Genetik der Wikinger enträtselt - wissenschaft.de
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Geschichte+Archäologie

Genetik der Wikinger enträtselt

Wikinger
Viele Wikinger waren wahrscheinlich eher brünett als blond. (Bild: Jim Lyngvild)

Die Wikinger haben die Geschichte Europas entscheidend geprägt. Doch wer waren die „Nordmänner“ wirklich? Das verraten nun vergleichende DNA-Analysen von mehr als 400 Wikingern aus den verschiedensten Teilen Europas. Die Gendaten enthüllen, dass längst nicht alle Wikinger blonde Skandinavier waren. Stattdessen stammten viele von ihnen von Menschen aus dem Baltikum, von den Britischen Inseln und sogar von nahöstlichen Bauern ab. Die Wikinger waren demnach genetisch ähnlich vielfältig wie die meisten anderen Völker dieser Zeit auch, berichten die Forscher. Der hohe Grad der genetischen Vermischung vor allem entlang der Küsten bestätigt zudem, dass die Verbindungen über das Meer damals eine wichtige Rolle spielten.

Ihr Name war Programm: „Wikinger“ leitet sich vom skandinavischen Begriff für Pirat ab und beschreibt relativ gut das gängige Bild, das viele Menschen von den „Nordmännern“ haben: Blonde, schwer bewaffnete Hünen, die per Schiff anlandeten und die Küstenbewohner ausraubten. Doch in Wirklichkeit war die Wikingerkultur weit mehr als das: In der Zeit von etwa 800 bis 1050 umfasste sie Siedlungen, Handelszentren und weitreichende Handelsrouten, die sich über ganz Europa und bis nach Grönland und sogar Nordamerika erstreckten. „Die Wikinger exportierten Ideen, Technologien, Sprache, Religion und Alltagspraktiken in diese Regionen, entwickelten neue sozio-politische Strukturen und assimilierten ihrerseits kulturelle Einflüsse“, erklärt das internationale Forscherteam unter Leitung von Eske Willerslev von der Universität Kopenhagen. ‚“Die Wikinger-Ära hat die politische, kulturelle und demografische Karte Europas auf eine Weise verändert, die bis heute erkennbar ist.“

Weniger einheitlich als gedacht

Doch die genetische Basis der Wikingerkultur war bislang nur in Ausschnitten bekannt. Zwar gelten sie landläufig als Skandinavier, ob sich dies aber auch in ihrem Erbgut und ihrer Abstammung widerspiegelte und welche regionalen Unterschiede es gab, ließ sich nicht feststellen. Deshalb haben Willerslev und sein Team nun die Genome von 442 Männern, Frauen und Kindern aus Wikingergräbern von Russland bis Grönland und vom Norden Skandinaviens bis in die Ukraine isoliert und analysiert. Zusätzlich zogen die Forscher Vergleichsproben aus verschiedenen europäischen Populationen von der Bronzezeit bis heute hinzu. „Die Wikingergenome ermöglichen es uns, zu entschlüsseln, wie sich die genetische Selektion vor, während und nach den Wikingerzügen durch Europa entfaltet hat“, erklärt Willerslevs Kollege Fernando Racimo. „Gleichzeitig können wir damit auch ermitteln, wie die Wikinger damals aussahen, und sie mit den heutigen Skandinaviern vergleichen.“

Die DNA-Analysen ergaben, dass die Wikinger genetisch gesehen weit weniger einheitlich waren als landläufig angenommen. „Wir haben genetische Unterschiede selbst zwischen verschiedenen Wikinger-Populationen innerhalb Skandinaviens gefunden“, berichtet Willerslev. „Das zeigt, dass die Wikingergruppen in dieser Region isolierter waren als zuvor angenommen.“ An den Gendaten ist auch ablesbar, dass beispielsweise die Bewohner des südwestlichen Teils von Schweden damals den Dänen ähnlicher waren als den Menschen in anderen Teilen Schwedens. Die Forscher gehen davon aus, dass dort geografische Hindernisse wie Gebirge den Austausch erschwerten, während der Seeweg gerade an den Küsten den Kontakt auch zwischen Skandinavien und den Nachbarregionen erleichterte.

Viele verschiedene Wurzeln

Dazu passt auch ein weiteres Ergebnis der Genstudie: Entgegen gängiger Annahme waren die Wikinger keineswegs alle blonde Skandinavier. Stattdessen stammen auch sie von Populationen verschiedener Abstammung und Herkunft ab. Das Erbgut der meisten Wikinger geht auf eine Mischung von steinzeitlichen Jägern und Sammlern, frühen Bauern sowie Nachfahren von aus der eurasischen Steppe eingewanderten Menschen zurück – ähnlich wie bei anderen europäischen Völkern dieser Zeit auch. Dadurch sind in ihrem Genom Verwandtschaftsbeziehungen sowohl zu baltischen und mitteleuropäischen Populationen nachweisbar als auch Spuren nahöstlicher und asiatischer Ahnen. „Damit verändert unsere Studie das Bild der Wikinger deutlich“, sagt Willerslev. „Die meisten von ihnen waren nicht blond, sondern hatten braune Haare, und waren von genetischen Einflüssen geprägt, die von außerhalb Skandinaviens stammten.“

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Dass die Wikinger weniger ein homogener Volksstamm als vielmehr eine Kultur von Menschen vielfältiger Abstammung waren, bestätigen auch die Genome zweier auf den Orkney-Inseln und in Norwegen gestorbener Wikinger. Obwohl sie nach typischer Wikingertradition begraben wurden und Wikingerkleidung trugen, waren sie nicht skandinavischer Abstammung, sondern gehörten zu den Pikten, einem keltischen Stamm, der im Gebiet des heutigen Schottland lebte. Zwei weitere Individuen waren halb piktisch und halb skandinavisch. „Das zeigt uns eine ganz andere Seite der kulturellen Beziehungen – abseits des Raubens und Plündern“, sagt Co-Autor Daniel Lawson von der University of Bristol. Demnach war die Wikingerkultur auch für Angehörige anderer Völker offen. „Unsere Ergebnisse widersprechen den gängigen Annahmen darüber, wer die Wikinger waren – man wird die Geschichtsbücher entsprechend ändern müssen“, sagt Willerslev.

Quelle: Ashot Margaryan (Universitöt Kopenhagen) et al., Nature, doi: 10.1038/s41586-020-2688-8

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