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Geschichte+Archäologie

Gewalt und blutige Rituale bei den Steppenkriegern

Steppennomaden-Skelette
1700 Jahre alte Skelette südsibirischer Steppennomaden aus der Fundstätte Tunnug 1. (Bild: Tunnug 1 Research Project)

Für die antiken Geschichtsschreiber waren die Steppennomaden Zentralasiens gewaltbereite Barbaren. Jetzt belegen Verletzungsspuren an den 1700 Jahre alten Gebeinen sibirischer Reiterkrieger, dass diese Beschreibungen durchaus zutreffend sein könnten. Denn die Toten zeigen zahlreiche Spuren schwerer Verletzungen und rund ein Viertel von ihnen starb offenbar im Nahkampf oder wurde geköpft.

Die reitenden Krieger der Steppennomaden prägten über Jahrhunderte hinweg die weiten Ebenen Zentralasiens. Vor allem in den ersten Jahrhunderten nach Christus führten verschiedene Nomadenvölker, darunter die Xiongnu und ihre Nachfolger, immer wieder Angriffe auf China und auch auf andere angrenzende Völker durch. Um sich gegen sie zu schützen, errichteten die Chinesen ihre Große Mauer. Aber auch Geschichtsschreiber der römischen Antike beschrieben die sibirischen Steppennomaden als gewaltbereite Barbaren und Plünderer.

Gebeine von Reiternomaden untersucht

Doch was ist dran an diesem schlechten Ruf der Steppenkrieger? Bisher ließ sich nur schwer feststellen, ob die antiken Autoren den Reiterkriegern Unrecht taten oder nicht. Der Grund: „Aus den ersten Jahrhunderten nach Christus, einer Zeit politischer Unruhen in Nordchina und dem Süden Sibiriens, sind nur sehr wenig Daten verfügbar, die uns etwas über das Ausmaß der Gewalt in diesen Gesellschaften verraten könnten“, erklären Marco Milella von der Universität Bern und sein Team. Denn bislang fehlte es an archäologischen Funden, die dazu Einblicke gewähren könnten. Doch der Fund eines Gräberfelds in Südsibirien hat dies nun geändert.

In der Hochebene der russischen Republik Tuwa liegen hunderte von Grabhügeln früher Steppennomaden in säuberlichen Reihen. Viele dieser Gräber sind geplündert, doch Archäologen haben dort auch schon intakte Königsgräber der Skythen entdeckt. Eines der frühesten und größten Skythengräber sowie ein spätantikes Gräberfeld liegen am archäologischen Fundplatz „Tunnug 1“. In diesem Gräberfeld sind 87 Tote aus dem 2. bis 4. Jahrhundert n. Chr. begraben – vorwiegend Männer, aber auch Frauen und Kinder. Um mehr über ihre Todesumstände herauszufinden, haben Milella und sein Team nun die Gebeine dieser Toten detailliert auf Spuren von Gewalt und Verletzungen untersucht.

Geschlagen, geköpft und skalpiert

Wie die Forscher feststellten, weisen ungewöhnlich viele der vor rund 1700 Jahren in Tunnug begrabenen Steppennomaden Spuren von Gewalt auf. Insgesamt fanden Milella und sein Team 130 verschiedene Verletzungen an den Knochen, die den Opfern unmittelbar vor ihrem Tod oder dabei zugefügt worden sein müssen. Unter ihnen sind Hiebe von schwert- oder axtähnlichen Waffen, aber auch Ritzmarken und Stiche von Messern sowie Spuren stumpfer Gewalteinwirkung. Nach Einschätzung der Forscher starb rund ein Viertel der untersuchten Individuen aufgrund von äußerer Gewalteinwirkung. Zumeist entstanden die tödlichen Verletzungen im Nahkampf, in vielen Fällen wurden die Opfer geköpft.

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Schnittspuren an den Schädeln und durchtrennte Halswirbel deuten zudem darauf hin, dass einige dieser Steppennomaden möglicherweise noch auf dem Schlachtfeld skalpiert und ihre Hälse durchgeschnitten wurden. Nach Ansicht der Forscher spielten demnach kriegerische Auseinandersetzungen und blutige Kampfpraktiken eine wichtige Rolle in diesen Gemeinschaften. Die antiken Geschichtsschreiber haben daher wahrscheinlich nur wenig übertrieben, wenn sie diese Reiterkrieger als gewaltbereites Volk darstellen. Die Ursache dafür könnten die politischen Umwälzungen sein, die die Nomadenvölker Zentralasiens nach dem Zerfall des Steppenreiches der Xiongnu im ersten Jh. n. Chr. erlebten, so jedenfalls die Vermutung der Wissenschaftler. „Die Kampfhandlungen und Rituale nach so langer Zeit detailliert nachzuvollziehen ist faszinierend“, sagt Milella. „Vieles bleibt aber mysteriös.“

Quelle: Universität Bern; Fachartikel: Journal of Physical Anthropology, doi: 10.1002/ajpa.24142

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