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Geschichte+Archäologie

Fährtenleser helfen Archäologen

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Lektion im Fährtenlesen auf der Konferenz in Köln: Um ein frisch angelegtes Spurenfeld stehen die drei San. Eine Ethnologin übersetzt für die Archäologen und Anthropologen in der Runde, was die Spuren verraten. (Foto: Becker/Specht)
Unglaublich, was eine Fußspur alles verrät – sogar die Stimmung eines Menschen. Auf einer internationalen Konferenz haben Fährtenleser aus aller Welt ihr Wissen ausgetauscht. Sie helfen Archäologen schon länger, steinzeitliche Fußspuren zu interpretieren.

Nachhaltige Eindrücke sind ihr Geschäft: Drei Fährtenleser aus Namibia halfen vor fünf Jahren deutschen Archäologen dabei, Fußabdrücke von Steinzeitmenschen in den Höhlen der französischen Pyrenäen zu deuten. „Die Idee, Spurensucher und Steinzeitfährten zusammenzubringen, lag eigentlich nahe“, sagt Tilman Lenssen-Erz. Der Archäologe von der Universität Köln hatte das Projekt in den Pyrenäen gemeinsam mit seinem Kollegen Andreas Pastoors vom Neanderthal Museum Mettmann ins Leben gerufen. Die Forscher luden die drei Spurensucher Thui Thao, Ui Kxunta und Tsamkxao Ciqae vom Volk der San in Namibia ein, in Frankreich menschliche Fährten der Altsteinzeit zu untersuchen. Davon sind einige wenige erhalten, etwa dort, wo Steinzeitmenschen durch feuchten Lehm gingen. Ist dieser anschließend ausgehärtet oder durch Kalkablagerungen konserviert worden, konnten sich die Abdrücke bis in die Gegenwart erhalten.

Das Experiment gelang. Obwohl die Fußspuren in vier Höhlen etwa 17.000 Jahre alt sind, erkannten die San unglaubliche Details: das genaue Alter der Menschen, ihr Geschlecht, ihre Körperhaltung, Gangart und Laufgeschwindigkeit. bild der wissenschaft berichtete im Juli 2014 darüber.

Empirische Erkenntniswissenschaft

„Was diese Fährtenleser betreiben, ist eine empirische Erkenntniswissenschaft“, sagt Lenssen-Erz. „Da gibt es Induktion und Deduktion, Schlussfolgerungen und logische Konsequenzen, genau wie bei den Geisteswissenschaften.“ Deshalb luden Lenssen-Erz und Pastoors im Mai letzten Jahres Spurensucher aus dem Norden Kanadas, aus Australien und Namibia mit Forschern aus 13 Ländern zu einer Konferenz in Köln ein.

Auf einem Freigelände der Universität war ein Zelt aufgebaut, in dem die Gäste um eine Feuerstelle herum zusammen­saßen. „Das war eine kommunikative Atmosphäre für Menschen, die abgedunkelte Räume und Vortragspulte nicht gewohnt sind“, berichtet Lenssen-Erz.

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Die Wissenschaftler lernten, was sich alles aus einer Spur herauslesen lässt – etwa, dass sich die Stimmungslage eines Menschen in seinem Fußabdruck genauso widerspiegelt wie in seinem Gesicht, und wie der Wind eine Fährte verändert. „Ein Meister der Fährtenleser in Botswana kann sogar acht verschiedene Ameisenarten an ihren Spuren unterscheiden“, schwärmt Tilman Lenssen-Erz.

Weltweite Zusammenarbeit zwischen Fährtenlesern und Archäologen

„Doch wir wollen kein sprachloses Staunen, sondern einen methodischen Austausch“, betont der Archäologe. Dazu hat sich Lenssen-Erz dieses Jahr mit den drei San in Namibia verabredet. Gemeinsam will das Team Felsbilder aus der Vergangenheit Afrikas untersuchen: Abbildungen von Tieren und ihren Fußspuren. „Ich bin gespannt, welche Details darauf erkennbar sind, von denen wir Europäer noch nicht einmal wissen, dass es sie gibt“, sagt Lenssen-Erz.

Die Konferenz in Köln hat indigene Fährtenleser und abendländische Forscher zusammengebracht. Daraus soll sich nun eine weltweite Zusammenarbeit entwickeln. Lenssen-Erz hofft, dass professionelle Spurensucher künftig öfter zu Fundstellen mitgenommen werden, um das Wissen der Forscher vor Ort zu ergänzen. „Archäologen“, meint Lenssen-Erz, „arbeiten ja auch an Spuren.“

© wissenschaft.de – Dirk Husemann
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