Entstehung des "Domesday Book" enträtselt - wissenschaft.de
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Geschichte+Archäologie

Entstehung des „Domesday Book“ enträtselt

Pergamentrolle
Die Pergamentrolle aus Burton-upon-Trent (Foto: Carol Symes, reproduced courtesy Staffordshire Public Record Office)

Das knapp tausend Jahre alte „Domesday Book“ ist eines der berühmtesten Dokumente der englischen Geschichte. Doch jetzt enthüllen Analysen zeitgenössischer Dokumente, dass diese Datensammlung Wilhelms des Eroberers über sein Volk deutlich später entstand als gedacht. Zudem verliefen die gesamte Volkszählung und Datenerfassung für das Buch eher desorganisiert und teilweise sogar subversiv.

Nach gängiger Theorie entstand das „Great Domesday Book“, kurz nachdem der normannische König Wilhelm der Eroberer im Jahr 1066 England eroberte. Um herauszufinden, wer in seinem Reich lebte und welche Besitztümer seine neuen Untertanen besaßen, soll er eine Art Volkszählung veranlasst haben – eine Erfassung der Güter und Ressourcen in ganz England. Die Ergebnisse ließ der König dann in einem Buch zusammenfassen – dem „Domesday Book“.

Spurensuche in zeitgenössischen „Satellitentexten“

Der Überlieferung nach sollen die Daten für das „Domesday Book“ innerhalb von nur einem Jahr gesammelt und zusammengestellt worden sein. Im Jahr 1087, kurz vor dem Tod von Wilhelm dem Eroberer, soll dieser dann das fertige Werk in Händen gehalten haben. Doch ob diese Geschichte stimmt und wie dieses berühmte Buch zusammengestellt wurde, war bisher kaum geklärt. „Man hat nie genau herausfinden können, wie dieser enorm umfangreiche Text entstanden ist und wie das in diesem unglaublich kurzen Zeitfenster möglich gewesen sein soll“, sagt Carol Symes von der University of Illinois.

Jetzt hat die Historikerin mithilfe zweier entscheidender zeitgenössischer Manuskripte ein ganz neues Licht auf die Entstehungsgeschichte des „Domesday Book“ geworfen. Eine dieser Quellen sind die Exeter-Texte, eine Sammlung von 103 ungebundenen Büchlein mit Daten aus drei englischen Grafschaften. „Dies ist ein außergewöhnlicher Schatz von Rohdaten der Erhebung, die von einem Team königlicher Schreiber in Winchester zusammengetragen wurden“, erklärt Symes.

Die zweite Quelle ist der älteste bekannte Vertreter der Vorläufer- und Begleittexte des „Domesday Book“: eine im nordenglischen Burton-upon-Trent entdeckte Pergamentrolle. Verewigt auf dem verblichenen Pergament ist eine Entwurfsfassung der Aufstellung aller Güter der ortsansässigen Abtei.

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Beschwerden, Korrekturen und Anmerkungen

Die Auswertung der historischen Texte enthüllte, dass die Daten für das Domesday Book weitaus weniger organisiert und systematisch gesammelt und zusammengestellt wurden als gedacht. „Was wie ein geradliniges, von oben gelenktes königliches Projekt erschien, erweist sich nun als die Spitze eines monströsen Eisbergs, der die Beteiligung vieler historischer Akteure und oft auch ihre persönlichen Stimmen umfasst“, sagt Symes. „Hunderttausende Personen und Gemeinschaften machten hier ihren Sorgen Luft und dokumentierten öffentlich ihre Vorstellung von Recht und Gerechtigkeit.“

In den Exeter-Schriften sind beispielsweise die Beschwerden von Stadtbewohnern erhalten, deren Häuser für den Bau eines Schlosses eingeebnet wurden. Immer wieder wurden Einträge zudem von verschiedenen Schreibern ausgebessert, gestrichen oder verändert. An einer Stelle widerspricht ein Bischof den Beratern des Königs, weil diese seinen Besitz nicht korrekt aufgelistet haben. „Wir sehen hier Menschen, die sich wehren oder zumindest ihre Stimmen erheben, weil sie schlicht die Schnauze voll haben“, sagt Symes. „Diese Texte dokumentieren damit auch das Trauma der Eroberung.“

Buch wurde erst Jahre später fertig

Die Analysen vor allem des Pergaments aus Nordengland belegen auch, dass das Zusammentragen der Daten und die Erstellung des „Great Domesday Book“ deutlich länger dauerte als bisher angenommen. Denn aus den in der Schriftrolle niedergelegten Daten geht hervor, dass das große Buch erst Jahre, vielleicht sogar Jahrzehnte nach 1087 fertig wurde – und damit nach dem Tod Wilhelms des Eroberers.

„Und als es dann endlich vollbracht war, war dieses Buch wenig mehr als ein Luxusobjekt, ein Requisit im Theater der Macht“, sagt Symes. Denn praktisch genutzt wurde dieses mittelalterliche Kataster wahrscheinlich nicht – diese Aufgabe übernahmen die unzähligen regionalen Listen und Vorläuferdokumente.

Quelle: University of Illinois, Fachartikel: Speculum, doi: 10.1086/699010

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