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Prähistorische Medizin

Erfolgreiche Amputation vor 31.000 Jahren

Künstlerische Darstellung des „besonderen“ altsteinzeitlichen Bewohners der Insel Borneo. © Jose Garcia (Garciartist) and Griffith University.

Anthropologen sind auf der Insel Borneo auf einen erstaunlich frühen Fall einer chirurgischen Behandlung gestoßen: Einem jungen Patienten wurde vor etwa 31.000 Jahren der linke Fuß samt eines Teils des Unterschenkels entfernt, geht aus der Untersuchung eines Skelettfundes hervor. Die Amputation wurde offenbar erstaunlich professionell durchgeführt und war mit anschließender Fürsorge verbunden: Das Individuum lebte noch jahrelang weiter. Den Wissenschaftlern zufolge legen die Befunde somit nahe, dass bereits einiger Jäger und Sammler der Altsteinzeit komplexes medizinisches Wissen besaßen.

Wenn wir krank oder verletzt sind, bekommen wir in der Regel schnell Hilfe: Die medizinische Versorgung gehört zum Fundament unserer heutigen Gesellschaft. Sie besitzt bekanntlich eine Tradition, die weit zurückreicht. Über die historischen Zeiten hinaus liefern dabei manchmal Untersuchungen an menschlichen Überresten Hinweise auf frühe medizinische Praktiken. Als der älteste bekannte Fall einer gezielten Amputation galt bisher ein Befund an einem etwa 7000 Jahre alten Skelett eines neolithischen Bauern aus Frankreich. Offenbar war ihm der linke Unterarm erfolgreich entfernt worden, wie aus Spuren einer anschließenden Heilung hervorgeht. Demnach besaßen bereits die frühen sesshaften Menschen entsprechend effektive medizinische Verfahren und Kenntnisse, um die erheblichen Herausforderungen einer Amputation zu meistern. Doch wie nun aus der aktuellen Studie hervorgeht, waren offenbar auch schon deutlich früher manche Jäger und Sammler dazu fähig.

Ein Amputations-Patient zeichnet sich ab

Der Blick richtet sich dabei auf die indonesische Insel Borneo. Dort führen bereits seit einigen Jahren Forscher Ausgrabungen und Untersuchungen in Höhlen durch, in denen einst prähistorische Menschen lebten. Von ihnen zeugen unter anderem künstlerische Spuren an den Wänden, die auf ein Alter von bis zu 40.000 Jahren datiert wurden. Wie die Wissenschaftler um Tim Maloney von der australischen Griffith University berichten, stießen sie im Zuge ihrer Untersuchungen in der Höhle Liang Tebo auf das Skelett eines Menschen. Den Merkmalen zufolge war er zum Zeitpunkt seines Todes etwa 19 bis 20 Jahre alt. Das Geschlecht lässt sich bisher zwar nicht genau feststellen, der Größe nach könnte es sich aber um einen jungen Mann gehandelt haben.

Den Beifunden zufolge war das Individuum mit der Bezeichnung TB1 gezielt in der Höhle bestattet worden. Aus den Datierungen ging hervor, dass dies vor etwa 31.000 Jahren geschehen war. Es handelt sich damit um das älteste bekannte Grab auf Borneo, schreiben die Forscher. Doch der Fund besitzt noch einen weit spannenderen Aspekt: TB1 besaß keinen linken Fuß. Offenbar war er dem Individuum samt einem Teil des Unterschenkels entfernt worden. Aus den genaueren Untersuchungen der Knochenstrukturen ging hervor, dass dies durch einen scharfen Gegenstand erfolgt war. Den Wissenschaftlern zufolge erscheint deshalb ein Unfall oder ein Tierangriff unwahrscheinlich, da dabei in der Regel Quetschungen erkennbar sind. Sie gehen deshalb davon aus, dass der Fuß gezielt amputiert worden war.

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Zudem sind Anzeichen einer Verheilung deutlich erkennbar: TB1 hat vermutlich noch sechs bis neun Jahre nach dem Verlust des Fußes weitergelebt, geht aus den Befunden hervor. Zum Zeitpunkt der Amputation war das Individuum wohl noch ein Kind gewesen, legen weitere Hinweise nahe. In Kombination mit der offenbar sorgfältigen Betreuung und der späteren Bestattung des Betroffenen erscheint deshalb auch eine Form der Bestrafung als Ursache für die Verstümmelung eher unwahrscheinlich. Offenbar war dem jungen Patienten im Zuge einer lebensbedrohlichen Verletzung oder Entzündung der Fuß operativ entfernt worden, folgern die Wissenschaftler.

Erstaunliche Kenntnisse und Fähigkeiten

Wie sie betonen, waren dafür erhebliche medizinische Kenntnisse und technisches Geschick nötig. Zunächst muss klar gewesen sein, dass die Entfernung des Fußes für das Überleben notwendig war. „Wer auch immer dann die Amputation durchgeführt hat, muss über detaillierte Kenntnisse der Anatomie der Gliedmaßen sowie der Muskel- und Gefäßsysteme verfügt haben, um einen tödlichen Blutverlust und Infektionen zu verhindern“, schreiben die Forscher. Ihnen zufolge liegt nahe, dass dabei medizinisch wirksame Natursubstanzen zum Einsatz kamen. Klar scheint auch, dass der Patient während der Genesung aufwändig betreut und versorgt werden musste.

Damit zeichnet sich nun ab, dass sich effektive medizinische Praktiken nicht erst im Zuge der Sesshaftwerdung des Menschen entwickeln konnten. Es bleibt allerdings unklar, wie weit entsprechende Fähigkeiten bei den Menschen vor 31.000 Jahren tatsächlich verbreitet gewesen sein könnten. Denn möglicherweise handelte es sich auch um eine Besonderheit bei den Bewohnern der tropischen Region, sagen die Wissenschaftler: „Es erscheint möglich, dass die Besiedlung der Regenwälder Borneos frühe Fortschritte in der Medizintechnik ausgelöst oder erleichtert hat, die nur in dieser Region möglich waren. So könnte beispielsweise die schnelle Verbreitung von Wundinfektionen in den Tropen die Entwicklung neuer Substanzanwendungen angeregt haben, wobei sich die Menschen die medizinischen Wirkungen von Borneos reicher Pflanzenvielfalt zunutze machten“, schreiben die Wissenschaftler abschließend.

Quelle: Nature, doi: 10.1038/s41586-022-05160-8

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