Evolution: Die Rolle der Augenbrauen - wissenschaft.de
Anzeige
Anzeige

Geschichte+Archäologie

Evolution: Die Rolle der Augenbrauen

Von wulstig zu flach: Die Augenbrauenpartie des Kabwe-Schädels unterscheidet sich deutlich von der eines modernen Menschen. (Foto: Paul O'Higgins/ University of York)

Welche Funktion erfüllten die ausgeprägten Augenbrauenwülste früher Menschen? Forscher haben sich dieser Frage nun mithilfe biomechanischer Simulationen gewidmet und kommen zu dem Schluss: Statt einer physikalischen Bedeutung kam den markanten Verdickungen wahrscheinlich eine soziale Rolle zu. Sie könnten demnach Dominanz und Aggression signalisiert haben. Beim anatomisch modernen Menschen wichen die dicken Wülste dann beweglicheren Augenbrauen – und ermöglichten so eine subtile Form der Kommunikation, wie die Autoren berichten.

Im Laufe der Evolution hat der Mensch sein Aussehen deutlich verändert. Eines von vielen Beispielen ist der Kopf: Vertreter der Gattung Homo entwickelten nach und nach größere Gehirne und ihr Schädel wandelte sich von einer länglichen zu der für moderne Menschen typischen runden Gestalt. Auch im Stirnbereich tat sich einiges. Während unsere Stirn heute eher flach ist, verfügten frühe Menschen über stark gewölbte Verdickungen über den Augen. Wie dieses auffällige Merkmal ausgesehen haben muss, zeigt ein Blick in das Gesicht von Gorillas und Schimpansen – auch die Primaten haben einen solchen Knochenwulst über ihren Augen. Doch welche Funktion erfüllten diese sogenannten Überaugen- oder Augenbrauenwülste bei unseren Vorfahren?

Diese Frage ist bisher nicht eindeutig geklärt. Einige Wissenschaftler gehen aber davon aus, dass die Struktur den sonst freien Raum zwischen Hirnschädel und Augenhöhle ausfüllte. Oder dass der Wulst den Schädel stabilisierte und ihn vor den mechanischen Belastungen schützte, die beim Beißen und Kauen auf ihn einwirkten. Wissenschaftler um Ricardo Miguel Godinho von der University of York haben nun überprüft, wie plausibel diese Erklärungen sind. Dafür erstellten sie ein virtuelles Modell des 125.000 bis 300.000 Jahre alten sogenannten Kabwe-Schädels. Das Fossil wurde am gleichnamigen Fundort in Sambia entdeckt, vereint die typischen anatomischen Merkmale eines Frühmenschen und gehört wahrscheinlich der Art Homo heidelbergensis an.

Signal für sozialen Status?

Am Computer variierten die Forscher die Größe der Überaugenwülste und beobachteten, wie sich diese Veränderungen auswirkten. Dabei stellten sie fest: Die Struktur schien keinen räumlichen Vorteil zu schaffen und war deutlich größer als nötig gewesen wäre, um den Übergang zwischen Gesicht und Schädel zu stabilisieren. Auch eine Schutzfunktion beim Kauen schien die knöcherne Verdickung nicht zu erfüllen. Die Belastungen auf den Schädel schwankten in der Simulation lediglich je nach Kaukraft und benutzten Zähnen, waren aber unabhängig von der Ausprägung der Überaugenwülste. „Das deutet darauf hin, dass in der Evolution des Homo-Gesichts im mittleren Pleistozän der Biomechanik der Augenbrauenwülste kaum eine adaptive Bedeutung zukam“, kommentiert der nicht an der Studie beteiligte Paläobiologe Markus Bastir vom Nationalen Naturkundemuseum in Madrid.

Doch welche Rolle spielte dieses auffällige anatomische Merkmal dann? Godinho und seine Kollegen glauben, dass der Struktur statt einer physikalischen womöglich eine soziale Bedeutung zukam: als visuelles Signal für Dominanz oder Aggression. „Schaut man sich andere Tiere an, ergeben sich interessante Hinweise auf die mögliche Funktion der markanten Wülste“, sagt Seniorautor Paul O’Higgins. „Bei Mandrillen haben dominante Männchen beispielsweise farbenfrohe Verdickungen auf beiden Seiten ihres Mauls, die ihren sozialen Status zur Schau stellen. Das Wachstum dieser Strukturen wird durch Hormone gesteuert und die Knochen darunter sind von einer Art mikroskopischen Kratern durchzogen – dieses Merkmal findet sich auch in den Augenbrauenknochen archaischer Hominini.“

Anzeige

Subtile Brauen-Kommunikation

Demnach könnte die auffällige Gesichtsstruktur für unsere Vorfahren so etwas gewesen sein wie das Geweih für den Hirsch. Doch was eine Zeit lang praktisch war, musste irgendwann weichen: Die dicken Wülste verschwanden, die Stirn wurde flacher, die Augenbrauen beweglicher. Der Treiber hinter dieser Entwicklung war wahrscheinlich wiederum ein sozialer, wie die Wissenschaftler vermuten: „Moderne Menschen sind die letzten überlebenden Hominini. Während unsere Schwester-Spezies, der Neandertaler, ausstarb, kolonisierten wir im rasenden Tempo den gesamten Erdball und überlebten auch in extremen Lebensräumen. Dieser Erfolg hatte viel mit unserer Fähigkeit zu tun, große soziale Netzwerke aufzubauen“, konstatiert Godinhos Kollegin Penny Spikins.

An dieser Stelle kommen die Augenbrauen ins Spiel: Bewegliche Augenbrauen erlaubten den Menschen, komplexe Emotionen auszudrücken und aus fremden Gesichtern abzulesen. Durch winzige Bewegungen drücken wir Erstaunen oder Anerkennung aus und verraten unbewusst, ob wir gerade ehrlich sind oder unser Gegenüber täuschen. „Die Augenbrauen sind das entscheidende Puzzlestück, das erklärt, warum die modernen Menschen so viel besser miteinander auskamen als andere, inzwischen ausgestorbene Hominini“, sagt Spikins. Die flexiblen Brauen waren demnach ein Mittel für eine subtile Form der Kommunikation.

Interpretation mit Haken

Paläobiologe Bastir bewertet den Ansatz des Forscherteams als spannend und interessant – die Interpretationen seien jedoch mit Vorsicht zu genießen. Denn es gibt einen Haken: Weil dem Kabwe-Schädel der Unterkiefer fehlt, hat das Team für seine Simulationen das passende anatomische Stück eines Neandertaler-Fossils ergänzt. Die Größe des Gesichts ist bei beiden Arten zwar ähnlich, aber eben nicht identisch. Es bleibt demnach offen, ob die biomechanischen Effekte der Überaugenwülste richtig berechnet wurden. „Trotzdem versorgen uns die Autoren durch ihre Arbeit mit stimulierenden Ideen für die Erforschung der Evolution des Homo-Gesichts“, schließt er.

Quelle: Ricardo Miguel Godinho (University of York) et al., Nature Ecology & Evolution, doi: 10.1038/s41559-018-0528-0

Anzeige

bild der wissenschaft | Aktuelles Heft

Liken und keine News mehr verpassen!

Anzeige

Wissenschaftslexikon

Herz–Je|su–Bild  〈n. 12; Mal.〉 Darstellung Jesu mit dem von einer Gloriole umgebenen Herzen auf der Brust

Bru|i|tis|mus  〈[bryi–] m.; –; unz.; Mus.〉 musikalische Stilrichtung, die alltägliche Geräusche in Kompositionen verwendet [zu frz. bruit ... mehr

♦ Elek|tro|gi|tar|re  〈f. 19; Mus.〉 Gitarre mit elektr. Verstärker

♦ Die Buchstabenfolge elek|tr… kann in Fremdwörtern auch elekt|r… getrennt werden.
» im Lexikon stöbern
Anzeige
Anzeige