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Fund am Hohle Fels

Feuerstein-Blattspitze belegt Großwildjagd der Neandertaler

Blattspitze
Die Blattspitze aus dem Hohle Fels. (Bild: Universität Tübingen)

Ein Fund in der Hohle-Fels-Höhle an der Schwäbischen Alb wirft neues Licht auf die Jagdtechniken der Neandertaler. Denn Archäologen stießen in der Höhe auf eine rund 65.000 Jahre alte Blattspitze aus Feuerstein, die einst Teil einer Stoßlanze für die Großwildjagd gewesen sein könnte. Das legt nahe, dass unsere eiszeitlichen Vettern zu dieser Zeit ihre Holzwaffen schon durch Steinklingen ergänzten.

Die Karsthöhlen der Schwäbischen Alb sind wahre Schatzkammern der Frühgeschichte. Denn schon vor gut 40.000 Jahren suchten unsere Vorfahren in diesen Höhlen Schutz, verzehrten ihre Jagdbeute und schnitzten einige der frühesten Kunstwerke der Menschheitsgeschichte. Das prominenteste Zeugnis ihrer Gegenwart ist die rund 40.000 Jahre alte, aus Mammutelfenbein geschnitzte „Venus vom Hohle Fels“ – eine der ältesten Menschendarstellungen der Welt. Die Hohle-Fels-Höhle und fünf weitere Höhlen dieser Region sind wegen ihrer einzigartigen Funde heute Teil des UNESCO-Weltkulturerbes.

Hohle Fels
Blick auf den Hohle Fels in der Schwäbischen Alb. (Bild: Jens Burkert/ Copyright Weltkultursprung)

Blattspitze aus Feuerstein

Doch nun belegt ein aktuelles Fundstück, dass der Homo sapiens offenbar nicht der erste war, der in diesen Höhlen Schutz suchte. Bei den Ausgrabungen in der Höhle vom Hohle Fels waren Nicholas Conard von der Universität Tübingen und sein Team unterhalb der Fundschichten mit den Relikten unserer direkten Vorfahren auf eine exzellent erhaltene, blattförmig bearbeitete Hornsteinspitze gestoßen. Die Blattspitze ist gut 7,5 Zentimeter lang und wurde zu einer nur 0,9 Zentimeter dicken Klinge zurechtgeschlagen. „Es ist die erste Blattspitze, die auf der Schwäbischen Alb mit modernen Methoden ausgegraben und mit modernsten Mitteln analysiert wurde“, sagt Conard.

Aus ihrer Lage in Sedimentschichten der Mittleren Altsteinzeit und der Datierung von Begleitfunden schließen die Forscher, dass die Blattspitze mehr als 65.000 Jahre alt sein muss. Sie ist damit deutlich älter als die bisher in Süddeutschland gefundenen, 45.000 bis 55.000 Jahre alten Blattspitzen. Ihr Alter legt zudem nahe, dass diese Steinklinge wahrscheinlich nicht vom Homo sapiens stammt. Stattdessen muss der Neandertaler diese Blattspitze hergestellt haben. „Der Hohle Fels bei Schelklingen erweist sich nach den spektakulären Funden der Eiszeitkultur des anatomisch modernen Menschen nun auch als sagenhafter archäologischer Speicher für die Zeit der Neandertaler“, sagt Stefanie Kölbl, geschäftsführende Direktorin des Urgeschichtlichen Museums Blaubeuren.

Teil einer Stoßlanze für die Jagd

Nähere Analysen der Blattspitze – unter anderem durch ein Team um Veerle Rots von der Universität Lüttich – haben erste Hinweise auf ihre mögliche Verwendung geliefert. Sie legen nahe, dass die Klinge an ihrem flachen Ende einst mit einem auf Pflanzen basierenden Klebstoff an einem Schaft befestigt war. Pflanzenfasern, Tiersehnen oder Lederriemen sorgten dabei für zusätzlichen Halt. Schäden am spitzen Ende der Blattspitze könnten darauf hindeuten, dass die Klinge als Kopf einer Stoßlanze diente – einer Jagdwaffe, mit der beispielsweise Rentiere oder Wildpferde aus nächster Nähe erlegt wurden.

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„Das zeigt uns, dass die Neandertaler ganz genau wussten, was sie erreichen wollten“, sagt Rots. „Sie waren technisch in der Lage, Waffen herzustellen, die einem ganz bestimmen Zweck dienen sollten – in diesem Fall dem Erlegen von Großwild aus unmittelbarer Nähe.“ Anders als ihre Vorgänger aus der älteren Altsteinzeit, die noch einfach Holzwaffen zur Jagd nutzten, stellten die Neandertaler der mittleren Altsteinzeit demnach schon komplexere, aus Steinklingen und Holzschäften zusammengesetzte Jagdwerkzeuge her. „Das ist ein neuer Schritt für die Neandertaler- Forschungsgeschichte und belegt, wie der Neandertaler diese Jagdwaffen herstellte und benutzte“, sagt Conard. Die Blattspitze wird nun bis Anfang Januar 2022 im Urgeschichtlichen Museum Blaubeuren (urmu) als Fund des Jahres ausgestellt.

Quelle: Universität Tübingen; Fachartikel: Mitteilungen der Gesellschaft für Urgeschichte 30 (2021), S.1-28.

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