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Geschichte+Archäologie

Frankreichs älteste muslimische Gräber identifiziert

Eines der drei Skelette aus Nimes. Der Tote war im 8. Jahrhundert gen Mekka ausgerichtet bestattet worden. (PLoS ONE 11(2): e0148583)

Ihre Körper waren nach Mekka ausgerichtet und ihr Erbgut weist sie als Berber aus: Bei drei Toten, die im 8. Jahrhundert in der südfranzösischen Stadt Nimes begraben worden waren, handelte es sich einer Studie zufolge um Muslime. Sie zeugen von der kurzen Periode, in der die Sarazenen ihren Herrschaftsbereich bis nach Südfrankreich hinein ausdehnen konnten.

Die drei Gräber gehören zu insgesamt zwanzig, die Archäologen bereits vor neun Jahren an einem historischen Begräbnisort im Stadtgebiet von Nimes entdeckt haben. Sie schienen sich von denen übrigen zu unterscheiden und ließen bereits einen möglichen muslimischen Ursprung vermuten. Aus diesem Grund entschlossen sich die Forscher um Yves Gleize von der Universität Bordeaux, die drei Gräber mit modernen Methoden der Archäologie genauer zu untersuchen.

Die Radiokarbondatierungen ordneten die Gräber zunächst der Zeit zwischen dem 7. und 9. Jahrhundert n. Chr zu. Die genaue Untersuchung der Bestattungsweise bestätigte dann: Die drei Männer waren auf eine Art beigesetzt worden, wie sie im Mittelalter und auch heute noch für Muslime typisch ist. Die Skelette lagen seitlich mit dem Kopf nach Südosten orientiert, um sie nach Mekka auszurichten. Darüber hinaus waren die Körper wahrscheinlich eingewickelt bestattet worden und auch in der Form der Grabschächte
spiegelt sich der muslimische Ursprung wider, beichten Gleize und seine Kollegen.

Zeugnisse des nördlichen Vorstoßes der Sarazenen

Es gelang den Forschern außerdem, den Skeletten Erbgut zu entlocken, das sich für genetische Vergleiche eignete, die Rückschlüsse auf die Herkunft der Männer ermöglichten. Den Analyseergebnissen zufolge stammten sie ursprünglich offenbar aus Nordafrika – es waren wahrscheinlich Berber. Das Fazit der Forscher zu den Untersuchungen der Funde lautet somit: Es handelt sich nun um die ältesten bekannten Gräber von Muslimen nördlich der Pyrenäen.

Gleize und seinen Kollegen zufolge zeichnet sich in diesem Zusammenhang ein klarer geschichtlicher Hintergrund ab: Es handelte sich bei den Männern wahrscheinlich um Soldaten, die zur Besatzung Nimes gehörten. Die Umayyaden hatten die Stadt bei ihrem Vorstoß nach Norden um das Jahr 719 eingenommen. Anschließend wurde Nimes Teil des Herrschaftsgebiets der Sarazenen. Bereits 752 errangen dann allerdings wieder die Franken die Kontrolle über die südfranzösische Stadt. Im Rahmen dieser Rückeroberung konnten sie schließlich das Einflussgebiet der Sarazenen wieder auf die iberische Halbinsel zurückdrängen.

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Den Forschern zufolge ist die muslimische Präsenz in den Gebieten südlich der Pyrenäen gut dokumentiert – auch durch Funde von Gräbern. Aus der Zeit des Vorstoßes nach Südfrankreich gab es bisher hingegen kaum Spuren. Aus diesem Grund sind die aktuellen Ergebnisse etwas ganz Besonderes, betonen Gleize und seine Kollegen. Ein interessanter Aspekt der Funde sei ihnen zufolge auch, dass sich die muslimischen Gräber zwischen christlichen befanden. Offenbar fand demnach damals keine strikte Trennung statt, was die Begräbnisplätze betraf. Darin spiegelt sich den Forschern zufolge möglicherweise ein entspannterer Umgang der beiden Religionsgruppen wider, als es gängige Klischees über das Mittelalter vermuten lassen.

Quelle: PLoS ONE 11(2): e0148583. doi:10.1371/ journal.pone.0148583
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