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Geschichte+Archäologie

Franklin-Expedition: Doch keine Bleivergiftung?

HMS Terror
HMS Terror eingefroren in der Arktis (Grafik: uncan/ iSTock)

Kaum eine Expedition gibt so viele Rätsel auf wie die versuchte Durchquerung der Nordwestpassage durch John Franklin und seine Mannschaft. Denn warum die Expedition scheiterte und alle 129 Besatzungsmitglieder starben, ist bis heute ungeklärt. Jetzt belegen Haarproben aus dem Grab des Schiffsarztes der Expedition: Eine Bleivergiftung – lange als mögliche Ursache vermutet – kann allein den Tod der Männer nicht erklären.

Der britische Polarforscher und Marineoffizier John Franklin brach im Jahr 1845 mit den Schiffen HMS Erebus und HMS Terror auf, um in der kanadischen Arktis nach einer Passage zwischen Atlantik und Pazifik zu suchen. Doch Franklins Expedition endete in einer Katastrophe: Die Schiffe steckten im Eis fest, Franklin und 128 Mann Besatzung kamen um, als sie über das Eis zurück in die Zivilisation gelangen wollten. Einige Gräber der Besatzung wurden inzwischen gefunden, andere blieben verschollen.

Geistig verwirrt durch Blei?

Bei den Inuit der kanadischen Arktis erzählt man sich noch heute von einer Gruppe von Männern, die damals über das Eis nach Süden zogen und verhungerten und erfroren. In den Überlieferungen wird deren seltsames, fast verrücktes Verhalten beschrieben und sogar von Kannibalismus ist die Rede. 2015 wurde letzteres durch Schnittspuren und Hinweise auf Erhitzen einiger Knochen toter Besatzungsmitglieder der Franklin-Expedition belegt.

Unter anderem deshalb wird schon seit längerem vermutet, dass Franklin und seine Männer an einer Bleivergiftung litten – und möglicherweise deshalb ihren Tod fanden. Denn eine Vergiftung mit dem Schwermetall verursacht nicht nur körperliche Symptome wie Darmkoliken, Muskelkrämpfe, Schwäche und Blutarmut. Blei greift auch die Nerven und das Gehirn an und kann zu geistiger Verwirrung führen. Der Theorie nach könnten sich Franklin und seine Männer durch das mit Blei verunreinigte Metall ihrer Konserven vergiftet haben. Hohe Bleiwerte in der Haarprobe des bereits während der ersten Überwinterung der Expedition gestorbenen Besatzungsmitglieds John Hartnell schienen dies zu bestätigen.

Werte hoch, aber nicht hoch genug

Nun jedoch haben Lori D’Ortenzio von der McMaster University in Kanada und ihr Team die Bleivergiftungs-Hypothese noch einmal überprüft. Für ihre Studie haben sie eine Haarprobe des Schiffsarztes auf der HMS Erebus Harry Goodsir analysiert. Goodsir starb wahrscheinlich erst während der zweiten oder dritten Überwinterung der Expedition und wurde mit 30 weiteren Besatzungsangehörigen auf der King William Insel bestattet. Aus einer Haarprobe dieses Toten konnten die Forscher die Bleibelastung in den letzten drei Monaten seines Lebens rekonstruieren.

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„Die Bleiwerte, die wir gemessen haben, reichen bis zum Todeszeitpunkt vom Goodsir und liefern uns so ein weiteres Stück Information in diesem Puzzle“, sagt D’Ortenzio. Das Ergebnis: Harry Goodsir hatte zwar erhöhte Bleiwerte in den Haaren und im Körper. Diese reichten aber allein nicht aus, um schwerwiegende Schäden oder gar seinen Tod verursacht zu haben. „Die Bleiwerte im Blut lagen bei geschätzten 53,6 bis 61,3 Mikrogramm pro Dezilitern“, berichten die Forscher. „Das war zwar hoch, aber nicht genug, um sich verschlimmernde physische und mentale Symptome hervorzurufen.“

Dieses Ergebnis passt zu Beobachtungen am vor einigen Jahren entdeckten Wrack der HMS Terror: Das Schiff war von Franklin und seiner Mannschaft aufgeräumt und mit sorgsam geschlossenen Luken hinterlassen worden. Zu einer geistigen Verwirrung durch eine Bleivergiftung passt dies eher nicht. Ob die Männer der Franklin-Expedition an mehr als nur Hunger, Kälte und Auszehrung starben, bleibt damit vorerst weiter rätselhaft.

Quelle: McMaster University, Fachartikel: The Journal for Archaeological Science: Reports, doi: 10.1016/j.jasrep.2018.08.021

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