Kriegsschiff "Mary Rose" Einblicke in die Rüstung der Marine von Heinrich VIII. - wissenschaft.de
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Kriegsschiff "Mary Rose"

Einblicke in die Rüstung der Marine von Heinrich VIII.

Mary Rose
Wrack der Mary Rose (Bild: Johnny Black)

Das Kriegsschiff „Mary Rose“ war einst der Stolz der englischen Marine und der Liebling des Tudor-Königs Heinrich VIII. Doch im Jahr 1545 sank das Schiff, heute ist nur noch sein Wrack erhalten. Jetzt liefert modernste Röntgentechnik neue Einblicke in einige der zahlreichen Fundstücke von Bord der „Mary Rose“ – unter anderem verrät sie überraschende Details zur Konstruktion der Kettenhemden, die die Marinesoldaten an Bord trugen.

Als Heinrich VIII im Jahr 1509 den englischen Thron bestieg, war die Aufrüstung der Flotte eines seiner dringlichsten Ziele. Dafür gab er unter anderem den Bau einer 45 Meter langen Karacke in Auftrag – eines Dreimast-Segelschiffs, das zu den größten dieser Zeit gehörte. Man schätzt, dass für den Bau dieses Kriegsschiffs das Holz von rund 600 Eichen benötigt wurde, sie wurden aus ganz Südengland herbeigeschafft. Im Jahr 1511 war es dann soweit: Die „Mary Rose“ hatte in Portsmouth ihren Stapellauf und wurde dann zum Feinausbau und zur Ausrüstung mit Waffen nach London gebracht.

Tragisches Ende eines Flaggschiffs

Ab 1512 diente die „Mary Rose“ in mehreren Seeschlachten als Flaggschiff der englischen Flotte und wurde im Verlauf ihrer Nutzung mehrfach umgebaut und mit neuen Kanonen ausgerüstet. Doch 1545 traf sie ein rätselhaftes Unglück: Während der Seeschlacht im Solent gegen die Franzosen bekam das Schiff plötzlich starke Schlagseite und Wasser strömte durch die offenen Kanonenluken ein. Bevor die Mannschaft begriff, was geschah und sich retten konnte, sank das Kriegsschiff auf den Grund des Meeres, mit ihm starben 90 Prozent der rund 400-köpfigen Besatzung. Dank einer schützenden Lehmschicht, die sich schon bald über das Wrack legte, blieben die Überreste des Schiffs bis heute erhalten.

Im Jahr 1982 gelang es Archäologen, einen Großteil des Schiffswracks vom Meeresgrund zu heben, zudem bargen die Forscher mehr als 19.000 Fundstücke – Teile der Ladung, der Waffen und persönliche Besitztümer der Besatzung. Sie geben einen einzigartigen Einblick in das Leben an Bord eines Kriegsschiffs zur Zeit der Tudor-Könige. Unter den Funden sind Waffen wie Langbögen, aber auch Musikinstrumente, Werkzeuge eines Tischlers, das Arbeitsgerät eines Barbiers und auch Spielfiguren und Trinkgefäße.

Kettenhemd-Ringe
Kettenhemd-Glieder vom Wrack der Mary Rose. (Bild: Mark Dowsett/ Mary Rose Trust)

Kettenhemden aus verblüffend modernem Messing

Ganz neue Einblicke in die Rüstung der ehemaligen Schiffsbesatzung haben nun Archäologen mithilfe modernster Analysetechnologien gewonnen, darunter speziellen Spektroskopiemethoden, Fluoreszenzanalysen und Untersuchungen in einem Röntgensynchrotron. Mark Dowsett von der University of Warwick und sein internationales Team untersuchten damit unter anderem einige Metallstücke, die wahrscheinlich einst zu Kettenhemden der Soldaten gehörten.

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Die Analysen enthüllten, dass diese ringförmigen, teilweise abgeflachten Kettenglieder aus einer Legierung aus 73 Prozent Kupfer und 27 Prozent Zink bestanden – die Kettenhemden waren demnach aus Messing. „Unsere Ergebnisse sprechen dafür, dass die Messingproduktion zur Zeit der Tudors ziemlich ausgefeilt war und dass sie das Drahtziehen schon gut beherrschten“, berichtet Dowsett. „Ich war überrascht, wie einheitlich der Zinkgehalt der verschiedenen Kettenringe war. Diese Legierung hatte eine ziemlich moderne Zusammensetzung.“

Metallstäube aus dem Kampfgeschehen

Interessant auch: Die Analysen enthüllten auf der Oberfläche der Messingringe Spuren von anderen Metallen wie Blei und Gold. „Diese Schwermetallspuren scheinen aber nicht Teil der Legierung zu sein, sondern sind nur in die Oberfläche eingebettet“, erklärt Dowsett. „Es wäre möglich, dass diese Metalle während des Produktionsprozesses von Werkzeugen übertragen wurden, mit denen man zuvor Gold und Blei bearbeitet hat.“ Zumindest ein Teil des Bleis könnte sich aber auch bei Seeschlachten auf die Rüstungen der Seeleute niedergeschlagen haben. „In einer Schlacht der Tudorzeit wurden beim Abfeuern der Munition große Mengen an Bleistaub erzeugt“, erklärt Dowsett. „Zwar bestanden die Kanonenkugeln zu dieser Zeit aus Stein, aber man setzte Bleikugeln in Flinten und Pistolen ein.“

Die Analysen der Kettenhemd-Ringe zeigten aber auch, welche Veränderungen die lange Zeit im Meer am Metall bewirkt haben und sogar, welchen Einfluss verschiedene Reinigungsmethode der Archäologen hatten. Noch stehen die Analysen der vielen Fundstücke aus der „Mary Rose“ erst am Anfang, doch schon jetzt sind die Wissenschaftler begeistert darüber, welch tiefe Einblicke die modernen Verfahren ihnen bieten. „Diese Studie zeigt sehr deutlich, wie wirkungsvoll die Kombination fortgeschrittener Technologien ist“, sagt Eleanor Schofield, Leiterin der Konservierung für die „Mary Rose“. „Wir bekommen nicht nur Informationen über die ursprüngliche Herstellung der Fundstücke, sondern auch Einblicke darin, wie sie auf das marine Milieu reagiert haben und wie effektiv frühere Konservierungsstrategien gewesen sind.“

Quelle: University of Warwick, Fachartikel: Journal of Synchrotron Radiation, doi: 10.1107/S1600577520001812

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