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Geschichte+Archäologie

Genetischer Nachweis von Holocaust-Opfern

Auf dem Gelände des Vernichtungslagers Sobibór entdeckte Skelette. (Bild: Karolina Ratajczak)

Bisher hielt man sie für polnische Opfern des kommunistischen Regimes der 1950er Jahre – doch nun konnten Wissenschaftler durch DNA-Analysen zehn auf dem Gelände des Vernichtungslagers Sobibór gefundene Skelette Holocaust-Opfern zuordnen: Genetische Vergleiche belegen eine jüdische Abstammung.

Der Massenmord an den insgesamt etwa sechs Millionen europäischen Juden ist mit Zentren des Grauens verbunden – dazu gehört auch Sobibór. Schätzungen zufolge wurden in dem Vernichtungslager im Osten Polens von 1942 bis 1943 bis zu 250.000 Menschen im Auftrag des NS-Regimes in geradezu industrieller Abfertigung vergast. Ab Oktober 1943 wurde das Lager nicht weiter genutzt, sondern dem Erdboden gleichgemacht. Anschließend wurde ein Bauernhof erreichtet und Bäume wuchsen auf dem einstigen Schauplatz des Menschheitsverbrechens. Es sind allerdings Spuren der Vernichtungsstrukturen im Untergrund erhalten geblieben, ergaben Ausgrabungen auf dem Gelände: Im Jahr 2013 stießen Archäologen auf Mauerreste, die sich den ehemaligen Gaskammern zuordnen lassen.

Skelettfunde unklarer Herkunft

Zudem entdeckten sie auf dem Areal zehn fast intakte Skelette. Dies erschien überraschend, denn man war bisher davon ausgegangen, dass alle Holocaust-Opfer von Sobibór vor der Auflösung des Lagers eingeäschert worden waren. Untersuchungen der Skelette ergaben, dass es sich um Männer gehandelt hat. Bei fünf ließen sich Schussspuren feststellen – vier davon waren Kopfschüsse, wie sie für Hinrichtungen typisch sind. Auf der Grundlage von verschiedenen Hinweisen vermutete man bisher, dass es sich bei den Skeletten nicht um Opfer des Vernichtungslagers gehandelt hat, sondern um Überreste von Hingerichteten aus späterer Zeit: Es könnten Gegner des kommunistischen Regimes der 1950er Jahre gewesen sein, die auf dem ehemaligen Gelände des Lagers begraben worden waren.

Für mehr Klarheit über die Identität der Toten sollte nun allerdings eine genauere Untersuchung sorgen, die neben der Begutachtung von Beifunden eine forensische Analyse mittels moderner DNA-Technologien umfasste. Dazu wurden den menschlichen Überresten Proben entnommen, die anschließend unabhängig voneinander in der Pommerschen Medizinischen Universität in Stettin sowie am Institut für Gerichtliche Medizin in Innsbruck molekulargenetisch analysiert wurden.

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Die Untersuchungen umfassten dabei die Sequenzanalyse der mitochondrialen DNA (mtDNA), die mütterlicherseits vererbt wird. In Innsbruck wurden darüber hinaus väterlich vererbte Y-chromosomale DNA-Marker untersucht. Die genetischen Informationen konnten anschließend mit Informationen aus Datenbanken verglichen werden, die Erbgutinformationen zu verschiedenen Bevölkerungsgruppen umfassen. Dadurch waren Rückschlüsse auf die Abstammung der zehn Toten möglich.

Erbgut mit aschkenasischen Merkmalen

„Die genetischen Untersuchungen lieferten nun klare Hinweise darauf, dass die Opfer jüdischer Herkunft waren“, sagt Walther Parson vom Institut für Gerichtliche Medizin der Medizinischen Universität in Innsbruck. „Sowohl die mütterlichen, als auch die väterlichen Erblinien finden sich gehäuft in heute lebenden Menschen mit aschkenasischer Zugehörigkeit“, erklärt der Forensiker. Als Aschkenasim werden die nord-, mittel- und osteuropäischen Juden bezeichnet.

Wie das Team berichtet, wurden auch Patronenhülsen in der Nähe der Opfer entdeckt, deren Merkmale zur Interpretation des Gesamtbildes passten. „Unter den in dieser Studie gesammelten Befunden war die DNA aber eindeutig das stärkste Mittel, um zur Klärung der Herkunft der Personen beizutragen“, sagt Erstautorin Marta Diepenbroek von der Ludwig-Maximilians-Universität München. Was genau mit den zehn Männern passiert ist, bleibt zwar unklar, doch zumindest geht aus den Ergebnissen nun deutlich hervor, dass es sich bei den Toten nicht um polnische Partisanen gehandelt hat, sondern um Holocaust-Opfer des Vernichtungslagers.

Wie die Medizinische Universität Innsbruck abschließend berichtet, wurden die menschlichen Überreste vor dem Hintergrund der Studienergebnisse in Anwesenheit eines Rabbiners und nach jüdischem Ritus am Ort ihrer Entdeckung bestattet.

Quelle: Medizinische Universität Innsbruck, Fachartikel: Genome Biology, doi: 10.1186/s13059-021-02420-0

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