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Mittelalter

Elfenbein-Handel von Grönland bis nach Kiew

Im Mittelalter war Walross-Elfenbein ein sehr beliebter Rohstoff, der weit gehandelt wurde. © Amheruko/iStock

Archäologen haben in einer mittelalterlichen Fundschicht in Kiew seltsame Knochenfragmente entdeckt, die sich als Schädelstücke von Walrossen entpuppten. Wie sie erklären, handelt es sich um Relikte des Handels mit Stoßzahn-Elfenbein, das noch im Knochen steckend transportiert wurde. Weitere Analysen offenbarten dann die überraschend weite Reise des Materials: Es stammte nicht von Walrossen aus russischen oder norwegischen Gewässern, sondern aus der geheimnisvollen Grönlandkolonie der Wikinger. Die Befunde zeugen somit von den erstaunlich weitreichenden Handelsverbindungen im Mittelalter, sagen die Wissenschaftler.

Die ungewöhnliche Entdeckungsgeschichte, über die das ukrainisch-norwegische Forscherteam nun berichtet, begann mit einer Ausgrabung in der Ukraine, als das Land noch nicht vom Krieg zerrüttet wurde: Ein Archäologenteam war bei Untersuchungen im Zuge eines Neubaus im Zentrum von Kiew auf Funde gestoßen, die sie auf das 10. bis 13. Jahrhundert datierten. Neben verschiedenen Artefakten umfassten die Entdeckungen auch neun seltsame Knochenfragmente in verschiedenen Größen. Den Archäologen erschien völlig unklar, von welchen Tieren sie stammen könnten. Deshalb zogen sie einen Experten zurate, der sie mit einem zunächst erstaunlich wirkenden Befund überraschte: Die Knochen stammen von Walross-Schnauzen. „Wir hatten noch nie von ähnlichen Entdeckungen in Kiew gehört“, sagt Co-Autorin Natalia Khamaiko von der Nationalen Akademie der Wissenschaften der Ukraine in Kiew.

Wie und warum gelangten diese Walross-Knochen im Mittelalter nach Kiew? © Valery Krymchak

Walross-Knochen im mittelalterlichen Kiew?

Dann klärte sich allerdings, dass die exotischen Knochen auf den mittelalterlichen Handel mit Walross-Elfenbein zurückzuführen sind: Die Stoßzähne der Tiere wurden oft noch an der Schnauze befestigt transportiert und dann erst abgebrochen, wenn man sie zu Schnitzereien weiterverarbeitete. „Walross-Elfenbein war im Mittelalter in Europa ein sehr beliebter Rohstoff. Es wurde zur Herstellung von Objekten in der Kirchenkunst verwendet sowie für luxuriöse Versionen von Alltagsgegenständen wie Spielfiguren und Messergriffen“, sagt Co-Autor James Barrett von der Norwegischen Universität für Wissenschaft und Technologie in Trondheim.

Man nahm bisher an, dass die Versorgung mit dem kostbaren Material in Osteuropa auf der Walross-Jagd in der russischen Arktis – der Barentssee – beruhte. Westeuropa wurde hingegen vor allem von der später verlassenen Kolonie der Wikinger auf Grönland mit Walross-Elfenbein versorgt, so die Annahme. Somit lag zunächst nahe, dass auch die Funde aus dem weit im Osten gelegenen Kiew von Tieren aus der russischen Arktis stammten. Doch die Wissenschaftler wollten es genauer wissen. So verfolgten sie einen dreistufigen Ansatz, um der Herkunft der Knochen auf die Spur zu kommen – und kamen schließlich zu einem überraschenden Ergebnis.

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Zunächst untersuchten sie die Spuren von Walross-DNA, die in den Knochen erhalten geblieben sind. Bei fünf Knochenfragmenten konnten sie dabei eine genetische Signatur feststellen, wie sie für die Walrosse Grönlands typisch ist. Anschließend führten die Forscher zusätzlich eine Isotopenanalyse der Knochen durch. Isotope sind Varianten ein und desselben Elements, die je nach Nahrungsquelle und geografischer Lage variieren und damit Rückschlüsse auf die Herkunft eines Tieres ermöglichen. Auch diese Nachweismethode lieferte Ergebnisse, die deutlich nach Grönland verwiesen. Beim dritten Ansatz handelte es sich um eine Untersuchung der Verarbeitungsspuren an den Knochenfragmenten, die bei der Vorbereitung der Walross-Schnauzen für den Fernhandel entstanden sind. Dabei zeigte sich: „Sechs der Knochenfragmente wurden auf typisch grönländische Weise bearbeitet“, sagt Barrett. Unterm Strich besteht somit kein Zweifel: „Alles deuten auf dieselbe Quelle hin – Grönland“, resümiert Co-Autor Bastiaan Star von der Universität Oslo.

Weitreichender Interkontinentalhandel

Den Experten zufolge könnte das Elfenbein von Grönland aus zunächst zu Handelszentren wie Trondheim oder Schleswig geschickt worden sein. Denn die Knochenreste in Kiew ähneln Funden aus diesen Städten. Von dort aus könnten sie dann über die Ostsee, den Dnepr und den Wolchow-Fluss hinunter nach Kiew gelangt sein. Man kann auch davon ausgehen, dass das Elfenbein aus Grönland von dort aus noch weiter gehandelt wurde – bis in die islamische Welt und nach Asien. Denn Kiew war im Mittelalter eine wichtige Handelsstadt, in der sich Händler aus dem Norden und Süden trafen. „Im 12. Jahrhundert war Kiew eine mittelalterliche Metropole und die Hauptstadt eines Staates, dessen Wirtschaft auf dem Handel beruhte. Was wir jetzt über die Walross-Knochen herausgefunden haben, belegt diese Bedeutung Kiews: Durch das Handelszentrum flossen Waren aus weit entfernten Teilen der Welt“, so Khamaiko.

Abschließend sagt Star: „Ich finde es erstaunlich, dass diese Walrosse von den altnordischen Kolonien in Westgrönland aus ihren Weg an so weit entfernte Orte fanden. Wir sind uns heute sehr bewusst, dass wir in einer globalen Wirtschaft leben. Aber diese Funde verdeutlichen, dass globale Handelsnetze tatsächlich eine sehr lange Geschichte besitzen“, so der Wissenschaftler.

Quelle: Norwegian University of Science and Technology, Fachartikel: Proceedings of the Royal Society B Biological Science, doi: 10.1098/rspb.2021.2773

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