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Überraschungsfund

Frühe islamische Gräber in der Levante

Blick auf die Ausgrabungsstätte in Syrien © Jonathan Santana

An einem eigentlich prähistorischen Fundort in Syrien sind Archäologen auf zwei Tote gestoßen, die sie anhand ihrer Bestattungsweise und durch bioarchäologische Hinweise als frühe Muslime identifizieren konnten. Sie wurden auf die Umayyaden-Ära des späten 7. und frühen 8. Jahrhunderts datiert und könnten den genetischen Informationen zufolge zu einer Gruppe von Einwanderern von der Arabischen Halbinsel gehört haben. Sie zeugen damit von der interessanten Übergangszeit, in der sich der Islam in der Levante ausbreitete, sagen die Forscher.

Der Nahe Osten ist für seine tiefe und vielschichtige Geschichte bekannt: Diese Region an der Schnittstelle zwischen drei Kontinenten wurde im Verlauf der Jahrtausende von vielen Ethnien, Kulturen und Religionen geprägt. Das Wissen über diese Aspekte beruht dabei vor allem auf historischen Überlieferungen und archäologischen Befunden. Die aktuelle Studie des internationalen Archäologenteams verdeutlicht nun hingegen, wie bioarchäologische Hinweise entscheidend zu den Einblicken in die Geschichte beitragen können. „In diesem Fall hätten wir ohne die Kombination archäologischer, historischer und bioarchäologischer Daten nicht zu einer Schlussfolgerung gelangen können, da jeder dieser Faktoren wichtige Hinweise lieferte, was die Bedeutung eines multidisziplinären Ansatzes unterstreicht“, sagt Co-Autor Torsten Günther von der schwedischen Universität Uppsala.

Ungewöhnliche Gräber

Eigentlich waren die Wissenschaftler zunächst auf der Suche nach Hinweisen auf die frühen bäuerlichen Kulturen in der Levante: Sie führten an der archäologischen Stätte Tell Qarassa im heutigen Syrien Ausgrabungen durch, die für ihre Relikte aus der Ära der Jungsteinzeit bekannt ist. Doch dann stieß das Team dort auf die Gräber eines jungen Mannes und einer jungen Frau, die ungewöhnlich wirkten. „Nach der Radiokohlenstoffdatierung wurde klar, dass wir etwas Unerwartetes und Besonderes entdeckt hatten“, berichtet Co-Autorin Cristina Valdiosera von der spanischen Universität Burgos: Die Gräber wurden auf die Umayyaden-Ära im 7. und frühen 8. Jahrhundert datiert.

Angesichts dieser überraschenden Informationen ergab eine Neubewertung des Bestattungsstils, dass er mit muslimischen Praktiken übereinstimmt: Die Toten waren gen Mekka ausgerichtet beigesetzt worden, berichten die Forscher. Es gelang ihnen auch, den Gebeinen genetisches Material zu entlocken, das sich für eine Untersuchung ethnischer Zugehörigkeiten eignete. „Die genomischen Ergebnisse waren ebenfalls überraschend, da sich die beiden Personen genetisch von den meisten alten oder modernen Levantinern zu unterscheiden schienen. Die ähnlichsten modernen Gruppen waren Beduinen und Saudis, was auf eine mögliche Verbindung zur Arabischen Halbinsel hindeutet“, sagt Co-Autorin Megha Srigyan von der Universität Uppsala.

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Spuren vom Beginn der islamischen Ära

Im Rahmen ihrer Studie recherchierten die Forscher auch, was über die Entwicklungen in der Region in der Zeit des 7. und frühen 8. Jahrhundert aus historischen Quellen bekannt ist. Grundsätzlich handelte es sich um eine Ära des kulturellen und religiösen Umbruchs im Nahen Osten: In der ersten Hälfte des siebten Jahrhunderts nach Christus wurde das vormals byzantinische Syrien-Palästina von islamischen Arabern aus dem Süden erobert. Mit der Gründung des Umayyaden-Kalifats in Damaskus im Jahr 661 wurde diese Region dann auch zum politischen Zentrum ihres Reiches. Die Arabisierung und Islamisierung des Gebiets fand jedoch erst im letzten Jahrzehnt des siebten Jahrhunderts statt, sagen die Forscher. Mehrere Quellen belegen ihnen zufolge Nomadengruppen, die entweder die Region um Tell Qarassa bewohnten oder während der Umayyaden-Ära von der arabischen Halbinsel nach Syrien einwanderten.

Vor diesem historischen Hintergrund und zusammen mit den anderen Befunden ergeben sich Hinweise auf die Geschichte der beiden Toten, sagen die Wissenschaftler: „Dieser junge Mann und diese junge Frau könnten zu islamischen Gruppen gehört haben, die weit weg von ihrer Heimat lebten – auf dem Land in Syrien“, erklärt Günther. Valdiosera sagt dazu abschließend: „Es ist außergewöhnlich, dass wir durch die Untersuchung von nur zwei Personen ein kleines, aber bemerkenswertes Stück des kolossalen Puzzles aufdecken konnten, das die Geschichte der Levante repräsentiert“, so die Archäogenetikerin.

Quelle: Universität Uppsala, Fachartikel: Commun Biol, doi: 10.1038/s42003-022-03508-4

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