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Geschichte+Archäologie

„Generalprobe“ für Stonehenge entdeckt?

Stonehenge
Stonehenge könnte nach dem Muster älterer Steinkreise in Wales errichtet worden sein. (Bild: luxizeng(/ iStock)

Der Steinkreis von Stonehenge im Südwesten Englands ist das berühmteste Megalith-Monument Europas. Doch das rund 5000 Jahre alte Heiligtum könnte aus Teilen eines oder sogar mehrerer Vorgänger-Bauten zusammengesetzt sein. Darauf deutet der Fund eines teilweise abgebauten Steinkreises in Wales hin. Er ist einige hundert Jahre älter als Stonehenge, seine Blausteine wurden aber wieder abgebaut und möglicherweise nach Südengland gebracht.

Schon länger gibt es Hinweise darauf, dass das Material und möglicherweise auch die Erbauer des Steinkreises von Stonehenge ihre Wurzeln in Wales haben. Zwar stammen die heute noch stehenden torähnlichen Trilithen aus Steinbrüchen in der unmittelbaren Umgebung von Stonehenge. Für die Blausteine, die einst den äußeren Ring des Heiligtums bildeten, gilt dies aber nicht. Denn sie bestehen aus Dolerit und Rhyolith, einem vulkanischem Gestein, das nicht in Südengland, aber unter anderem in Wales vorkommt.

Bereits 2015 konnte ein Team um Mike Parker Pearson vom University College London nachweisen, dass einige dieser Stonehenge-Blausteine aus zwei prähistorischen Steinbrüchen in den walisischen Preseli-Bergen stammen müssen. Isotopen-Analysen von Knochenresten einiger in Stonehenge bestatteter Toter legen zudem nahe, dass diese Menschen zum Teil ebenfalls aus dieser Gegend kamen.

Ein Steinkreis älter als Stonehenge

Jetzt deuten neue Funde daraufhin, dass die Verbindung zwischen Wales und Stonehenge noch enger sein könnte als bislang angenommen. Entdeckt haben sie Parker Pearson und sein Team, als sie Reste eines alten Megalith-Monuments in den Preseli-Bergen näher untersuchten. Bisher waren von dem Waun Mawn getauften Monument nur vier aufrecht stehende Blausteine zu sehen, die in einem flachen Bogen angeordnet sind. Die Archäologen haben nun mithilfe von Radar, Magnetometern und Leitfähigkeitsmessungen sowie Ausgrabungen untersucht, ob diese Steine möglicherweise Teil eines einst größeren Ensembles wie einem Steinkreis gewesen sein könnten.

Wie sich zeigte, war dies tatsächlich der Fall: Die Forscher fanden sechs Löcher, in denen einst Blausteine gestanden haben müssen und deren Lage den Bogen zu einem Kreis weiterführt. „Die sechs Löcher und vier noch stehenden Steine könnten ursprünglich einen Kreis aus 30 bis 50 Steinen gebildet haben“, berichten Parker Pearson und sein Team. Dieser Steinkreis hatte wahrscheinlich einen Durchmesser von 110 Metern. „Waun Mawn ist damit der drittgrößte Steinkreis in Großbritannien, nach dem äußeren Kreis von Avebury mit 331 Metern und Stanton Drew mit 113 Metern“, so die Forscher. Und nicht nur das: Datierungen ergaben, dass dieser walisische Steinkreis etwa um 3.500 vor Christus errichtet wurde. Waun Mawn ist damit einer der ältesten Steinkreise in Großbritannien und mehrere hundert Jahre älter als die erste Blaustein-Fassung von Stonehenge.

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Abgebaut und in Stonehenge wieder recycelt?

Doch anders als Stonehenge wurde Waun Mawn offenbar nicht lange als Heiligtum genutzt. Ein Großteil seiner Blausteine wurde schon wenige hundert Jahre nach seiner Errichtung wieder abgebaut. Ab etwa 3000 vor Christus gibt es keinerlei Spuren von Aktivität an diesem Steinkreis mehr. „Es ist, als wenn die Menschen damals einfach verschwunden wären“, sagt Parker Pearson. „Die meisten wanderten offenbar aus und nahmen dabei ihre Steine – Symbole ihrer Identität und ihrer Ahnen – mit sich, um an anderer Stelle neu anzufangen.“ Doch wohin gingen diese Menschen? Nach Ansicht von Parker Pearson und seinem Team spricht einiges dafür, dass zumindest ein Teil der damaligen Auswanderer mitsamt ihrer Steine dorthin kamen, wo kurze Zeit später Stonehenge erbaut wurde – in die Ebene von Salisbury.

Aus gleich mehreren Parallelen von Stonehenge und Waun Mawn schließen die Archäologen, dass der walisische Steinkreis sowohl den Bauplan als auch Teile des Materials für die erste Fassung von Stonehenge lieferte. Dafür spricht unter anderem, dass Waun Mawn der einzige bisher bekannte Steinkreis in Großbritannien ist, dessen Durchmesser exakt dem des Grabenrings von Stonehenge entspricht. Eines der Löcher im walisischen Monument hat zudem einen auffallend kreuzförmigen Grundriss, der genau den Abmessungen eines der Blausteine von Stonehenge entspricht. Und auch die Ausrichtung zum Sonnenaufgang bei der Sommersonnenwende findet sich bei beiden Monumenten.

„Physikalische Manifestation ihrer Identität“

„Es scheint, dass Stonehenge zum Teil oder ganz von neolithischen Einwanderern aus Wales errichtet wurde, die ihre Monumente als physikalische Manifestation ihrer Identität mit sich brachten und in der Ebene von Salisbury neu aufbauten“, schreiben die Archäologen. Sie vermuten allerdings, dass Waun Mawn nicht der einzige Steinkreis war, der zu Stonehenge beitrug. Stattdessen könnten Steine aus mehreren neolithischen Monumenten nach Stonehenge gebracht und dort zu einem gemeinsamen Heiligtum vereint worden sein. „Diese Entdeckung ist die Krönung von 20 Jahren der Forschung – es ist eine der wichtigsten Entdeckungen, die ich jemals gemacht habe“, sagt Parker Pearson.

Warum jedoch die Menschen vor gut 5000 Jahren so plötzlich ihre walisische Heimat verließen und mitsamt ihrer heiligen Steine nach Südengland zogen, können auch die Archäologen bislang nicht erklären. Sie wollen deshalb in den Preseli-Bergen weiter nach Hinweisen darauf suchen, was diese jungsteinzeitliche Auswanderung ausgelöst hat.

Quelle: University College London, Fachartikel: Antiquity, doi: 10.15184/aqy.2020.239

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