den „Roundheads“ – ausgetragen. Neben dem politischen Machtkampf spielten bei dem Konflikt auch die Gegensätze zwischen den verschiedenen religiösen Gruppierungen eine Rolle, die in England, Schottland und Irland zuvor entstanden waren. Ein Stein des Anstoßes war in diesem Zusammenhang, dass Karl I. eine Katholikin zur Königin gemacht hatte. Der Krieg endete schließlich mit einer Niederlage der Royalisten und der Hinrichtung des Königs im Jahr 1649.

Einem seltsam unbekannten Ereignis auf der Spur

Bereits seit vielen Jahren beschäftigt sich der Historiker David Appleby von der University of Nottingham mit der Erforschung von Geschehnissen im Rahmen des Englischen Bürgerkriegs. Wie er berichtet, stieß er in historischen Dokumenten wiederholt auf Verweise auf eine kriegerische Auseinandersetzung, die ihm seltsam wenig bekannt erschien: die blutige Erstürmung von Shelford Manor im Jahr 1645. „Ich sah mich veranlasst, mich eingehend mit diesem Ereignis zu befassen, da der Name Shelford immer wieder in einigen Dokumenten auftauchte, die allerdings nur indirekt Bezug nahmen. Ich fragte mich, warum ich noch nie davon gehört hatte und warum es in den beiden Hauptwerken über die Gräueltaten des Bürgerkriegs in England nicht erwähnt wurde“, berichtet Appleby. So widmete er sich der Aufgabe, das Ereignis anhand aller verfügbaren Archive und historischen Schriften zu rekonstruieren, sowie zu klären, warum es so unbekannt geblieben ist.

Wie aus den verfügbaren Informationen hervorging, war Shelford Manor ein befestigtes Anwesen östlich von Nottingham, das Philip Stanhope gehörte, dem königstreuen Earl of Chesterfield. Im Sommer 1645 wurden nach einer Niederlage der Royalisten bei Naseby einige Soldaten der zerschlagenen Armee in Shelford Manor einquartiert. Brisant dabei: Es handelte es sich um das Regiment der Königin, das hauptsächlich aus ausländischen Katholiken bestand. Am 1. November 1645 wurde Shelford Manor dann von parlamentarischen Truppen umzingelt. Nachdem Stanhope eine Kapitulation verweigert hatte, kam es schließlich zur Erstürmung der Festungsanlage. Aus Dokumenten in den Archiven von Nottinghamshire ging hervor, dass die Angreifer dabei in brutale Raserei verfielen. Demnach wurden Stanhope sowie die etwa 160 Soldaten der Royalisten brutal massakriert, offenbar auch zusammen mit mehreren Frauen und Kindern. Vermutlich wurden ihre verstümmelten Leichen anschließend auf dem Areal in einer Grube verscharrt.

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Alle wollten es vergessen

Appleby zufolge verdeutlicht das Ereignis, zu welchen Eskalationen der Brutalität auch der Englische Bürgerkrieg geführt hat. „Nachdem ich das Ereignis anhand aller verfügbaren Archive und historischen Schriften rekonstruiert hatte, zeichnete sich auch die Erklärung dafür ab, warum sowohl die Royalisten als auch die Parlamentarier das Massaker offenbar vertuscht haben“, sagt der Historiker. Es erscheint plausibel, dass die Anhänger des Parlaments das brutale Massaker durch ihre Truppen als eine Schande empfanden, die man lieber verheimlichte. Doch man könnte meinen, dass die Royalisten ein Interesse daran gehabt hätten, die Bluttat an ihren Anhängern bekannt zu machen.

Dass auch sie schwiegen, liegt Appleby zufolge wohl daran, dass es sich um eine katholische Einheit gehandelt hat, die massakriert wurde. Denn wie er erklärt, hatten diese Truppenteile von Karl I. einen besonders schlechten Ruf und es gab Streit in den Reihen der Royalisten über die Rekrutierung von Ausländern und Katholiken. Dieses Thema wollte man offenbar auch nicht im Zusammenhang mit dem Massaker in der Öffentlichkeit breittreten. „Das Schweigen über die Shelford-Geschichte ist vielleicht ein Spiegelbild der Scham beider Seiten über das Blutvergießen und die unpopulären Entwicklungen im Rahmen des angeblich ‚bürgerlichen‘ Bürgerkriegs“, so Appleby.

Ein weiterer Hinweis auf die Hintergründe der „sozialen Amnesie“ im Zusammenhang mit dem Massaker kommt aus dem heutigen Dorf Shelford, berichtet Appleby. „Es ist merkwürdig, dass selbst alteingesessene Familien dort anscheinend keine erkennbare volkstümliche Erinnerung an das wichtigste Ereignis in der Geschichte des Dorfes besitzen und es gibt auch keine Erzählungen oder Gedenk-Ortsnamen, wie sie normalerweise häufig vorkommen“, sagt der Historiker.

Wie er in diesem Zusammenhang berichtet, war seinen Rechercheergebnissen zufolge nach dem Massaker beabsichtigt, eine Garnison in Shelford Manor einzurichten. Doch dann wurde das Gebäude in Brand gesteckt – dafür hatte man damals die Dorfbewohner verantwortlich gemacht. Möglicherweise wollten sie keine militärische Präsenz mehr in ihrem Ort haben und vielleicht auch die ganze Geschichte aus dem kommunalen Gedächtnis tilgen. „Mir drängt sich damit nun die Frage auf: Welche Fälle von vergessenen und vertuschten Gewaltepisoden während des Bürgerkriegs könnte es noch gegeben haben?“, sagt der Historiker abschließend.

Quelle: University of Nottingham, Fachartikel: Historical Research, doi: 10.1093/hisres/htaa011

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