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Geschichte+Archäologie

Eine kleine Geschichte der Gartenkultur

Schloss Belevdere, Wien
Garten von Schloss Belvedere in Wien. (Foto: A. Karnholz, Fotolia.com)

Vom paradiesischen Garten Eden über geometrische Strenge des Absolutismus bis hin zum modernen Urban Gardening – die Geschichte der Gartenkultur ist die eines langanhaltenden Erfolgs, gemessen an der Bedeutung, die der Garten über Jahrtausende hinweg für den Menschen beibehalten konnte. Gleichwohl ist diese Geschichte geprägt von immer neuen Anpassungen an unterschiedliche kulturelle Vorstellungen und historische Umstände.

Gartenkultur im Zeichen der Zeit

Wie sich die Anforderungen an den Garten im Laufe der Zeit verändern können, zeigt ein Projekt des Schweizer Bundesamts für Kultur. Es befasst sich mit der Frage, wie der fortschreitende Verlust der Biodiversität mit Hilfe gezielter Gartenkultur verlangsamen oder aufhalten ließe – und fragt zugleich danach, welchen Anteil „alte“ Gärten haben könnten. Vor dem Hintergrund eines zeitgenössischen Problems geht es gleichzeitig darum, die historischen Grundlagen zu bewahren.

Das Ziel ist hingegen das gleiche geblieben, weswegen das Natur- und Kulturerlebnis weiterhin im Fokus bleibt. Im Grunde genommen lässt sich das Konzept der Gartenkultur auf dieses – vermeintliche – Gegensatzpaar herunterbrechen. Denn der Garten stand seit jeher zwischen dem Wunsch, die Natur in greifbarer Nähe erfahren zu können und dem Wunsch, sie nach dem eigenen Willen und zu eigenen Zwecken zu formen.

Dieser Grundsatz gilt für die antiken Gärten, die beispielsweise in Babylon in den Rang eines Weltwunders aufstiegen, genauso wie für den heimischen Garten, dessen Gestaltung in vielfältiger Weise den individuellen Vorstellungen angepasst werden kann. Ganz gleich, wie die Ergebnisse am Ende aussehen oder welchen Vorbildern oder Maßgaben sie folgen, die Gärten von heute sind die Fortsetzung durchgängiger menschlicher Bemühungen, die Harmonie zwischen Mensch und Natur zurückzuholen.

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Die Anfänge der Gartenkultur

Nichtsdestotrotz zeigt der Blick zurück auf die Anfänge der Gartenkultur, dass es den Menschen zunächst vornehmlich um die Befriedigung von Grundbedürfnissen ging und kaum um die ästhetischer Konzepte. Gärten entstanden erst, als die Menschen begannen, sesshaft zu werden, waren sogar eine wichtige Grundlage dazu. Kaum überraschend daher, dass Gartenbau in seinen ursprünglichen Formen in erster Linie funktional war, da er das Problem der Ressourcenknappheit lösen musste, welches in Folge der Sesshaftigkeit entstand.

Damit einher ging aber gleichzeitig eine erste Trennung von ungezähmter und kultivierter Natur: Die angebauten Nährpflanzen waren überlebenswichtig und brauchten daher Schutz. Während in privaten Gärten Hecken und Zäune vornehmlich dem Sichtschutz und der Abgrenzung benachbarter Grundstücke dienen, waren sie anfänglich eine notwendige Schutzmaßnahme vor ernstzunehmenden Gefahren.

Dennoch lässt sich erkennen, wie die Grundlagen der Gartengestaltung bereits in den antiken Ursprüngen angelegt sind. Sie entspringt dem Bedürfnis, die Natur zu beherrschen, was sich in den Bemühungen äußert, aus dieser eine zweckdienliche und dem Menschen gefällige Ordnung zu schaffen. Sie benötigt dazu aber auch Antworten, um diese Umgestaltung entgegen der natürlichen Unwirtlichkeiten durchsetzen zu können:

  • Die bewegte Topografie wurde zu diesem Zweck durch gerade Linien, rechte Winkel und ebene Fläche nutzbar gemacht – was später seinen Höhepunkt in den Gärten der absolutistischen Schlossbauten, allen voran dem französischen Herrschersitz in Versailles, fand.
  • Fließenden Gewässern musste mittels Steineinfassungen, geometrischen Kanälen, Quellbrunnen oder künstlichen Wasserbecken die zerstörerische Gewalt genommen werden.
  • Gegen den Wind wurden Einhegungen oder eine dichte Bepflanzung an den Rändern der kultivierten Flächen angelegt.
  • Mit künstlichen Bewässerungsanlagen, Baumbewuchs oder überrankten Unterständen wurde den Folgen von Hitze und Trockenheit vorgebeugt.
  • Aus der unregelmäßig und unkontrolliert wachsenden Vegetation wurden durch gezielte Pflanzungen und Beschnitt langsam Kulturpflanzen gezogen.

Eine naturnahe Gestaltung des Gartens, so wie sie heutzutage an vielen Stellen wieder zunehmend populär wird, ist im Prinzip ebenfalls erst durch die Sicherstellung der Versorgung der Grundbedürfnisse möglich geworden. Wie vergleichsweise schnell sich dieser Erfolg einstellte, lässt sich dann spätestens an den Hängenden Gärten von Semiramis erkennen, wenngleich Stephanie Dalley vom Orientalischen Institut der University of Oxford nachweisen konnte, dass diese nicht wie sonst überliefert in Babylon, sondern in Ninive zu verorten sind.

In den antiken Hochkulturen wird daher schon recht früh eine Umdeutung des Gartens vorgenommen. Sie dienen nicht nur in Babylon, sondern auch im alten Ägypten bereits als Orte der Entspannung, wenngleich vielfach noch die Verbindung zum Religiösen – die Gärten dienten der Verehrung der Götter und fanden sich entsprechend häufig in der Nähe von Tempelanlagen und Palästen – eine Rolle spielte.

Anders verlief hingegen die Entwicklung im antiken Griechenland, wo die Gartenanlagen – sofern man davon sprechen mochte – in die größeren Peristylhöfe, die von Schrägdächern geschützten Innenhöfe, der Häuser verlegt wurde. Große Gartenanlagen wurden nur außerhalb der Städte angelegt und dann vornehmlich als Nutzgärten. Ähnliche Trendlinien lassen sich ab dem 2. Jahrhundert vor Christus auch für das Römische Reich nachvollziehen, wo die Gartenkunst vor allem im Umfeld der ländlichen „villa rustica“ oder „villa suburbana“ betrieben wurde.

Über die Neuzeit in die Moderne

So gerne das Mittelalter landläufig als Gegensatz zu den Errungenschaften der Antike dargestellt wird, so wenig entspricht dieses Bild der historischen Wahrheit. Das lässt sich unter anderem an der mittelalterlichen Gartenkultur erkennen, die zwar nicht so sehr mit eigenen Impulsen aufwarten konnte, aber auch keineswegs eine Abkehr von den antiken Vorbildern bedeutete. Am deutlichsten tritt das in den Klostergärten zutage, die sich folgerichtig an der römischen Formensprache orientierten. Die regelmäßigen, geometrischen Mustern entsprechenden Anlagen waren dabei zugleich ein irdisches Abbild einer harmonischen Weltordnung.

Diese Ordnung galt es zu schützen, weswegen die mittelalterliche Gartenkultur mit dem „hortus conclusus“ eine ganz typische Form hervorbrachte. Natürlich war die Ummauerung auch der generellen Fortifikation von Klöstern und Burgen geschuldet, was jedoch keineswegs im Widerspruch zur theologischen Ausdeutung der Klostergärten steht. Abgesehen davon war das verbreitete Bild der Jungfrau Maria im umschlossenen Garten eine ebenso verbreitete Analogie zur staatlichen Souveränität.

Mit der Renaissance und den „Zehn Büchern über die Baukunst“ von Leon Battista Alberti kam dann die bekannte Rückbesinnung auf die Antike, verbunden mit den Versuchen, deren Prinzipien neues Leben einzuhauchen. Zusammen mit der italienischen Herkunft Albertis ist deswegen nur wenig verwunderlich, dass für die Gartengestaltung auch die Villa, insbesondere die Landvilla, zu einer neuerlichen Blüte kam. Die im Traktat über die Villa formulierten Gestaltungsprinzipien deuten dabei schon an, in welche Richtung sich die Gartenkunst in der Folge entwickeln wird:

  • Die Villenbauten werden bewusst zur Landschaft orientiert und geöffnet. Das bedeutet unter anderem eine regelrechte Inszenierung der Aussicht in den Garten. Außerdem werden mit der Durchdringung von Gebäude und Außenraum die Grundlagen für die Art Wohngarten geschaffen, die sich heute wieder wachsender Beliebtheit erfreuen.
  • Aufgrund der beliebten Hanglage der Landvillen wird die Terrassierung des Geländes gefordert, was unter anderem ebenfalls der inszenierten Fernsicht zugutekommt. Einmal mehr fungieren die Hängenden Gärten der Semiramis als prominentes Vorbild.
  • Die Verschmelzung von Innen und Außen wurde außerdem durch ein axialsymmetrisch angelegtes Parterre vor der Hauptfront der Villen vorangetrieben.
  • Mit dem „giardino segreto“ bleibt allerdings ein Element erhalten, das aufgrund seiner Umschließung sehr an den mittelalterlichen „hortus conclusus“ erinnert.
  • Als Grundlage für das Anlegen von Räumen und Gärten dienen die Proportionsverhältnisse, die Alberti aus der musikalischen Harmonielehre nach Pythagoras entnahm. Dabei geht es um die Teilbarkeit der Grundrisse in harmonische Rechtecke, die sich wiederum ebenso harmonisch zu den Höhen der Randelemente verhalten.
  • Eine der größten Errungenschaften der Renaissance findet auch in die Gestaltung der Villa Einzug: Den Regeln der Zentralperspektive nach Piero della Francesco folgend, werden die Randelemente (also Mauern, aber genauso Hecken und dergleichen) durch eine Höhen- und Tiefenstaffelung zur Unterstützung der Raumwirkung eingesetzt.
  • Zu guter Letzt wird die Gartenanlage in Analogie zum Bauwerk als eine (thematisch) geordnete Raumfolge konzipiert, bei der die verbindenden Wege- und Raumachsen durch eindeutige Ziele oder Endpunkte markiert sind.

Darüber hinaus wird die Gartengestaltung durch den Einsatz von skulpturalen Elementen oder auch Grotten deutlich spielerischer, als dies selbst in den Lust- und Ziergärten des Mittelalters der Fall war.

Die barocke Gartenkultur muss dann als Fortführung der Renaissance-Grundlagen vor dem Hintergrund des Absolutismus verstanden werden, mit Frankreich als treibender Kraft. Während das einerseits bedeutet, dass viele Elemente, die bereits frühzeitig aus Italien übernommen wurden, beibehalten werden, wird andererseits der Garten ganz dem neuen Rationalismusbewusstsein des Barock unterworfen.

Die vom Menschen erschaffene Ästhetik wird – im Sinne des Welt- und Naturbeherrschungsdenkens der Zeit – über die Natur erhoben. Der Garten wird dadurch zu einer Fortsetzung der Gebäude und gleichzeitig ein funktionelles Element im Gesamtprogramm, was die Verschmelzung von Innen und Außen gewissermaßen zu einer Vollendung bringt.

Mit der Aufklärung und einsetzenden Industrialisierung verändert sich der Blick auf den Garten noch einmal grundlegend. Die starre Geometrie und die unbedingte Unterwerfung der Natur unter die Schaffenskraft des Menschen weicht zu Gunsten der Landschaftsgärten, die der Natur wieder mehr Raum lässt.

Anhand der entstehenden großen städtischen Park- und Grünanlagen lässt sich schon das seitdem dauerhafte Thema der Beziehung von Stadt zu Natur ablesen, die mit den verschiedenen Ansätzen des Urban Gardening um eine weitere Facette bereichert wurde. Rückblickend scheint sich an dieser Stelle der Kreis zu schließen, der mit dem Wunsch nach Selbstversorgung seinen Anfang genommen hat.

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splei|ßen  〈V. t.; hat; früher auch stark konjugiert: spliss, gesplissen〉 1 〈Tech.; Mar.〉 miteinander verflechten 2 〈veraltet〉 2.1 (zer)spalten (Holz) ... mehr

Ha|lon  〈n. 11; Chem.〉 als Feuerlöschmittel verwendeter Halogenkohlenwasserstoff

ap|te|ry|got  〈Adj.; Zool.〉 flügellos [<grch. a ... mehr

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