Auf den Spuren des Biedermeier Elfenbein. Barocke Pracht am Wiener Hof - wissenschaft.de
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Auf den Spuren des Biedermeier

Elfenbein. Barocke Pracht am Wiener Hof

Ignaz Elhafen (1658–1715), Kaiser Leopold I., um 1687/91, Elfenbein, H. 15,1 cm, B. 11,4 cm, Kunsthistorisches Museum Wien

Seit der Antike gehört Elfenbein zu den beliebtesten Materialien. Die Herkunft aus fernen, unbekannten Ländern und die Seltenheit machen seine Kostbarkeit aus. Besonders im Barock war die Nachfrage nach dem Werkstoff außerordentlich groß. So erlebte die Elfenbeinkunst ihre höchste Blüte im Wien des 17. Jahrhunderts zur Zeit von Fürst Karl Eusebius von Liechtenstein und Kaiser Leopold I. Die schimmernde Erscheinung des polierten Werkstoffs diente fürstlich-imperialen Repräsentationsansprüchen, war sein Besitz doch auch ein Ausweis von Macht und Reichtum. Die Ausstellung „Elfenbein. Barocke Pracht am Wiener Hof“, die vom 3. Februar bis 26. Juni 2011 in der Liebieghaus Skulpturensammlung gezeigt wird, konzentriert sich auf diese Blütezeit der Elfenbeinkunst und präsentiert in Zusammenarbeit mit dem Kunsthistorischen Museum in Wien rund 36 großartige, virtuose Schnitzereien, die das hohe Können der Künstler eindrucksvoll dokumentieren, darunter meisterlich gearbeitete Statuetten, Kannen, Pokale, Humpen oder Schalen aus Elfenbein, sogenannte Kunstkammerstücke ohne jeglichen Gebrauchswert. Die Werke stammen von den berühmtesten Elfenbeinschnitzern des Barock wie Adam Lenckhardt, Johann Caspar Schenck oder Matthias Steinl. Die Ausstellung entstand in Zusammenarbeit mit dem Kunsthistorischen Museum in Wien, dessen weltberühmte Kunstkammer derzeit aufgrund einer Generalsanierung geschlossen ist. Für das Liebieghaus bietet sich dadurch die einmalige Chance, eine solch hochwertige Auswahl an Meisterwerken aus der Kunstkammer des Kunsthistorischen Museums in Frankfurt präsentieren zu können, bevor sie Ende 2012 nach der Neueröffnung der Kunstkammer wieder dauerhaft in Wien zu sehen sein werden. Acht weitere hochkarätige Leihgaben der Ausstellung stammen aus der Sammlung Reiner Winkler.

Bereits in der Antike schuf Phidias große Götterstatuen, deren Haut aus Elfenbein gestaltet war; die Bibel beschreibt den gleichfalls aus Elfenbein zusammengesetzten Thron Salomos. Vor allem im Mittelalter und im Barock wurde der Werkstoff außerordentlich geschätzt. Die große Nachfrage führte dazu, dass sich dafür im 17. Jahrhundert neue Einfuhrhäfen etablierten; die ost- und westindischen Handelskompanien begünstigten den Transport vor allem afrikanischen Elfenbeins. Der Hinwendung zu solch notwendigerweise kleinformatigen Elfenbeinwerken kam entgegen, dass während des Dreißigjährigen Kriegs und der Pestepidemien Aufträge für großformatige Kirchen- oder Palastausstattungen kaum noch vergeben wurden oder ganz ausblieben. Daher wandten sich Bildhauer und ihre Auftraggeber zunehmend oder ganz der mobilen Kleinplastik zu.

In der Renaissance und im Manierismus war Bronze ein überaus beliebtes Material für Kleinplastik. Ihr aber lief im 17. Jahrhundert Elfenbein den Rang ab. Geschätzt wurde am Elfenbein die Elastizität des Materials bei gleichzeitiger Härte sowie die schimmernde Transparenz und feine Äderung, die an Fleischton erinnern. Hervorgegangen aus Elfenbeindrechseleien des 16. Jahrhunderts, aus frühen Werken wie denen des Furienmeisters, entwickelte sich im 17. Jahrhundert die hohe Zeit der Produktion von Elfenbeinkunstwerken. Seit der Jahrhundertmitte wurden neben den großen Bürgerstädten vor allem die weltlichen und geistlichen Residenzen Zentren der Elfenbeinproduktion, die erst im frühen 18. Jahrhundert an ihr Ende gelangte. Besonders in München und Augsburg, aber auch in Schwäbisch Hall, Ulm, Mecheln, Amsterdam, Dresden oder auch Düsseldorf arbeiteten Elfenbeinschnitzer.

Ihre höchste Blüte erlebte die Elfenbeinkunst in Wien zur Zeit des Fürsten Karl Eusebius von Liechtenstein (reg. 1627–1684) und kurz darauf gefördert durch Kaiser Leopold I. (reg. 1658–1705). Beide drechselten – der Kaiser ist in der Ausstellung durch einen selbstgedrechselten Deckelhumpen vertreten –, besaßen mehrere Drechselbänke und hatten Hofdrechsler angestellt. Ihre besondere Begeisterung für das Material drückt sich ferner darin aus, dass sie die Elfenbeinschnitzer Adam Lenckhardt (1610–1661), Johann Caspar Schenck (um 1620–1674) und Matthias Steinl (1643/44–1727) fest an ihre Höfe banden. Diese hohe Bedeutung des Elfenbeins zog weitere Künstler nach Wien. Zahlreiche Schnitzer ließen sich nieder oder lebten hier für Jahre oder Monate. Die kaiserliche Residenz entwickelte sich zum bedeutendsten Zentrum der barocken Elfenbeinkunst. Es entstand ein überaus fruchtbares Klima der gegenseitigen Beeinflussungen und Kooperationen. Diese Blüte mag im Nachhinein durchaus überraschen, war das Land doch immer wieder durch Krieg und Pestepidemien gezeichnet. Dennoch wurde trotz leerer Staatskassen weder von Fürsten noch vom Kaiser ernsthaft am Hofstaat gespart: Zur fürstlichen Repräsentation, zur Betonung des vorgetragenen Machtanspruchs, aber auch zur Demonstration der Kreditwürdigkeit gehörte unter anderem der Besitz äußerst kostspieliger Elfenbeinwerke.

Den brillanten Beginn der Blüte der Elfenbeinplastik in Wien markierte Adam Lenckhardt, von dem ausschließlich Elfenbeinwerke bekannt sind. Im Jahr 1642 wurde er vom Fürsten Karl Eusebius von Liechtenstein als erster Elfenbeinschnitzer zum Kammerbildhauer ernannt. Gleichzeitig mit ihm arbeitete der sogenannte Meister der Sebastiansmartyrien in Wien. In seinen Reliefs, vor allem dem grandiosen, namengebenden Relief mit der Marter des Heiligen, zeigt er realistische Gestalten mit kräftigen, untersetzten Proportionen. Er schuf Prototypen, die auf seine Nachfolger prägenden Einfluss hatten. Dem Meister folgte Johann Caspar Schenck, der am kaiserlichen Hof der erste „Kammerbeinstecher“ werden sollte. Im Auftrag des Kaisers schuf er einen berühmten Deckelhumpen, der die Begegnung des Weingottes Dionysos und des Königs Pentheus wiedergibt. Triebhafte Nacktheit im Gefolge des Dionysos und elegante Körper auf königlicher Seite kontrastieren; lineare Schärfe der Formen und Überschneidungen machen den charakteristischen Stil des aus Konstanz stammenden Schnitzers aus. Bereits vor Schenck war Balthasar Grießmann (um 1620–1706) in Wien eingetroffen, der vor allem für seine Gefäße und Schalen bekannt ist und hierin große Meisterschaft und Einfallsreichtum entwickelte. 1688, zwei Jahre nach dem Tod von Matthias Rauchmiller (1645–1686), einem der vielseitigsten und am Wiener Hof hoch geschätzten Künstler, erreichte Matthias Steinl die kaiserliche Residenz. Gebürtig aus Salzburg, arbeitete er in Schlesien, wohin auch Rauchmiller enge Kontakte gehabt hatte. Um 1688 wurde Steinl als kaiserlicher „Kammerbeinstecher“ angestellt. Von ihm sind nur neun Elfenbeinstatuetten bekannt, die jedoch Höhepunkte der barocken Kunst darstellen. Dazu gehören die kleinfigurige Gestalt des „Chronos auf der Weltkugel“, die „Allegorie der Elemente Wasser und Luft“ sowie die berühmten (allerdings nicht ausleihbaren) Reiterstandbilder Leopolds I., Josephs I. und Karls VI. Besonders Rauchmiller und Steinl übten maßgeblichen Einfluss auf bedeutende Künstler wie Ignaz Bendl (um 1650–um 1730), Ignaz Elhafen (1658–1715) und Jacob Auer (1645–1706) aus, von denen bedeutende Werke in der Ausstellung zu sehen sein werden.

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Die Ausstellung stellt die Frage, warum es gerade Elfenbein war, das sich als Material für Kleinplastik in der Zeit des Barock, insbesondere in Wien, durchsetzte. Sie bietet zudem Gelegenheit, Werke, die noch nie nebeneinander zu sehen waren, in direkten Kontrast zueinander zu stellen und Entwicklungslinien innerhalb der Elfenbeinkunst nachzuverfolgen. Im Liebieghaus wurden bereits mehrfach Ausstellungen zur Elfenbeinkunst gezeigt: 2001 präsentierte das Haus „Elfenbein. Einblicke in die Sammlung Reiner Winkler“, 2006 die Schau „Der Furienmeister“.

Der Handel mit Elfenbein ist heute weitgehend verboten. Der dramatische Rückgang des Elefantenbestandes geht auf das 20. Jahrhundert zurück, davor war er durch die Jagd nicht gefährdet. Erst durch die steigende Nachfrage nach Elfenbein und den Einsatz moderner Waffen im vergangenen Jahrhundert gerieten ganze Arten an den Rand der Ausrottung. Vor allem zwischen 1970 und 1989 erreichte die Jagd auf Elfenbein ihren Höhepunkt. Durch das 1973 eingeführte Washingtoner Artenschutzübereinkommen haben sich die Elefantenbestände in einigen afrikanischen Ländern erholt. Vor allem im südlichen und östlichen Afrika sind die Bestände zurzeit stabil und nehmen sogar im Jahresdurchschnitt um vier Prozent zu.

Zur Ausstellung erscheint im Michael Imhof Verlag ein umfangreicher, von Maraike Bückling und Sabine Haag herausgegebener Katalog. Mit einem Vorwort von Max Hollein und Texten von Eva Maria Breisig, Maraike Bückling, Sabine Haag, Christine Kitzlinger, Thomas Kuster, Astrid Scherp, Sabine Schwab. Deutsche Ausgabe, 34,90 Euro (Museumsausgabe).

Quelle: Liebieghaus
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