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Freude Angst Wut Fühlen wir alle gleich?

Weltweit drücken Menschen ihre Emotionen auf die gleiche Weise aus – das hat Charles Darwin behauptet, und der renommierte Psychologe Paul Ekman hat das scheinbar belegt. Nun regen sich Zweifel.

Es war ein ergreifender Brief, den Charles Darwin aus Indien erhielt. Mr. J. Scott berichtete aus Kalkutta, er habe eine junge Frau vom Volk der Dhangar beobachtet, die ihr sterbendes Kind pflegte. „Dabei sah er deutlich, wie die Augenbrauen an den inneren Enden in die Höhe gezogen waren, die Augenlider matt herabhingen, die Stirn in der Mitte gefurcht und der Mund leicht geöffnet war mit stark herabgedrückten Mundwinkeln.“ So fasste Darwin die Beschreibung in seinem 1872 veröffentlichten Buch „Der Ausdruck der Gemütsbewegungen bei dem Menschen und den Tieren“ zusammen.

Darwin hatte in Briefen an Missionare, Naturforscher, Lehrer und Reisende im ganzen britischen Weltreich solche Schilderungen erbeten. So erfuhr er, wie Menschen von den Maoris in Neuseeland bis zu den „Kaffern“ in Afrika Gefühle wie Freude, Wut oder Überraschung äußern. „Aus der hierdurch erlangten Belehrung folgt, dass ein und derselbe Zustand der Seele durch die ganze Welt mit merkwürdiger Gleichförmigkeit ausgedrückt wird“, resümierte Darwin.

Hat der große Wissenschaftler recht? Können Europäer an den Gesichtern von Aborigines Freude und Leid ablesen, afrikanische Stammesmitglieder Überraschung und Ekel aus den Lautäußerungen von US-Amerikanern heraushören? Die Fachgemeinde blieb skeptisch – bis Forscher ein Jahrhundert später Darwins Theorie glanzvoll zu bestätigen schienen. Doch jetzt sieht es so aus, als sei der große Forscher in diesem Punkt widerlegt.

Besuch bei den Kannibalen

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Den jahrelangen Triumphzug für Darwins Idee führte Paul Ekman an, heute emeritierter Professor der Universität von Kalifornien in San Francisco. Als junger Mann unternahm er Expeditionen zu Stämmen in Neuguinea und Borneo, deren Mitglieder nur wenig Kontakt zu Menschen westlicher Kulturen hatten. Seinen Schüler David Matsumoto, heute selbst Professor an Ekmans ehemaliger Wirkungsstätte, gruselte es in einer Laudatio auf seinen Mentor nachträglich: „Einige dieser Kulturen waren kannibalisch, andere aggressiv. Ekman hat buchstäblich sein Leben aufs Spiel gesetzt, um Material über ihre Gefühlsausdrücke zu sammeln.“

Ekman zeigte den Stammesmitgliedern, genauso wie Menschen in den USA, Japan und Brasilien, Fotos von Amerikanern. Auf den Gesichtern spiegelte sich beispielsweise Freude oder Ärger. „ Betrachter in diesen Kulturen erkennen immer wieder dieselben Emotionen“, behauptete Ekman 1969 im Fachmagazin Science. Universell erkennbar waren für ihn Freude, Angst, Erstaunen, Ärger, Trauer und Ekel. Später kam noch Verachtung hinzu.

Nicht nur, dass Ekman mit heiler Haut von den Kannibalen zurückgekommen war – seine Befunde machten ihn zu einem der „ einflussreichsten Psychologen des 20. Jahrhunderts“, wie die American Psychological Association feststellte. Viele Trainingsmaßnahmen für Sicherheitsleute bauen auf seiner Forschung auf (siehe Kasten S. 71, „Kann man einen Terroristen an seiner Mimik erkennen?“).

Ob Ekman richtig lag, ist inzwischen jedoch fraglich. Seine wichtigste Kritikerin ist die Psychologie-Professorin Lisa Feldman Barrett von der Northeastern Universität in Boston (siehe Kurzporträt). Ihre Mitarbeiterin Maria Gendron fuhr mit einem Allrad-Fahrzeug ins Hinterland Namibias zu den Himbas und befragte sie. Auch Ekmans Team hatte mit Mitgliedern dieses isoliert lebenden Stammes geforscht und behauptet, sie würden Gefühle von Menschen des westlichen Kulturkreises erkennen.

Entscheidend ist, wie man fragt

Doch in den Untersuchungen von Gendron gelang den Himbas das nicht. Die Forscherin legte ihnen zum Beispiel 36 Fotos von Gesichtern vor, die sie auf verschiedene Stapel sortieren sollten. Amerikaner konnten die Bilder leicht bestimmten Gefühlen zuordnen. Die Himbas legten die freudigen Gesichter zwar tatsächlich alle auf einen Stapel, doch alle anderen Ausdrücke etwa von Trauer, Ärger und Angst landeten auf verschiedenen Stapeln. Zudem benutzten die Teilnehmer kaum Emotionsausdrücke. Für den Stapel mit den lächelnden Gesichtern verwendeten sie das Wort für „Lachen“ nicht das für „Freude“.

Warum hatte Ekmans Studie etwas anderes ergeben? Es ist wie so oft in der Psychologie: Die Ergebnisse hängen davon ab, was und wie man fragt. Im Unterschied zu Maria Gendron gab Ekman bestimmte Gefühle zur Auswahl vor, als er Bewohner von Neuguinea befragte. Die Stammesangehörigen bestimmten anhand einer Liste, ob sich in einem Gesicht Freude, Angst, Erstaunen, Ärger, Trauer oder Ekel spiegelte. Eine solche Liste aber macht der Versuchsperson klar, welche Gefühle der Experimentator interpretiert haben will, kritisiert der Psychologie-Professor James Russell vom Boston College.

Russell bewies, wie leicht sich Versuchspersonen mit solchen Listen manipulieren lassen. Er zeigte Probanden ein Gesicht, das laut Ekman Ärger ausdrückt. Doch er schrieb „Ärger“ nicht auf die Auswahlliste. Die Teilnehmer interpretierten den Ausdruck nun als „Verachtung“ – und zwar genauso übereinstimmend, wie anderenfalls „Ärger“ gewählt worden war.

Für eine von Ekman mitverfasste Studie hatte eine Forscherin den Himbas zunächst eine kurze emotionale Geschichte erzählt, in der ein Mensch sehr traurig ist, weil er einen Verwandten verloren hat. Damit sollte ihnen klar gemacht werden, um welches Gefühl es ging. Erst wenn sie das sicher verstanden hatten, wurden ihnen zwei gefühlsbeladene Lautäußerungen von US-Amerikanern vorgespielt, die sie richtig zuordnen sollten.

Ekel und Angst – schwer zu erkennen

Gendron und Barrett verzichteten auf diese Vorprüfung – und das wirft das Ekman-Team ihnen vor. Sie kontern: Wenn man den Himbas westliche Gefühlskategorien mit einer solchen Vorprüfung erst beibringen muss, „dann sind die Gefühle wahrscheinlich nicht so wirklich universell“. In ihrer Untersuchung mit gefühlsbeladenen Lautäußerungen gaben die Himbas jedenfalls selten das korrekte Gefühlswort an.

Doch selbst wenn die Forscher ihre Probanden in Gefühlskategorien zwingen, fallen die Ergebnisse in anderen Kulturen oft wenig überzeugend aus. Das zeigte sich, als Russell die Ergebnisse aller einschlägigen Fotostudien auswertete. Freude, Erstaunen und Trauer wurden auch in nicht-westlichen Kulturen gut erkannt, doch bei Ärger, Angst und Ekel gab es nur Trefferquoten um die 60 Prozent.

Ein ähnliches Resultat erhielt Gunter Senft vom Max-Planck-Institut für Psycholinguistik in Nijmegen. Er hatte die Trobriand-Insulaner in Papua-Neuguinea besucht. Sie erkannten Freude gut. Ekel deuteten sie dagegen als Ärger, Trauer und immer wieder sogar als Glück. Senft folgert, dass auch seine Ergebnisse „Ekman eindeutig widerlegen“.

Dabei machen es die Forscher ihren Probanden meist leicht. Sie verwenden keine Schnappschüsse aus dem wirklichen Leben, sondern zeigen Fotos, auf denen Gefühle überdeutlich dargestellt werden, oft von Schauspielern. Das wäre selbst für Hollywood zu viel, findet Lisa Barrett. In Wirklichkeit zeigen Menschen oft keines- wegs die Gesichtsausdrücke, die im Lehrbuch für die entsprechenden Lebenslagen vorgesehen sind.

Der Psychologe Rainer Reisenzein von der Universität Greifswald brachte Probanden in eine Situation, die allemal einen erstaunten Gesichtsausdruck wert gewesen wäre. Sie liefen zunächst durch einen Gang in einen Versuchsraum, in dem sie mit einer Pseudoaufgabe beschäftigt wurden. Unterdessen bauten die Versuchsleiter um. Als die Teilnehmer wieder herauskamen, hatte sich der Gang in ein grün gestrichenes Zimmerchen verwandelt. Eine versteckte Kamera hielt das Gesicht der Kandidaten bei diesem unerwarteten Anblick fest.

Ergebnis: Gerade einmal 5 Prozent von ihnen fiel buchstäblich die Kinnlade herunter, was zu einer deutlichen Miene der Überraschung gehört. 17 Prozent zogen wenigstens die Brauen hoch und ihre Augen weiteten sich. Den meisten jedoch stand die Überraschung keineswegs ins Gesicht geschrieben.

Lächeln nur fürs Publikum

Auch extrem freudige Ereignisse spiegeln sich nur selten spontan im Gesicht wider. Das hat der Psychologe José-Miguel Fernández-Dols von der Autonomen Universität in Madrid in mehreren Studien nachgewiesen. Er untersuchte, was sich in den Gesichtern von Sportlern tut, die gerade eine Medaille gewonnen haben, etwa bei internationalen Judo-Meisterschaften. Obwohl die Sportler jahrelang auf diesen Sieg hingearbeitet hatten, lief nur einer Minderheit ein echtes Lächeln über das Gesicht. Die meisten lächelten erst, wenn sie in Richtung Publikum triumphierten.

Gesichtsausdrücke offenbaren also keineswegs immer spontan die wahren Gefühle eines Menschen, sondern sind vielmehr oft Signale für andere. Deshalb kann ein Lächeln nicht nur Freude bedeuten, argumentiert Fernández-Dols, sondern auch „einen Gruß, Solidarität, Aufmunterung, Peinlichkeit und so weiter“. Was ein Gesichtsausdruck vermittelt, hängt außerdem stark von der jeweiligen Kultur ab.

Das widerspricht Darwins Annahme, ein Gesicht verrate überall auf der Welt Gefühle auf die gleiche Art. Seiner Evolutionstheorie widerspricht das aber keineswegs. Eher im Gegenteil, gibt der Emotionstheoretiker Alan Fridlund zu bedenken: Es bietet wohl kaum einen Überlebensvorteil, aller Welt stets seine wahren Gefühle mitzuteilen. •

von Jochen Paulus

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