Geheimnissen der Mönchsrepublik auf der Spur - wissenschaft.de
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Geschichte+Archäologie

Geheimnissen der Mönchsrepublik auf der Spur

Simonos Petras ist eines der 20 Klöster des Athos. (Bild: Vladislav Zolotov/iStock)

Seit über 1000 Jahren gibt es in Griechenland ein religiöses Zentrum der besonderen Art: Die Halbinsel Athos mit ihrer Gemeinschaft aus teils bizarr gelegenen Mönchsklöstern. Welche Bedeutung diese geheimnisvolle Gesellschaft im Mittelalter besaß, soll nun ein hochdotiertes Forschungsprojekt beleuchten. Konkret soll es etwa darum gehen, wie der Athos damals mit der Außenwelt verbunden war, welche Rolle der Reichtum der Klöster spielte und wie eine bis heute gültige Vorschrift entstanden ist: Frauen haben keinen Zutritt zur Halbinsel.

Entlegen und schwer zugänglich: Die Halbinsel Athos mit ihrem gleichnamigen Berg bildet den östlichen der drei „Finger“ der nordgriechischen Region Chalkidiki. Auf dem Gebiet von der Größe Münchens befinden sich 20 orthodoxe Klöster sowie kleine Siedlungen, die sich teilweise an die schroffen Felsen zu klammern scheinen. Sie bilden die Mönchsrepublik Athos, die innerhalb Griechenlands bis heute einen politisch-rechtlichen Sonderstatus besitzt. Die rund 2300 Mönche leben dort nach strengen Regeln und auch nach außen grenzt sich die Gemeinschaft ab.

Die UNESCO-Welterbestätte besitzt eine ausgesprochen interessante Geschichte: Nach den ersten Niederlassungen im 9. Jahrhundert strömten immer mehr Mönche aus unterschiedlichen Regionen in das entlegene „Reich Gottes“ am Fuße des heiligen Bergs Athos. Neben einem Rückzugsort für die orthodoxen Gläubigen avancierte Athos dadurch auch zu einem Schmelztiegel der Völker des östlichen Mittelmeerraums und Russlands. Die Gemeinschaft war zudem weniger abgekapselt, als man meinen könnte: Die Klöster waren auf vielfältige Weise mit der mittelalterlichen Welt verbunden und hatten weitreichende Besitzungen. Im Laufe der Geschichte pflegten die Mönche in diesem Zusammenhang vielschichtige Beziehungen zum Byzantinischen Reich, zu Herrschern auf dem Balkan, im Kaukasus sowie in Süditalien und später auch zum Osmanischen Reich.

Welche historische Bedeutung hatte Athos?

Diesen Verflechtungen wollen nun Wissenschaftler um Zachary Chitwood von der Johannes Gutenberg-Universität Mainz genauer auf den Grund gehen. Dafür hat das Team nun eine ordentliche Finanzspritze erhalten: Der Europäische Forschungsrat fördert das Projekt mit 1,5 Millionen Euro. „Wir werden nun zum ersten Mal umfassend untersuchen, welche Rolle die mönchischen Gemeinschaften auf dem Berg Athos als unabhängige Akteure in der mittelalterlichen Gesellschaft des östlichen Mittelmeerraums gespielt haben“, sagt Chitwood. Das Projekt könnte die Sichtweise auf den Athos verändern, so die Wissenschaftler.

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Als Quellen für ihre Untersuchungen dienen Akten und Urkunden der Klosterarchive. Chitwood und sein Team wollen zunächst eine Datensammlung für den Zeitraum von etwa 850 bis 1550 erstellen. Alle Mönche, die auf dem Heiligen Berg in dieser Zeit gelebt haben, sowie jeden Wohltäter und Besucher wollen die Forscher in einer Datenbank erfassen. Groben Schätzungen zufolge könnte es sich dabei um 10.000 bis 20.000 Personen handeln. Dennoch sagt Chitwood: „Wir möchten jede Person, die irgendwie mit dem Berg in diesem Zeitraum zu tun hatte, in diese Datenbank aufnehmen. Anhand dieser Datenbasis können wir dann analysieren, wie die mittelalterliche Klostergemeinschaft von Athos in größere Netzwerke von wirtschaftlichen Interessen, Kirchenleitung, intellektuellem Austausch und Patronat eingebunden war“, erklärt der Historiker.

„Schweizer Syndrom“ und die „Frauen-Frage“ im Blick

Die Forscher wollen auf diese Weise unter anderem mehr über den Schmelztiegel-Charakter des Athos herausfinden. Klar ist: Fast jede orthodoxe Gruppierung besaß damals auf dem Berg Athos ihr eigenes Kloster. „Aber bisher ist die Entwicklung dieser großen ethnische Vielfalt für bestimmte Zeitabschnitte unklar“, so Chitwood. Außerdem erhoffen sie sich Einblicke in die Rolle des Reichtums der Athos-Klöster. Denn diese besaßen bis zum späten Mittelalter den größten Landbesitz in der byzantinischen Welt. Ihre Ländereien befanden sich dabei nicht nur in Griechenland, sondern im gesamten Balkanraum. Den Wissenschaftlern zufolge zeichnet sich eine Art „Schweizer Syndrom“ ab: Die Mönchsrepublik Berg Athos bildete damals offenbar eine Art Steueroase, in der wohlhabende Schichten ihre Reichtümer vorteilhaft investieren konnten.

Ein dritter wichtiger Aspekt wird den Forschern zufolge die Untersuchung der Geschichte einer berühmten Vorschrift der Athos-Gemeinschaft bilden: Bis heute ist Frauen der Zutritt zur Halbinsel verboten und sogar weibliche Haustiere sind nicht erlaubt. Bislang ist nicht genau bekannt, in welchem Kontext und warum das Verbot entstanden ist. „Unser Ziel ist es, die historischen Hintergründe zu verstehen und die konkreten Umstände zu kennen, ebenso wie die Ausnahmefälle, die es tatsächlich gegeben hat“, so Chitwood.

Quelle: Johannes Gutenberg-Universität Mainz

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