Fake-Bernstein – prähistorische Betrüger? - wissenschaft.de
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Geschichte+Archäologie

Fake-Bernstein – prähistorische Betrüger?

Sind diese prähistorischen Schmuckperlen aus Bernstein? (Bild: Odriozola et al., 2019)

Einst schimmerten sie goldgelb – doch das waren keine echten Bernsteinperlen! Untersuchungsergebnisse von Funden aus rund 4000 Jahre alten Gräbern in Spanien lassen vermuten: Damals haben Betrüger reichen Kunden raffiniert hergestellten Fake-Bernstein untergejubelt.

Noch immer verzaubert das fossile Baumharz Menschen mit seinem warmen Farbton – und das ist schon seit der Steinzeit so, wie zahlreiche Funde belegen: Bernstein wurde im prähistorischen Europa über weite Distanzen hinweg gehandelt und zu Schmuck oder Dekorationselementen verarbeitet. Vermutlich besaßen die schönen Steine darüber hinaus auch eine wichtige symbolische Bedeutung. Man kann deshalb davon ausgehen, dass die Menschen damals bereit waren, wertvolle Güter im Tausch gegen die kostbaren Stücke anzubieten.

Kritischer Blick auf sechs Funde

Im Rahmen der aktuellen Studie haben die Forscher um Carlos OdriozolaI von der Universität von Sevilla Schmuckperlen aus zwei Grabstätten in Spanien unter die Lupe genommen. Zwei stammen aus einem Höhlengrab der Fundstätte La Molina bei Sevilla und wurden auf das 3. Jahrtausend v. Chr. datiert. Vier weitere wurden in der Grabstätte Cova del Gegant bei Barcelona entdeckt – sie sind über dreitausend Jahre alt. Zur Untersuchung kamen die modernsten Verfahren der Analytik zum Einsatz. So konnten die Wissenschaftler die chemische Zusammensetzung und Struktur aller sechs Perlen genau aufdecken.

Wie sie berichten, erscheinen die Perlen von außen teils verkrustet oder weißlich. Wie die Analysen zeigten, handelt es sich dabei um kalziumhaltige Ablagerungen, die aus dem Knochenmaterial der Gräber stammen und sich somit erst später auf den Perlen abgesetzt haben. Im Originalzustand waren sie hingegen goldgelb und transparent: Unter den Ablagerungen steckt Material, das auf den ersten Blick wie Bernstein wirkt. Doch wie die Untersuchungen zeigten, handelte es sich nicht um Jahrmillionen altes versteinertes Baumharz. Das Material besteht stattdessen aus Kiefernharz, das Menschen wiederholt in Schichten auf einen Kern aus Muschelschalen-Material aufgetragen haben.

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Falsch als echt verkauft?

Somit scheint klar: Diese Beschichtungstechnik wurde damals verwendet, um Transparenz, Glanz und Farbe von Bernstein zu imitieren. Es könnte natürlich sein, dass sich die Menschen in dieser Zeit darüber bewusst waren, dass es sich bei den goldgelben Perlen um Nachbildungen von Bernsteinen handelt. Doch OdriozolaI und seinen Kollegen zufolge liegt der Verdacht nahe, dass dies nicht der Fall war.

Wie sie erklären, wurden die Verstorbenen beider Fundorte mit ausgesprochen kostbaren und exotischen Beigaben bestattet – wie Elfenbein, Gold und Zinnober. Interessanterweise sind von der Grabstätte Cova del Gegant zudem auch echte Bernsteinperlen bekannt. Den Wissenschaftlern zufolge scheint somit fragwürdig, dass Menschen, die sich diese kostbaren Materialien offenbar leisten konnten, bewusst billige Bernstein-Imitate verwendeten. OdriozolaI und seine Kollegen spekulieren deshalb: Schlitzohrige Händler haben damals ihren reichen Kunden den Fake-Bernstein als echten verkauft.

Inwieweit diese Praxis im prähistorischen Europa verbreitet war, bleibt bisher allerdings unklar. Die Autoren schlagen nun jedoch vor, einen kritischen Blick auf Funde zu werfen. Denn offenbar ist nicht alles Bernstein, was goldgelb schimmert.

Quelle: Universitat de Barcelona, PLOS ONE, doi: 10.1371/journal.pone.0215469

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