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Geschichte|Archäologie Gesellschaft|Psychologie

Eine griechische Gesundheitstragödie

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Die Säuglingssterblichkeit steigt (thinkstock)
Die finanzielle Hilfe für Griechenland ist an drakonische Sparmaßnahmen geknüpft. Die Kürzungen betreffen auch das Gesundheitssystem – mit drastischen Folgen: Immer mehr Menschen können sich keine medizinische Versorgung leisten, die Selbstmordrate steigt, ebenso wie die Säuglingssterblichkeit. Die Regierung jedoch verleugne diese Auswirkungen, kritisieren Forscher in der Fachzeitschrift „Lancet“.

Kein EU-Mitglied, das bereits vor 2004 in der Union war, gibt weniger für das staatliche Gesundheitssystem aus als Griechenland. Um die dringend benötigten Hilfspakete in Milliardenhöhe zu erhalten, darf der Staat maximal sechs Prozent seines Bruttosozialprodukts für die medizinische Versorgung seiner Bevölkerung ausgeben. Das Budget für Krankenhäuser fiel von zwischen 2009 und 2011 um 26 Prozent, die staatlichen Ausgaben für Medikamente sollen von 4,37 Milliarden Euro im Jahr 2010 auf 2 Milliarden Euro in 2014 sinken. Öffentliche Mittel für die Behandlung psychischer Krankheiten wurden allein von 2011 auf 2012 um 55 Prozent gekürzt.

Eigentlich sollen die Einschnitte dafür sorgen, dass Gelder effizienter eingesetzt werden; auch der Korruption sollte das Sparprogramm den Garaus machen. Doch wie Alexander Kentikelenis von der University of Cambridge und seine Kollegen in der Fachzeitschrift „Lancet“ darlegen, verschlechtert sich dadurch auch der Gesundheitszustand der Bevölkerung. Immer mehr Menschen haben keinen Zugang zu medizinischer Versorgung. Das liegt nicht nur daran, dass Kliniken und Praxen Personal einsparen.

Die Krise schlägt auf die Psyche

Mit der Zahl der Langzeitarbeitslosen steigt die Zahl jener Menschen, die nicht krankenversichert sind. Freiwillige versuchen, dieses Problem abzufedern, indem sie mittellose Patienten in Sozialkliniken versorgen. Auch Medikamentenkosten werden zum Problem: Da die Apotheken oft nicht rechtzeitig Geld von der Krankenkasse erhalten und teils hoch verschuldet sind, müssen die Patienten immer häufiger in Vorkasse gehen. In einer Studie aus dem Jahr 2012 gaben 70 Prozent aller Befragten an, sich die Medikamente, die ihr Arzt ihnen verschrieben habe, von ihrem Einkommen nicht leisten zu können.

Dabei brauchen viele Griechen gerade jetzt Hilfe. Seit Beginn der Krise hat sich die Zahl der Menschen mit schweren Depressionen mehr als verdoppelt. Die Selbstmordrate steigt, ebenso wie die Zahl der Kinder, die an Mangelernährung leiden. Forscher der Greek National School of Public Health berichten, dass die Zahl der Totgeburten zwischen 2008 und 2011 um 21 Prozent zugenommen hat – Schuld ist ihrer Meinung nach mangelnde medizinische Versorgung während der Schwangerschaft. Auch die Säuglingssterblichkeit nimmt erstmals seit langem wieder zu. Hilfsprogramme für Drogensüchtige wurden zusammengestrichen – mit dem Ergebnis, dass die Zahl der HIV-Infektionen durch verseuchte Nadeln steigt. Erstmals seit 40 Jahren infizieren sich Menschen wieder in Griechenland mit Malaria, weil Gemeinden das Geld für die Bekämpfung der Moskitos fehlt.

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Die Regierung verleugnet das Problem

Die Griechen seien „einem der radikalsten Programme zur Einsparungen von Sozialleistungen in der jüngsten Geschichte“ ausgesetzt, folgern die Forscher. Doch die Regierung verschließe die Augen vor den gefährlichen Folgen. „Angesichts der umfassenden Belege für die schädlichen Folgen einer Sparpolitik für die Gesundheit ist die mangelnde öffentliche Anerkennung des Problems durch aufeinanderfolgende griechische Regierungen und internationale Behörden bemerkenswert“, heißt es in der Studie.

Doch immerhin: Es gibt ein wenig Hoffnung. Seit September verteilt die Regierung Gesundheitsgutscheine an Bedürftige. Zwei Monate zuvor stimmte die Weltgesundheitsorganisation WHO zu, Griechenland bei der Planung von Reformen zu unterstützen. „Um ein gut funktionierendes Gesundheitssystem aufzubauen, braucht es Strukturen für umfassende Verantwortlichkeiten, eine effiziente Koordination, Leistungsmanagement sowie das Wissen von Akademikern und Menschen, die im Gesundheitswesen arbeiten – keine Verleugnung“, schreiben Kentikelenis und seine Kollegen. „Die Menschen in Griechenland verdienen etwas Besseres“.

Quelle:

©wissenschaft.de – Nora Schlüter
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