„Erregerzucht“ im Zuge der Viehzucht - wissenschaft.de
Anzeige
Anzeige

Geschichte+Archäologie

„Erregerzucht“ im Zuge der Viehzucht

Durch die Viehaltung entstanden komplexe Interaktionen zwischen Tier, Mensch und Bakterien. (Bild: Annette Günzel)

Hüten statt jagen: Die Entwicklung der Viehhaltung erleichterte unseren Vorfahren das Leben – doch der enge Kontakt mit den Tieren hatte auch einen Haken, wie nun eine Studie belegt: Die Viehhaltung begünstigte die Entstehung von neuen Krankheitserregern, geht aus Untersuchungen von uralten Bakterien-Genomen hervor. Sie stammen aus bis zu 6500 Jahre alten Überresten der Opfer von Salmonelleninfektionen. Den genetischen Merkmalen zufolge infizierten die frühen Formen dieser Erreger im Gegensatz zu heutigen Versionen sowohl Menschen als auch Tiere, was ihre Entstehung im Rahmen der Viehhaltung nahelegt.

Vor etwa 10.000 Jahren kam es zu einer bahnbrechenden Entwicklung, die das Schicksal der Menschheit für immer prägen sollte: die Neolithische Revolution. Statt zu jagen und zu sammeln, domestizierten Menschen Nutztiere und bauten Pflanzen an – es entwickelten sich die ersten bäuerlichen Kulturen, die sich durch Landwirtschaft und Viehzucht ernährten. So fanden Schaf, Schwein und Co Einzug ins Leben unserer Vorfahren. Es entstand ein enger Kontakt mit Tieren, zu denen es zuvor eine Räuber-Beute-Distanz gegeben hat. Dadurch wurden die Menschen wohl auch intensiver mit Erregern konfrontiert als zuvor. Man vermutete deshalb bereits, dass die Neolithisierung mit der Entstehung neuer Krankheiten des Menschen verknüpft war. Ein internationales Forscherteam untermauert diese bisherige Annahme nun erstmals durch Forschungsergebnisse.

Uralten Salmonellen auf der Spur

Im Rahmen ihrer Studie haben die Wissenschaftler Zähne von 2739 Skeletten auf die genetischen Spuren von Krankheitserregern aus der Gruppe der Salmonellen untersucht. Die menschlichen Überreste stammten aus verschiedenen europäischen Regionen und konnten Jägern und Sammlern, nomadischen Viehzüchtern oder Bauern der Zeit bis vor 6500 Jahren zugeordnet werden. Bei den genetischen Analysen kam eine neu entwickelte computergesteuerte Methode zum Einsatz. „Dadurch gelang es uns, eine große Menge archäologischer Proben auf Spuren der Salmonellen-DNA zu untersuchen,“ sagt Co-Autor Alexander Herbig vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena.

Diese genetische Suchaktion war erfolgreich: Die Forscher konnten schließlich acht unterschiedliche Genome des Erregers Salmonella enterica mit einem Alter von bis zu 6500 Jahren rekonstruieren. Wie sie betonen, sind dies nun die bislang ältesten bekannten bakteriellen Genome überhaupt. Da das Erbgut im Bereich des Zahnnervs der Skelette entdeckt wurde, scheint klar, dass die Personen zum Zeitpunkt ihres Todes an einer Salmonelleninfektion im Körper litten. Die Ergebnisse spiegeln somit ein in der Vorgeschichte wahrscheinlich ernsthaftes Gesundheitsproblem wider. Vor allem zeigen sie aber, wie sich der bakterielle Erreger im Verlauf der 6500 Jahre entwickelte, sagen die Wissenschaftler.

Anzeige

Der Einfluss der Tierhaltung zeichnet sich ab

Grundsätzlich zeigten die genetischen Vergleiche, dass alle rekonstruierten Genome von Erreger-Formen stammen, die mit den heute vielfältigen Vertretern aus der Gruppe der Salmonella enterica-Erreger verwandt sind. Besonders interessant war dabei: Bei den von den Landwirten und Viehzüchtern stammenden Salmonellen-Genomen handelte es sich um Vorläufer des Bakterienstammes Salmonella Paratyphi C. Die heutige Version infiziert speziell Menschen und löst typhusähnliche Symptome aus, die zum Tode führen können. Aus den genetischen Merkmalen der historischen Salmonellen geht hingegen hervor, dass sie noch nicht völlig an den Menschen angepasst waren und auch noch Tiere infizierten.

Wie die Forscher erklären, legt dies nahe, dass die Entwicklung dieser Erreger mit den neuen kulturellen Gewohnheiten im Rahmen der Neolithisierung verknüpft war. Mit anderen Worten: Der enge Kontakt mit Nutztieren hat die Entstehung menschenspezifischer Krankheiten erleichtert. „Das breite zeitliche, geografische und kulturelle Spektrum unserer Befunde ermöglichte es uns, erstmals mithilfe der Molekulargenetik die Evolution von Krankheitserregern mit dem Aufkommen einer neuen menschlichen Lebensweise zu verknüpfen,“ resümiert Herbig.

Die Forscher wollen durch ihre Studie auch auf das Potenzial ihrer Methodik aufmerksam machen: „Die historische Metagenomik kann uns ein neues Fenster in die Vergangenheit menschlicher Krankheiten eröffnen“, sagt der Erstautor der Studie Felix Key. Er und seine Kollegen hoffen, dass nun auch andere Wissenschaftler das Verfahren nutzen, um die Verknüpfung der menschlich-kulturellen Evolution mit der Entstehung von Krankheiten zu verknüpfen. „Wie im Fall von Salmonella könnten wir nun beginnen, die genetischen Veränderungen, die für die Anpassung an den Wirt notwendig sind, zu verstehen. Dieses Wissen können wir nutzen, um nachzuvollziehen, welche Mechanismen die Übertragung von Krankheiten von Tieren auf den Menschen ermöglichen“, sagt Key.

Quelle: Max-Planck-Gesellschaft, Fachartikel: Nat Ecol Evol, doi: 10.1038/s41559-020-1106-9

Anzeige

DAMALS | Aktuelles Heft

Bildband DAMALS Galerie

Anzeige

Aktueller Buchtipp

Wissenschaftslexikon

Ner|ven|schwä|che  〈f. 19; unz.〉 1 〈Med.〉 = Neurasthenie 2 geringe nervliche Belastbarkeit ... mehr

quer|schiffs  〈Adv.; Mar.〉 rechtwinklig zur Kielrichtung des Schiffes; Ggs längsschiffs ... mehr

Vis|ko|si|tät  〈[vıs–] f. 20; unz.〉 Zähigkeit (von Flüssigkeiten); Ggs Fluidität ... mehr

» im Lexikon stöbern
Anzeige
Anzeige