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Geschichte+Archäologie

Geschichte im Spiegel kranker Kühe

Die Viehzucht hat in der Schweiz eine lange Tradition. (Braunvieh-Kuh, lucentius/iStock)

Es sollte eigentlich eine rein veterinärmedizinische Studie werden – doch dann zeichnete sich eine interessante historische Dimension ab: Forscher berichten über den zunächst seltsam wirkenden Zusammenhang zwischen der Verbreitung von bestimmten Virustypen bei zwei Rinderrassen in der Schweiz und einem Machtgerangel im 15. Jahrhundert. Wie sie erklären, kam es durch die historische Entwicklung zu einer zweigeteilten Viehzucht. Deren Nebenprodukt waren offenbar zwei „Rassen“ eines Erregers einer wichtigen Erkrankung bei Kühen.

Das ursprüngliche Ziel des Teams um Ernst Peterhans von der Universität Bern war es, die Rinderkrankheit BVD (Bovine Virusdiarrhö) in der Schweiz besser zu erforschen. BVD ist dort zwar momentan unter Kontrolle, die Krankheit hat aber das Potenzial, sich erneut auszubreiten und für wirtschaftliche Schäden zu sorgen. Um die Quellen solcher möglichen Ausbrüche zu lokalisieren, steht heute die Methode der molekularen Epidemiologie zur Verfügung. Dabei können Sequenzen aus der Erbsubstanz der BVD-Viren analysiert und verglichen werden. Die Forscher haben dazu eine genetische Datenbank der Viren erstellt und kombinierten diese mit detaillierten Informationen der Tiere, aus denen die Viren isoliert wurden.

„Aus Neugier wollten wir wissen, ob zwischen dem genetischen Code der 7500 untersuchten Viren und den Eigenschaften ihrer infizierten Wirtstiere Zusammenhänge existieren“, sagt Peterhans. „Zu unserer Verblüffung fanden wir heraus, dass zwei große Populationen der untersuchten Rinder mit jeweils zwei unterschiedlichen Unterarten – sogenannten Subgenotypen – von BVD-Viren infiziert waren“. Eine Population bestand mehrheitlich aus Tieren der Fleckvieh-Rasse, die andere aus Tieren der Braunvieh-Rasse, zeigten die Vergleiche.

Was steckt hinter der Aufteilung?

Als die Forscher die geografische Verbreitung genauer betrachteten, erweiterte sich ihre Studie schließlich um die historische Dimension. „Was ursprünglich als rein virologische Untersuchung begann, nahm eine überraschende Wendung und entwickelte sich zu einer Studie mit politischem und wirtschaftshistorischem Hintergrund“, sagt Peterhans. Durch die Zusammenarbeit mit einem auf Wirtschaftsgeschichte spezialisierten Historiker klärten sich die historischen Aspekte auf, die letztlich zur Entstehung der beiden Virus-Typen geführt haben. Die heutige geographische Verbreitung der beiden Rassen sowie die mit ihnen assoziierte Verbreitung der Subtypen des BVD-Virus gehen demnach auf die Zeit der Expansion der Alten Eidgenossenschaft im 15. und 16. Jahrhundert zurück.

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Einen wichtigen Aspekt dieser Geschichte bildete das Konzil von Konstanz (1414 bis1418), berichten die Wissenschaftler. Dort versuchte der Deutsche König und spätere Kaiser Sigismund den Konflikt zu lösen, der durch drei Päpste entstand, die parallel um die Macht in der Kirche kämpften. Über die Frage, welcher Papst zu unterstützen sei, stritt sich Sigismund heftig mit dem Österreichisch-Habsburgischen Herzog Friedrich IV, der Besitzungen auf dem Gebiet der heutigen Schweiz besaß. Um Friedrich zu bestrafen, forderte Sigismund die damals bereits existierenden Eidgenossen auf, das Land des Herzogs im Aargau zu besetzen. Die „frühen Schweizer“ folgten diesem Aufruf und eroberten schließlich 1415 große Teile des heutigen Aargau.

Streit führte zu einer zweigeteilten Viehzucht

Dadurch entstanden schließlich zwei Gebiete in der Schweiz mit kulturellen Unterschieden, in denen sich die Fleckvieh- und Braunviehrassen unabhängig voneinander ausbreiteten, erklären die Wissenschaftler. Diese Aufteilung blieb über Jahrhunderte bestehen. „Und so bewahrten die Tiere jeweils auch ihren BVD-Virentypus“, sagt Peterhans. Wie er und seine Kollegen betonen, wird durch den Befund und den historischen Hintergrund nun deutlich, dass die Geschichte der Erkrankung im Alpenland schon mindestens 600 Jahre zurückreicht.

„Wissenschaftlich Studien entwickeln oft ihre eigene Dynamik – ein scheinbar klar definiertes Projekt kann zu überraschenden Resultaten führen“, so Peterhans. „In diesem Fall konnten wir zeigen, dass ein Konflikt wegen drei Päpsten letztlich auch die Verteilung von genetisch unterschiedlichen Viren beim Rindvieh beeinflusst hat“, resümiert der Wissenschaftler das ungewöhnliche Studienergebnis.

Quelle: Universität Bern, PLOS ONE, doi: 10.1371/journal.pone.0207604

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