Gefrorene Zeitzeugen Eine Gämse für die Eismumien-Forschung - wissenschaft.de
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Gefrorene Zeitzeugen

Eine Gämse für die Eismumien-Forschung

Nach der Bergung wurde die Tiermumie mit Unterstützung des italienischen Heers per Hubschrauber nach Bozen gebracht. (Bild: Esercito Italiano - Comando Truppe Alpine)

Ähnlich „cool“ konserviert wie der berühmte Ötzi: Experten haben aus einem Alpengletscher die Mumie einer Gämse geborgen. Das über 400 Jahre lang konservierte Tier kann den Wissenschaftler zufolge nun als ein Modell zur Entwicklung optimaler Konservierungsmaßnahmen und Analysetechniken im Umgang mit menschlichen Eismumien dienen. Im Zuge der Klimaerwärmung könnten diese besonders aufschlussreichen Zeugen der Menschheitsgeschichte nun an verschiedenen Orten der Welt immer häufiger aus dem Eis auftauchen.

Der Gletschermann Ötzi ist das berühmteste Beispiel: Untersuchungen der Körpermerkmale, Beifunde und des Erbguts des Mannes, der vor etwa 5300 Jahren im Eis der Alpen konservierte wurde, haben einzigartige Einblicke in die späte Jungsteinzeit Europas ermöglicht. Ein weiterer prominenter Fund glückte dann später in den Anden: Dort konnten Experten „Juanita“ bergen – die fast vollständig eingefrorene Mumie eines Inkamädchens, das vor etwa 600 Jahren vermutlich geopfert wurde. Einen ähnlichen Konservierungszustand wie diese beiden prominenten menschlichen Mumien weist nun auch die neu entdeckte Tiermumie auf, berichten die Experten des Forschungszentrums Eurac Research in Bozen.

Eine „Özi-Gämse“ reist per Hubschrauber

Gefunden hat sie der Bergwanderer Hermann Oberlechner im rund 3200 Meter hoch gelegenen Gletscherbereich des Ahrntals in Südtirol. Wie er berichtet, hatte er aufgrund der besonderen Beschaffenheit der Haut des Tieres erkannt, dass es kein gewöhnliches, kürzlich verendetes Fallwild sein konnte. „Das halbe Tier schaute aus dem Schnee heraus. Die Haut war überall wie Leder, ohne Haare. Das habe ich vorher noch nie gesehen. Ich habe sofort ein Foto gemacht und es dem zuständigen Jagdaufseher geschickt. Anschließend haben wir dann die Abteilung für Denkmalpflege informiert“, berichtet Oberlechner. In der Folge erschienen dann auch die Mumien-Experten von Eurac Research auf dem Plan und man entschied sich zu einer Bergung: Von ihrer eisigen Ruhestätte wurde die Gämse schließlich per Hubschrauber nach Bozen geflogen und in das Labor für Konservierungstechnik von Eurac Research gebracht.

Die bisherigen Untersuchungen ergaben, dass der Gletscher im Ahrntal die Gämse mehr als 400 Jahre lang konserviert hat. Durch das voranschreitende Schmelzen des Eises wurde sie nun offenbar teilweise freigelegt. Wie die Mumienforscher erklären, liegt ihr besonderes Interesse an der Tiermumie an ihrem Potenzial als Modell: Sie kann nun wichtige Erkenntnisse für die Konservierung und Untersuchung von Gletschermumien auf der ganzen Welt liefern. Neben physischen und chemischen Bedingungen liegt der Fokus dabei vor allem auf der Weiterentwicklung von Techniken, um fossile DNA möglichst ohne Verluste zu erforschen, sagen die Wissenschaftler. Es ist das erste Mal, dass eine Tiermumie für solche Studien verwendet wird“, sagt Albert Zink vom Institut für Mumienforschung von Eurac Research.

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Tiermodell für die Mumien-Experten

Wie er und seine Kollegen erklären, ist die DNA aus Mumien-Proben oft beschädigt und nur in kleinsten Mengen vorhanden. So ist bei einem Neufund die wichtigste Frage für die Experten, wie man die Mumie am besten untersuchen und konservieren kann, ohne die fossile DNA zu zerstören. Denn jeder Eingriff kann mit irreversiblen Folgen verbunden sein. Mit neuen Techniken zu experimentieren, ist bei menschlichen Mumien äußerst schwierig. Eine Tiermumie ist dafür hingegen ideal – noch dazu, wenn sie nahezu gleichen Bedingungen ausgesetzt war wie menschliche Gletschermumien – beispielsweise Ötzi oder Juanita.

„Im Labor stellen wir nun für die neu gefundene Gämse zunächst die optimalen Konservierungsbedingungen her, um uns dann auf die DNA zu konzentrieren. Mit vertiefenden Analysen untersuchen wir dann, wie sich verschiedene Konservierungsbedingungen auf die DNA auswirken“, erklärt Marco Samadelli, von Eurac Research. Sein Kollege Zink hat große Erwartungen für das Projekt: „Unser Ziel ist es, aufbauend auf den wissenschaftlichen Daten ein Konservierungsprotokoll auszuarbeiten, das für Gletschermumien weltweit gelten kann“, sagt der Experte abschließend.

Quelle: Eurac Research

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