„Gemeinplätze sind ein Hochrisiko" - wissenschaft.de
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„Gemeinplätze sind ein Hochrisiko“

Durch die öffentliche Hysterie bei Stör- und Schadensfällen werden Milliarden von Euro vernichtet, erklärt Martin Grauer, Leiter des Instituts für Wissensmanagement in Stuttgart.

bild der wissenschaft: Bundeskanzler und Ministerpräsidenten berufen gerne Räte für Technologie oder Innovation, um zu zeigen, wie wichtig ihnen die technologische Zukunft ist. Kennen Sie konkrete Ergebnisse, die ein solcher Rat zum Wohl der Bundesrepublik Deutschland bewirkt hat, Herr Dr. Grauer?

Grauer: Spontan fällt mir nichts ein. Die Komplexität der wissenschaftlichen Welt macht Rat zwar dringend erforderlich. Doch anstatt Räte mit all ihren persönlichen Eitelkeiten zu berufen, wäre es sinnvoller, Fachleute zu beauftragen, die das vorhandene Wissen optimal nutzbar umsetzen. Machen wir uns aber nichts vor: Je eingehender wir uns mit etwas beschäftigen, um so mehr erkennen wir im Allgemeinen, wie wenig wir im strengen Sinne wirklich wissen. Ob Räte oder Wissensmanager: Entscheidungen werden auch künftig immer mit Unsicherheiten behaftet sein.

bdw: Wie kann die Öffentlichkeit nachprüfen, ob immer wieder gehörte Argumente über die wissenschaftlich-technologische Entwicklung wirklich zutreffen?

Grauer: Das einzige Instrument, das meiner Meinung nach funktioniert, ist der Dialog. Wissenschaftler müssen akzeptieren, von der übrigen Gesellschaft immer wieder zur Rede gestellt zu werden. Doch die Gesellschaft wird nicht umhin kommen, in manchen Fällen seriösen Wissenschaftlern einfach zu vertrauen.

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bdw: Ein Wechselspiel von Wissenschaft, Medien und Öffentlichkeit findet inzwischen durchaus statt – und oft mit weitreichenden Folgen.

Grauer: Ein prekäres Beispiel ist die Vogelgrippe. Allein in Deutschland wurden rund 100 Millionen Euro locker gemacht für die Vogelgrippeforschung. Statistisch gesehen stirbt an der Vogelgrippe weltweit alle sechs Tage ein Mensch. Doch etwa eine halbe Million Menschen sterben in dieser Zeit durch andere Todesursachen, darunter mehr als 100 000 Kinder an Hunger oder an den Folgen der Armut. Und noch immer sterben knapp 10 000 Menschen pro Tag an Tuberkulose. Ein anders Beispiel ist BSE: Allein in Europa haben wir viele Millionen Rinder darauf getestet. Die Kosten der BSE-Hysterie belaufen sich nach vorsichtigen Schätzungen auf 100 Milliarden Euro in Europa. Und das bei wenigen wirklich krankheitsverdächtigen oder kranken Rindern und keinem einzigen erkrankten Menschen – sieht man von den wenigen Creutzfeldt-Jakob-Patienten einmal ab. Was uns vollkommen abgeht, ist eine rationale Risikobewältigung. Wir machen genau das Gegenteil: Die durch die Medien transportierte Überreaktion führt oft in unbedeutenden Fällen zu hektischer Betriebsamkeit, während die wirklichen Probleme in den Hintergrund treten. Das nenne ich eine totale Verschwendung öffentlicher Ressourcen. Für öffentliche Entscheider muss das ökonomische Prinzip gelten: Die Kosten müssen in etwa dem Nutzen der Risikominimierung entsprechen.

bdw: Glauben Sie wirklich, dass sich Journalisten und Politiker diesen Gedanken zu eigen machen?

Grauer: Die optimale Nutzung von Wissen darf nicht nur von Politikern, sondern muss auch von Medienvertretern eingefordert werden. Schlampige Recherchen – oft mit der Ausrede des Zeitdrucks gerechtfertigt – sollten wir, die Kunden der Medien, einfach nicht mehr hinnehmen. Millionenfach medial transportierte Gemeinplätze sind ein Hochrisiko. Die Argumente „Auflage“ oder „ Einschaltquote“ rechtfertigen keineswegs, das Streben nach wissenschaftlicher Wahrheit hintanzustellen.

bdw: Was kann man tun, um das Risikobewusstsein zu schärfen?

Grauer: Ein Nullrisiko gibt es nicht gibt. Doch das wollen viele nicht akzeptieren. Wenn andere etwas tun, birgt das subjektiv gesehen oft ein hohes Risiko. Wenn man sich selbst für etwas entscheidet, wird das Risiko als kleiner wahrgenommen. Ein aktuelles Beispiel ist die CO2-Debatte. Man verlangt vom Hersteller, dass Autos wenig CO2 emittieren, fährt aber selber immer schwerere Fahrzeuge und leistet sich zunehmend mehr PS.

bdw: Der Klimawandel ist ein hervorragendes Beispiel dafür, dass es nicht nur die Medien sind, die einem Thema öffentliche Aufmerksamkeit verschaffen. Vor allem die Wissenschaftler hören nicht auf zu warnen, dass die Welt aus den Fugen gerät, wenn wir nicht sofort unsere Treibhausgase reduzieren.

Grauer: Ohne direkt auf die Problematik des Klimawandels einzugehen, gilt: Auch Wissenschaftler sind eitel und treten deshalb gerne in Medien auf. Wer in den Medien ist, kann Druck ausüben auf die Politik und so möglicherweise Geld locker machen für die eigene Forschung – leider oft auf Kosten wissenschaftlicher Redlichkeit und Wahrhaftigkeit.

bdw: Öffentlichkeitswirksam vorgetragene Resultate machen oft zusätzliche Finanzmittel locker. Mit mehr Geld lassen sich Forschungsergebnisse besser untermauern.

Grauer: Viele Untersuchungen haben gezeigt: Die Höhe der Aufwendungen für Forschung und Entwicklung korreliert nicht mit dem Innovationserfolg. Vielmehr zeigt sich, dass die Innovationskraft eines Landes vor allem von einem qualitativ hochwertigen Forschungs- und Innovationsmanagement abhängt.

bdw: Einspruch! Fast alle Forschungsmanager weisen darauf hin, dass der Anteil der Ausgaben für Forschung und Entwicklung (F&E) am Bruttoinlandsprodukt eines Landes die primäre Größe für dessen Innovationskraft sei.

Grauer: Wenn Geld allein der Maßstab wäre, müssten die USA unschlagbar sein. Denn zu dem zivilen Anteil der F&E-Ausgaben von drei Prozent kommt dort nochmals ein ähnlich hoher Militäranteil. Der Faktor Mensch ist weit entscheidender als alle materiellen Ressourcen. Keine Frage: Moderne naturwissenschaftliche Forschung ist teuer. Doch wem es über die Mittelvergabe hinaus gelingt, Menschen für eine Sache zu begeistern, sie zur Kommunikation anzuhalten, wird unter dem Strich mehr Output haben als jemand, der nur mit Scheinen winkt. Bestes Beispiel ist der jüngste Zukunftspreisträger Stefan Hell mit seiner völlig neuen Mikroskopiermethode. Hell musste sich seine Forschung mühsam finanzieren. Zur Innovation trieb ihn nicht die gute finanzielle Ausstattung, sondern seine Besessenheit, seine Begeisterung. Diese Begeisterung sticht mir im Übrigen auch jedes Mal ins Auge, wenn ich das Weizmann Institute im israelischen Revohot besuche, wo eine kompromisslose Qualitätsorientierung herrscht. Der dortige Präsident Daniel Zajfman hat mir gesagt, wenn er den besten Wissenschaftler für eine leitende Position nicht bekommen kann, besetzt er die Stelle eben nicht.

bdw: Dennoch geht es auch in der Forschung mehr und mehr um die Finanzkraft. Das anlaufende 7. Rahmenprogramm der EU ist so attraktiv wie kein Programm zuvor: Bis 2013 werden mehr als 50 Milliarden Euro für die europäische Forschung bereitgestellt.

Grauer: Das ist in der Tat viel Geld. Es wäre gut angelegt, wenn diese öffentlichen Mittel ausschließlich der Grundlagenforschung zur Verfügung stünden. Denn öffentlich geförderte Technologieprogramme – die die EU in ihrem 7. Rahmenprogramm auch wieder vorsieht – zielen immer wieder ins Leere. Das zeigt nicht zuletzt das Beispiel BenQ. Obwohl die Bundesrepublik und die EU die Kommunikationssparte bei Siemens erheblich gefördert haben, gehört diese Technologie jetzt Koreanern.

bdw: Sie sind in die Förderprogramme der Landesstiftung Baden-Württemberg involviert. Ziel dabei ist, die Exzellenz der Grundlagenforschung in diesem Bundesland zu fördern. Das klingt sehr provinziell.

Grauer: Der regionale Ansatz bedeutet ja nicht, dass diese Wissenschaftler nur mit Landeskindern kooperieren dürfen. Im Gegenteil: Es hat sich gezeigt, dass hervorragende Forscherpersönlichkeiten – und nur die unterstützt die Landesstiftung – weltweit am besten vernetzt sind. Wenn man solche Leute zusätzlich mit Geld unterstützt, das von den Bürgern Baden-Württembergs stammt, ist es nur vernünftig, die Mittel exzellenten baden-württembergischen Forschergruppen zukommen zu lassen. Ganz wichtig dabei ist, wirkliche Spitzenkräfte zu haben. Sie erzeugen eine Sogkraft und sind in der Lage, gute Leute zu Höchstleistungen zu motivieren. Die Besten braucht man schon allein deshalb, weil ein schwacher Chef niemals starke Mitarbeiter fördern würde.

Das Gespräch führte Wolfgang Hess

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