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Geschichte+Archäologie

Erfolgsrezept „generalistischer Spezialist“

Unsere Spezies zeichnet aus, in unterschiedlichsten Lebensräumen der Erde siedeln und sich dort spezialisieren zu können. (Credit: Image by John Klausmeyer, concept by Brian Stewart, University of Michigan. Aerial view of reindeer herd from zanskar / iStock.)

Warum setzte sich unsere Spezies gegenüber allen anderen Vertretern der Gattung Homo durch? Auschlaggebend könnte die besonders ausgeprägte Fähigkeit des Homo sapiens gewesen sein, sich auf das Überleben in unterschiedlichsten Umgebungen zu spezialisieren, argumentieren zwei Anthropologen. Ihnen zufolge zeichnet sich ab, dass sich unsere Spezies in diesem Aspekt von den ökologischen Anpassungsfähigkeiten anderer Hominin-Arten unterschied.

Eins scheint mittlerweile klar: Die Gattung Homo, die vor etwa drei Millionen Jahren in Afrika entstanden ist, hat im Verlauf ihrer Entwicklungsgeschichte einige deutlich unterschiedliche Vertreter hervorgebracht, die sich ablösten und koexistierten. Auch Vermischungen dieser menschlichen Wesen sind mittlerweile gut dokumentiert. Doch irgendwann endete die Zeit der Vielfalt – Homo erectus, Neandertaler und Co verschwanden und der Homo sapiens wurde schließlich zum einzigen Vertreter seiner Gattung. Welcher Aspekt ausgerechnet diese Menschenform zur dominanten Spezies gemacht hat, ist ein wichtiges Diskussionsthema in der Anthropologie.

Bisher lag der Fokus bei der Untersuchung der Frage, was es bedeutet „Mensch“ zu sein, auf der Suche nach konkreten Spuren – etwa von Kunst, Sprache oder technologischer Komplexität. Patrick Roberts vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena und Brian Stewart von der University of Michigan in Ann Arbor richten den Blick nun auf einen anderen Aspekt: Was machte unsere Spezies aus ökologischer Sicht einzigartig? Wie passten sich unsere Vorfahren an neue Lebensräume an? Um dieser Frage nachzugehen, haben Roberts und Stewart Forschungsergebnisse der letzten Jahre ausgewertet, aus denen Informationen über die Verbreitung der Menschenformen im Pleistozän vor 300.000 bis 12.000 Jahren und die Merkmale der damaligen Lebensräume hervorgehen.

Günstige Kombination zweier Grundkonzepte

Wie sie berichten, zeigt sich, dass der Homo sapiens im Gegensatz zu seinen Vorfahren und zeitgenössischen Verwandten eine Vielzahl von herausfordernden Umgebungen kolonisierte, darunter Wüsten, tropische Regenwälder, Höhenlagen und die Paläoarktis. Doch nicht nur das: Er hat sich offenbar auf die Herausforderungen einiger dieser Extremstandorte spezialisiert. Den beiden Anthropologen zufolge zeichnet sich ab, dass sich der Homo sapiens damit eine Art neue ökologische Nische eröffnet hat – die eines generalistischen Spezialisten. Es handelt sich dabei um eine Mischung der beiden Grundkonzepte, die das Tierreich prägen: Generalisten und Spezialisten.

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„Es gibt eine traditionelle ökologische Zweiteilung zwischen den Generalisten, die eine Vielzahl von verschiedenen Ressourcen nutzen und vielfältige Lebensräume bewohnen können, wie beispielsweise der Waschbär. Dem gegenüber stehen die Spezialisten, wie etwa die Bambus fressenden Pandabären, die eine spezifischere Ernährung und geringere Toleranz gegenüber wechselnden Umweltbedingungen haben“, erklärt Roberts. Beim Menschen zeichnet sich hingegen eine Mischung ab: „Der Homo sapiens als eigentlich generalistische Art umfasste auch spezialisierte Populationen, wie beispielsweise die Bewohner von Bergregenwäldern oder paläoarktische Mammutjäger“, so Roberts.

Seinem Kollegen Stewart zufolge könnte eine der Grundlagen der ökologischen Anpassungsfähigkeit unserer Vorfahren die intensive Kooperation zwischen Nicht-Familienmitgliedern gewesen sein. „Das Teilen von Nahrungsmitteln, Fernhandel und rituelle Beziehungen haben es den Populationen ermöglicht, sich reflexiv an lokale Klima- und Umweltschwankungen anzupassen und andere Hominin-Arten zu ersetzen. Im Wesentlichen kann die Ansammlung, Verwendung und Weitergabe eines großen Pools an kumulativem kulturellem Wissen in materieller oder ideeller Form entscheidend für die Schaffung und Erhaltung der generalistisch-spezialistischen Nische unserer Spezies im Pleistozän gewesen sein“, so Stewart.

Verschiebung des Blickwinkels in der Anthropologie

Die Autoren betonen, dass ihre Aussagen bisher weitgehend hypothetisch sind und kritisch diskutiert werden sollten. Zur Überprüfung der These vom generalistischen Spezialisten könnte ihnen zufolge nun anthropologische Forschung in extremen Lebensräumen wie Wüsten oder Regenwäldern beitragen. Besonders wichtig wäre die Ausweitung der Forschung in Afrika – der evolutionären Wiege des Homo sapiens, sagen die beiden Anthropologen.

„Während wir uns oft für die Entdeckung neuer Fossilien oder Genome begeistern, müssten wir vielleicht genauer darüber nachdenken, welche Rückschlüsse diese Entdeckungen auf das Verhalten der Art zulassen und was uns diese Funde über das Überschreiten ökologischer Grenzen erzählen“, sagt Stewart. Roberts bemerkt abschließend: „Die Überprüfung unserer Hypothese könnte neue Wege für die Forschung eröffnen und, wenn sie sich bestätigt, neues Licht auf die Frage werfen, ob der generalistische Spezialist angesichts der wachsenden Umwelt- und Nachhaltigkeitsprobleme weiterhin ein adaptiver Erfolg sein wird.“

Quelle: Max-Planck-Instituts für Menschheitsgeschichte, Nature Human Behavoiur, doi: 10.1038/s41562-018-0394-4

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