GEJAGTE WERDEN JÄGER - wissenschaft.de
Anzeige
Anzeige

Geschichte+Archäologie

GEJAGTE WERDEN JÄGER

Vor zwei Millionen Jahren kam es zu einer einschneidenden Veränderung bei den Frühmenschen der Gattung Homo: Aus Beute wurden Beutemacher. Das Erfolgsrezept lautete: scharfkantiges Steinwerkzeug – und höchste Not.

Der Tod kommt auf pfeifenden Schwingen und hinterrücks. Das dreijährige Kind, das abseits der Gruppe im Boden nach einer Käferlarve pult, hat gegen den Kronenadler nicht die geringste Chance. Als seine Mutter und die anderen ihre Schreckstarre überwunden haben, brechen sie zwar in gellendes Gekreisch aus und schleudern Äste und Steine herüber. Doch die Würfe sind ungezielt und interessieren den mächtigen Vogel nicht weiter. Auf seinem Opfer hockend, hat er bereits mit einer seiner Klauen den Kopf des Kindes vom Rumpf gerissen und fliegt mit der Beute zum Horst. Den Rest wird er sich später holen. Im Horst zerschmettert ein Schnabelhieb die dünne Knochenwand der linken Augenhöhle. Und das flaumfedrige Junge des Greifvogels labt sich an der warmen Gehirnmasse.

So ungefähr muss sich vor 2,5 Millionen Jahren im heutigen Südafrika das Drama abgespielt haben. 1924 schickt ein Steinbrucharbeiter aus der Ortschaft Taung einen kleinen Schädel, den er gefunden hat, an den Anatomen Raymond Dart nach Johannesburg. Trotz des äffischen Aussehens beurteilt Dart das Fossil korrekt: ein Relikt aus der Ahnenreihe des Menschen. Er tauft die vormenschliche Spezies, der das „Kind von Taung“ angehört, auf „Australopithecus africanus“ – „afrikanischer Südaffe“. 80 Jahre lang deuten Forscher die Löcher im Kinderschädel als Abdrücke von Reißzähnen einer Raubkatze. Erst 2006 kommt der Anthropologe W. Scott McGraw auf die richtige Idee. Als er Kronenadler-Horste im afrikanischen Regenwald untersucht, findet er sie randvoll mit Affenschädeln und -knochen. Kronenadler ernähren sich offenbar vor allem von Primaten. Warum sollte das jemals anders gewesen sein? Und tatsächlich: Die Klauen- und Schnabelspuren an McGraws Affenschädeln sehen exakt so aus wie beim „Kind von Taung“ – dessen wahrer Schlächter jetzt feststeht.

Also haben nicht nur, wie schon länger bekannt, Großkatzen und Hyänen den Australopithecinen nachgestellt. Diese Vormenschen, ausgewachsen nur 1,20 Meter groß und vermutlich fellbedeckt, waren außerdem Beute für Raubvögel. Attackiert zu Lande – attackiert aus der Luft: Als der Morgen der Menschheit dämmerte, warf er sein Licht auf eine Gattung von Gejagten.

SCHNITTSPUREN AN BÜFFELKNOCHEN

Orts- und Zeitenwechsel – zur weltberühmten Olduvai-Schlucht im ostafrikanischen Tansania, zur „BK“ genannten Fundstelle von Steinwerkzeugen und Tierknochen. Sie ist 1,2 Millionen Jahre alt. Dort hat das Team des Anthropologie-Professors Manuel Dominguez-Rodrigo etwas Spektakuläres ausgegraben. Die Leser von bild der wissenschaft erfahren davon früher als die Fachwelt – der Fund ist noch unveröffentlicht. Der Wissenschaftler von der Complutense-Universität in Madrid berichtet: „Wir haben in BK die Knochen eines großen Boviden entdeckt, die denen eines heutigen Steppenbüffels ähneln. Sie tragen charakteristische Schnittspuren: Das Tier ist mit Steinwerkzeugen zerlegt und das Fleisch von ihm heruntergeschnitten worden.“ Die ältesten Tierknochen mit Schnittspuren kommen aus Bouri und Gona in Äthiopien und sind circa 2,5 Millionen Jahre alt. Dominguez-Rodrigo unterstreicht, warum gerade seine Entdeckung so wichtig ist: „Sie zeigt, welche Entwicklung bis vor 1,2 Millionen Jahren stattgefunden hat. Die älteren Funde stammen von kleineren Antilopen und anderen Säugetieren von Antilopengröße. Aber ein ausgewachsener Büffel ist ein äußerst wehrhaftes Tier. Zur Zeit unseres Fundes wagten die Homininen sich also bereits an echtes Großwild.“

Anzeige

Zwischen dem Kind von Taung und den Büffeljägern von Olduvai liegen gut eine Million Jahre. Innerhalb dieser Zeitspanne wurden die Homininen (Gattung Homo plus Vorfahren) von Gejagten zu Jägern. Ein gewaltiger Sprung fand hier statt – mit Sicherheit der entscheidendste der Menschheitsgeschichte. Denn gleich zu Beginn dieser Epoche lernten die Homininen, aus Steinen Werkzeuge zu machen – letztlich die Definition der Gattung Homo. Und ihre Gehirne wuchsen plötzlich mit enormem Tempo. Das Kind von Taung (vor 2,5 Millionen Jahren) hätte als ausgewachsener Australopithecus africanus etwa 450 Kubikzentimeter Schädelinhalt besessen. Das ist Schimpansenformat. Homo rudolfensis (vor 2,5 bis 1,9 Millionen Jahren), das älteste Mitglied der Gattung Homo, brachte es auf rund 750 Kubikzentimeter Der Mensch der Gegenwart hat – zum Vergleich – durchschnittlich 1300 Kubikzentimeter zu bieten.

VERDOPPELTES GEHIRNVOLUMEN

Der Homo erectus schließlich – bei manchen Forschern heißt der frühe afrikanische Erectus-Mensch auch „Homo ergaster“ – hatte bei seinem ersten Auftreten vor 2 Millionen Jahren ein Gehirnvolumen von circa 850 Kubikzentimetern, später von rund 950: eine Verdopplung gegenüber den Australopithecinen. Wie war das möglich? Manuel Dominguez-Rodrigo nennt eine der Voraussetzungen: „Allein mit pflanzlicher Nahrung hätten die Gehirne nicht so stark wachsen können. Größere Gehirne haben einen höheren Energiebedarf – um den zu decken, mussten die Homininen ihr Nahrungsspektrum durch Fleisch ergänzen.“ (Mehr dazu in „Das hungrige Hirn“ ab Seite 26.) Frühere Forschergenerationen hatten diesen Zusammenhang ebenfalls gesehen. Doch sie hatten Schlüsse daraus gezogen, die Dominguez-Rodrigo als irrig ablehnt – auch wenn sie heute noch in Fach- und Sachbüchern stehen, selbst in aktuellen.

In den 1980er-Jahren hatte der US-Anthropologe Lewis Binford die Hypothese aufgestellt, die Frühmenschen müssten Aasfresser gewesen sein – zumindest gelegentlich. Nach vielen Grabungskampagnen in Süd- und Ostafrika winkt Dominguez-Rodrigo ab: „Es war auf keinen Fall so. Das dokumentieren die Schnittspuren an Tierknochen, zum Beispiel aus Olduvai. Sie sind nämlich genau dort, wo man durch gezielte Schnitte das Maximum an großen Fleischpartien ablösen kann. Meine Arbeitsgruppe hat das in experimentellen Studien an Tierkadavern in der heutigen Savanne überprüft. Aasverwertende Homininen hätten lediglich Gewebereste von den Knochen heruntergeschabt und dabei ganz andere Spuren hinterlassen, als wir heute finden.“

Die stärkste Stütze im Lager der Aasfresser-Befürworter war bisher der Anthropologie-Professor Robert Blumenschine von der Rutgers University in New Jersey. Er leitet seit 20 Jahren gemeinsam mit seinem tansanischen Kollegen Fidelis Masao einen Großteil der Grabungen in Olduvai. An vielen Fundstellen dort hatte der amerikanische Forscher immer wieder Löcher in den fossilen Tierknochen registriert, die er für Bissspuren großer Fleischfresser hielt. Seine Schlussfolgerung: Wenn die Raubtiere ihre Beute bis zu den Knochen herunternagten, hatten sie zuvor selbstverständlich das Fleisch vertilgt. Somit blieben für die Homininen nur kümmerliche Gewebefetzen an den Knochen übrig, wenn die satten vierbeinigen Jäger sich endlich getrollt hatten.

Dominguez-Rodrigo widerspricht: „Der angeblich hohe Prozentsatz von tierischen Zahnabdrücken an den Knochen ist eine Fehlinterpretation von Blumenschine. Wir haben sie durch Laboruntersuchungen widerlegt. Die vermeintlichen Bissspuren haben geochemische und mikrobielle Ursachen – eine Art natürlicher Lochfraß: Pilze und Bakterien haben die Knochenoberfläche punktuell beschädigt.“ Der spanische Wissenschaftler fügt grimmig an: „25 Jahre hat es jetzt gedauert, um endlich von dieser falschen Vorstellung wegzukommen. Nicht einmal der ganz frühe Homo vor zwei Millionen Jahren ist ein passiver Aasfresser gewesen!“

CHARLES EGELANDS KNOCHENARBEIT

„Die Frühmenschen von Olduvai hatten mit Sicherheit frühen Zugang zum Fleisch der Kadaver“, stimmt Charles Egeland zu. „Das haben wir durch die Art der Schnittspuren klar nachgewiesen – schon an den Knochen der Fundstelle FLK 22, die 1,85 Millionen Jahre alt ist.“ Der Anthropologe war Mitglied im Team von Dominguez-Rodrigo. Er hat Zehntausende von tierischen Fossilien aus neun Knochenfundstellen – zwischen 1,9 und 1,2 Millionen Jahren alt – im Olduvai-Gebiet untersucht: Welche Tierart? Welches Skelettteil? Biss-, Schnitt- oder Verdauungsspuren? Für seine Dissertation, die daraus entstand, wurde der junge Amerikaner 2008 mit dem Tübinger Förderpreis für Ältere Urgeschichte und Quartärökologie ausgezeichnet, dem einzigen Nachwuchspreis der Paläoanthropologie. Heute lehrt Egeland als Dozent an der University of North Carolina in Greensboro. Seine Knochenarbeit hat Überraschendes ergeben.

Überraschung Nummer eins: Für Mary Leakey, die erste Ausgräberin in Olduvai vor einem halben Jahrhundert, war der Fall klar, wenn stellenweise auffällige Häufungen von Tierknochen zutage traten – diese Knochenberge mussten Relikte der Mahlzeiten von Frühmenschen sein. Egeland, der jedes Knochenstück einzeln auf Spuren untersucht hat, verneint dies: „Bei den meisten der von mir untersuchten Fundstellen in Olduvai haben Homininen mit der Entstehung dieser Knochenhäufungen nichts zu tun. Höchstwahrscheinlich waren große Raubkatzen die Ursache. Sie schleppten gerne Beute an bevorzugte Fressplätze.“ Lediglich an zwei der neun Fundstellen – bei den bereits erwähnten FLK 22 (1,85 Millionen Jahre alt) und BK (1,2 Millionen Jahre alt) – bezeugen Schnittspuren: Hier haben eindeutig Homininen die Kadaver entfleischt. Überraschung Nummer zwei: An den anderen Fundstellen in Olduvai fehlen Schnittspuren an den Tierknochen selbst dann, wenn an denselben Grabungsorten große Mengen von Steinwerkzeugen entdeckt wurden – teils Tausende. Da fasst sich jeder Auswerter erst einmal verständnislos an den Kopf: Was soll das? Was haben unsere Vorfahren denn mit diesen Massen von Werkzeugen gemacht, wenn nicht Tiere zerlegt?

VEGETARIER MIT SCHLAGWERKZEUG

„Es ist nur ein indirekter Schluss“, räumt Charles Egeland ein, „aber ich sehe keine andere logische Erklärung: Die Homininen müssen dort pflanzliche Nahrung verarbeitet haben.“ Auch Schimpansen sind Vegetarier und ergänzen ihren Speisezettel lediglich ab und zu durch Fleisch von kleinen Tieren. „Wir müssen annehmen, dass auch unsere Vorfahren vor zwei Millionen Jahren hauptsächlich Vegetarier waren.“ Auch in puncto Werkzeuggebrauch sieht Egeland Parallelen: „Die Schimpansen im Tai-Nationalpark in Westafrika haben die kulturelle Tradition, mit Hammersteinen auf steinernen Ambossen Nüsse zu knacken. Einige Oldowan-Werkzeuge könnten auf sehr ähnliche Weise verwendet worden sein.“

Oldowan ist der Name für die erste Werkzeugkultur des Frühmenschen, von etwa 2,5 bis 1,4 Millionen Jahren – die Fundregion Olduvai stand hierfür Pate. Typisch für Oldowan-Werkzeuge ist ein hoher Prozentsatz an Hammersteinen aus Geröll und ein kleiner Anteil an Schabern und scharfkantigen Abschlägen. „Ich glaube“, sagt Egeland, „dass Homininen in Olduvai mit ihren Steinwerkzeugen Nüsse, hartschalige Wurzeln und Knollen aufgebrochen oder zerstampft haben.“

Derlei hartleibige Kost kam nicht von ungefähr. Vor 2,5 Millionen Jahren setzte das letzte Eiszeitalter ein. Das Klima wurde global kühler, in Ostafrika auch trockener. Die Vegetation reagierte: Aus der Feuchtsavanne wurde eine Trockensavanne. Der Wald schrumpfte, es entstand ein Mosaik aus zunehmend offenen Flächen mit knie- bis hüfthohem Gras und dornigen Sträuchern. Das immer spärlichere Blattwerk wurde ledrig, Nüsse und Samen dickwandig und hartschalig, Wurzeln und Knollen verholzten. Eine Katastrophe für die Tierwelt, die an die saftigen Früchte und Kräuter der Feuchtsavanne angepasst war – eine Katastrophe auch für die Homininen. Denn auf das neue Nahrungsangebot waren sie von ihren Zähnen und ihrem Verdauungstrakt her genauso wenig eingerichtet.

„Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch“, hat Friedrich Hölderlin gedichtet. In existenziellen Krisen erhalten zufällige Varianten einer Spezies plötzlich ihre Chance. „Spezialisierung“ ist einer der möglichen Mechanismen der Evolution. So entwickelten sich in Ostafrika einige der bislang grazilen Australopithecinen zu robusten Nussknackern (Paranthropus robustus und Paranthropus boisei) mit massiven Kiefern, überdimensionierten Zähnen und kraftvoller Kaumuskulatur. Mit dieser Ausstattung zogen sie sich wohl in die Waldflecken zurück und spezialisierten sich dort auf harte und faserige Pflanzennahrung. Das war eine Sackgasse: Mit den zusammenhängenden Waldgebieten verschwanden auch sie. Vor 1,2 Millionen Jahren waren sie ausgestorben.

GEWINNER-STRATEGIE: FLEXIBEL SEIN!

Andere Homininen profitierten davon, dass sie – zunächst nur für die Verarbeitung von Pflanzennahrung – über die Steinwerkzeuge der Oldowan-Kultur verfügten. Sie nutzten jetzt diese Werkzeuge auch, um sich eine neue Ressource zu erschließen – das Fleisch von großen Pflanzenfressern, deren Herden in den grasigen Ebenen rasch zunahmen. Das heißt allerdings keinesfalls, dass sie zu reinen Fleischessern wurden. Im Gegenteil: Eine Einseitigkeit dieser Art wäre ihnen vielleicht ebenso schlecht bekommen wie den Nussknacker-Menschen. Ihr großer Vorteil war hingegen ihre Flexibilität, ihre Fähigkeit, je nach Angebotslage zu reagieren: Gab es keine Tierkadaver, sammelten und zerhämmerten sie Nüsse und Knollen. War plötzlich Fleisch verfügbar, schlugen sie sich damit die Bäuche voll. So waren sie krisenfest.

Charles Egeland unterstreicht: „Der wesentliche Unterschied zwischen den Homininen vor zwei Millionen Jahren, die zu unseren Vorfahren wurden, und den heutigen Schimpansen sind die schneidenden Steinwerkzeuge. Ich habe das selbst ausprobiert: Mit den scharfkantigen Oldowan-Abschlägen durchschneidet man leicht sogar Elefantenhaut. Nur damit konnten die Frühmenschen große Fleischbrocken abtrennen und später zum Verzehr zerkleinern. Ihnen fehlten hinreichend scharfe Zähne, um Fleisch aus dem Tier herauszubeißen.“ Reißzähne und scharfe Klauen besaß hingegen die Konkurrenz: Löwen, Leoparden, Säbelzahnkatzen, Hyänen. Waren sie die Jäger und wurden bloß von den Homininen um die Beute gebracht? Egeland zuckt die Achseln: „Ob die Homininen die Jäger waren, oder ob sie die Raubtiere von frisch gerissener Beute verscheuchten und sich dann vom Leibe hielten, ist zunächst unerheblich. Was zählt, ist der frühe und praktisch exklusive Zugang zu großen Mengen Frischfleisch. Und den bekamen sie, wie die Schnittspuren beweisen.“

Aber wie? Blättert man in populären Büchern über die Geschichte der Menschheit, wird man unweigerlich auf eine solche Illustration stoßen: Reichlich äffisch aussehende Frühmenschen in der afrikanischen Savanne verscheuchen mit brennenden Ästen ein Raubtier. Dass dies pure Fantasie ist, zumindest im betrachteten Zeitraum zwischen 2,5 und 1,2 Millionen Jahren, ist Überraschung Nummer drei aus Charles Egelands Knochenbeschau: Es gibt nicht den mindesten Anhaltspunkt für den Gebrauch von Feuer. Angebrannte Knochen wären ein Indiz. Aber außer einem einzigen – sehr umstrittenen – 1,5 Millionen Jahre alten Hinweis in Koobi Fora/ Kenia stammen die frühesten überzeugenden Zeichen für die Beherrschung des Feuers aus der südafrikanischen Swartkrans-Höhle. Und die sind gerade mal eine Million Jahre alt. Wie haben also – ohne Feuer – die Homininen von Olduvai die Hyänen und die großen Katzen auf Abstand gehalten? Ab wann sie über hölzerne Speere verfügten, ist umstritten (siehe Kasten „Die Schnitzer von Peninj“). Aber das hält Egeland sowieso nicht für entscheidend: „Generell gewinnt die Gruppengröße“, erklärt er. „ Zehn Hyänen können ohne Weiteres zwei fressende Löwen von einem Kadaver wegscheuchen. Daher glaube ich, dass auch zehn Steine schleudernde Homininen damals einen Konkurrenten verjagen konnten.“

WETTBEWERB UM FLEISCH

„Konkurrenz“ ist ein zentrales Thema in der Arbeit des amerikanischen Anthropologen. In den „offenen Habitaten“ von Olduvai, im Grasland, war totes Großwild – ob an Krankheiten verendet oder von Raubtieren gerissen – schon von Weitem für alle zu sehen. Dort war der Wettbewerb um die begehrte Ressource Fleisch naturgemäß stark: Das waren Zonen hoher Konkurrenz. Anders die „geschlossenen Habitate“, beispielsweise die Galeriewälder der Flüsse: Wer hier erbeutetes Fleisch verzehrte, war dem Futterneid anderer weitgehend entzogen – in einer Zone geringer Konkurrenz.

Auch die frühe Fundstelle FLK 22 lag einst in einem Wäldchen. Die 18 Großwildtiere der Savanne, von denen die Knochen dort stammen, sind aber mit Gewissheit nicht im Wald getötet und geschlachtet worden. „Es könnte ein zentraler Lagerplatz gewesen sein“, mutmaßt der Forscher, „zu dem die Frühmenschen immer wieder kamen und Teile von Kadavern mitbrachten. Möglicherweise haben sie das Fleisch dort mit anderen Mitgliedern der Gruppe geteilt, die nicht mit auf der Jagd waren. Wir wissen aber leider nichts über Familienstrukturen, Gruppengröße oder Arbeitsteiligkeit.“ Nicht nur FLK 22, fast alle frühen Fundstellen in Olduvai aus der Zeit vor 1,9 bis 1,6 Millionen Jahren („Bed-I“ genannt) sind an vormals geschützten Orten mit geringer Konkurrenz. Ganz anders bei den jüngeren Fundstellen („ Bed-II“), etwa dem 1,2 Millionen Jahre alten BK: Sie lagen damals fast alle mitten im offenen Grasland des Olduvai-Beckens, an Stellen hoher Konkurrenz. Offenbar brauchten die Frühmenschen, die in BK Massen von Großwild zerlegten, keinen Gegner mehr zu fürchten.

Es gibt nur einen Schluss: Die Frühmenschen hatten die Kontrolle über die Region übernommen. Während die frühen Vertreter der Gattung Homo nur rund 1,45 Meter groß waren, brachte es ein männlicher Homo erectus vor anderthalb Millionen Jahren als Erwachsener bereits auf 1,75 bis 1,85 Meter. Mit großer Sicherheit hatten die Erectus-Menschen zur Thermoregulation in der sonnenbeschienenen Savanne ihre Körperbehaarung größtenteils verloren. Ihre Haut muss daher dunkel pigmentiert gewesen sein, um der UV-Strahlung zu widerstehen. Hochgewachsen und langbeinig waren diese Frühmenschen als „Läufertypen“ hervorragend an das Leben im offenen Grasland angepasst – und an die Jagd. Wohl zum Schaden anderer.

DAS ENDE DER SÄBELZAHNKATZEN

„Es fällt schon auf“, sagt Charles Egeland vorsichtig, „dass in der Bed-II-Zeit, etwa vor 1,2 Millionen Jahren, die großen Säbelzahnkatzen Megantereon und Homotherium in Olduvai ausgestorben sind.“ Manuel Dominguez-Rodrigo schlägt in dieselbe Kerbe. Die heute lebenden Großkatzen sind Dämmerungsjäger, argumentiert er – das dürfte auch bei den Säbelzahnkatzen so gewesen sein. Und er entwirft das Szenario: „Der Frühmensch war großenteils unbehaart, zugunsten von Schweißdrüsen, die für Kühlung sorgten. So konnte er in der Tageshitze aktiv sein, während die großen Katzen die heiße Zeit verschliefen.“

Womöglich hat Homo erectus tagsüber die „leichten“ Beutetiere erlegt – die jungen, die alten, die kranken. Für die vierbeinigen Langschläfer blieben nur die starken und gesunden übrig, die kaum zu erwischen waren. Dominguez-Rodrigo ist überzeugt: „Der Erectus-Mensch hat die Säbelzahnkatzen ausgerottet. Nicht durch direkte Konfrontation – durch erfolgreiche Konkurrenz. Er war als Jäger zu gut geworden.“ ■

von Thorwald Ewe

DIE SCHNITZER VON PENINJ

Rund 400 000 Jahre alt sind sieben Holzspeere – sechs aus Fichte, einer aus Kiefer –, die in den 1990er-Jahren in einem Braunkohle-Tagebau im niedersächsischen Schöningen entdeckt wurden. Sie sind der erste unwiderlegbare Beweis für aktive Jagd von Erectus- Menschen. Denn in Europa existierte damals keine andere Frühmenschenart. Beherrschte Homo erectus (oder Homo ergaster, die Namen variieren) schon eine Million Jahre früher in seiner afrikanischen Urheimat solche Distanzwaffen? Manuel Dominguez-Rodrigo, Anthropologie-Professor an der Complutense- Universität in Madrid, hat in Peninj/ Tansania mit seinem Team einen 1,5 Millionen Jahre alten, sehr gut erhaltenen Lagerplatz von Erectus-Menschen ausgegraben. Dabei kamen Faustkeile ans Licht, auf deren stark abgenutzten Schneiden sogenannte Phytolithen aus Akazienholz hafteten: mikroskopisch kleine Kristalle aus Pflanzengewebe. Der spanische Forscher kommentiert: „Wir können damit die Herstellung von Speeren nicht beweisen. Aber wir wissen nun, dass der Frühmensch schon damals Holz verarbeitet hat. Warum nicht zu Speeren, da es so entscheidend war, erfolgreich zu jagen?“

DIE ZEIT DES GROSSEN SPRUNGS

in Millionen Jahren vor heute

KOMPAKT

· Unsere afrikanischen Vorfahren entdeckten vor rund zwei Millionen Jahren eine neue Ressource: das Fleisch von Großwild.

· Entgegen der bisherigen Lehrmeinung waren die Frühmenschen keine Aasfresser.

· Vermutlich blieben sie großenteils Vegetarier, wichen aber auf Fleisch aus, sobald sich eine Jagdchance bot.

Anzeige

bild der wissenschaft | Aktuelles Heft

Anzeige

Aktueller Buchtipp

Sonderpublikation in Zusammenarbeit  mit der Baden-Württemberg Stiftung
Jetzt ist morgen
Wie Forscher aus dem Südwesten die digitale Zukunft gestalten

Wissenschaftslexikon

Gla|zi|al|fau|na  〈f.; –; unz.〉 Tierwelt der Eiszeit

Brumm|ei|sen  〈n. 14〉 1 〈Mus.〉 = Maultrommel 2 〈Gaunerspr.〉 Gefängnis ... mehr

Wom|bat  〈m. 6; Zool.〉 Angehöriger einer in Australien u. Tasmanien verbreiteten Familie der Beuteltiere, der mit seinen starken Krallen unterirdische Baue anlegt, plump gebaut, bis zu 1 m groß, mit rückgebildetem Schwanz: Phascolomys [<engl. <austral. Eingeborenenspr.]

» im Lexikon stöbern
Anzeige
Anzeige