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Geschichte+Archäologie

Graffiti erzählt die Geschichte einer altgriechischen Stadt

Das war früher ganz anders, mag sich manch einer über wilde Malereien, Graffiti an den Wänden, empören. Nur: ‚früher‘ war es gar nicht so sehr viel anders, erklärt Angelos Chaniotis. Der gebürtige Grieche und Professor für Alte Geschichte in Heidelberg beschäftigt sich beruflich mit Graffiti in der Antike. Seine Studien zeigen, dass sich Graffiti-Künstler von damals und heute in mancher Hinsicht erstaunlich wenig unterscheiden.

Für seine Untersuchungen, über die er im Magazin „Ruperto Carola“ der Universität Heidelberg berichtet, suchte sich Chaniotis das kleinasiatische Aphrodisias aus. Die Stadt der Liebesgöttin Aphrodite im westlichen Kleinasien war die Hauptstadt der Provinz Karia und ist voll von Hinterlassenschaften an den Wänden. Aphrodisias war in der Antike bekannt für seine Bildhauerschulen und besaß daher eine Bevölkerung, die sich trefflich im Umgang mit Hammer und Meißel verstand – Ideale Werkzeuge, um sich an den Wänden von Tempeln, Theatern, Sitzungshäusern und Stadien zu verewigen. Die Wurzeln von Aphrodisias reichen weit in die Bronzezeit zurück. Ihre Blüte erlebte die griechische Stadt aber erst unter römischer Herrschaft vom ersten Jahrhundert vor Christus bis zum Ende der Antike. Rom war der kleinen Schwester wohl gesonnen, wurde doch der Familie des Augustus eine enge Verbindung zu Aphrodite nachgesagt.

Mit ihren für antike Städte typischen vielen öffentlichen Gebäuden, dem Theater, Stadien, zwei Marktplätzen, dem Sebasteion für den Kaiserkult und dem heiligen Bezirk der Aphrodite bot die Stadt reichlich Platz an Säulen und Wänden für flinke Hände.

So dürfte etwa ein Bauarbeiter beim Errichten des Aphrodite-Tempels Muße gefunden haben, etwas versteckt in das obere Kapitell einer Säule kess ein eigenes kleines Kunstwerk für die Nachwelt zu meißeln. Auf einer Säule am Südmarkt erkennt man unschwer zwei Löwen, mit ihren Mähnen und weit ausholenden Laufschritten. Offenbar war hier jemand beeindruckt von einem Besuch in den Stadien, in denen sogar in so einem abgelegenen Ort wie Aphrodisias Gladiatoren-Kämpfe mit Löwen aufgeführt wurden.

Aber die Menschen aus der Stadt der Liebesgöttin haben in ihrer Freizeit nicht nur blutige Spiele besucht: Unter den zahlreichen Graffiti am Theater und im Stadion mit vielen Namen von bewunderten Schauspielern befindet sich auch die grobe Zeichnung eines Seiltänzers. Er balanciert über ein Seil mit einem Stab in der Hand. Seiltanz war in der Antike beliebt, doch der schnell geritzte Seiltänzer in Aphrodisias ist neben einem Bild in Herculaneum die einzige überlieferte antike Darstellung von einem Artisten auf dem Seil, erklärt Chaniotis. Viele geritzte Hinterlassenschaften sind über die Jahrtausende verblichen. Doch einige wurden offenbar mit so großer Inbrunst gemeißelt, dass ihnen die Zeit nicht viel anhaben konnte. „Ich liebe Apollonios, den Herren“, steht etwa auf einer Säule des Sebasteion. Im Stadion liest man dagegen deutlich „Karmidianos ist eine Tunte.“ Die Graffiti spiegeln gesellschaftliche Umbrüche der ersten Jahrhunderte nach Christus wieder. So verlor der Kaiserkult an Bedeutung und zwischen den Säulen des ehemaligen Heiligtums errichteten Händler ihre Läden. Unter den Händlern waren viele Juden, bei denen die Einwohner von Aphrodisias offenbar gerne einkauften: Die Juden machten daher mit Siebenarmleuchten an den Säulen auf ihre religiöse Identität aufmerksam. Ähnliche Symbole im Rathaus lassen darauf schließen, das auch dort viele Juden saßen.

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Neben den Juden gab es in der Stadt zahlreiche Menschen, die mit dem Judentum sympathisierten, die sogenannten „Gottesfürchtigen“. Auch sie waren zahlreich im Rathaus vertreten. Die vielen Sympathisanten des Judentums in der Antike waren es denn auch häufig, die sich auf die von Paulus verbreitete neue jüdischen Religionsrichtung einließen: Anders als das orthodoxe Judentum nahm die schnell wachsende Sekte der Christen die Gottesfürchtigen als gleichberechtigte Mitglieder auf.

Viele Kreuze – vor allem auf den Wänden und Säulen der heidnischen Tempel – zeugen auch in Aphrodisias vom wachsenden Selbstvertrauen der neuen Religion. Neben die Kreuze malten Anhänger der griechischen Religion oftmals eine ähnlich aussehende Doppelaxt – in der Stadt ein Symbol für Zeus. Chaniotis deutet das nebeneinander von Kreuz und Doppelaxt als Zeichen eines Dialogs: „Dass es zu einem Dialog mit Hilfe von Graffiti kommen kann, ist jedem zeitgenössischen Bewohner einer modernen Stadt bekannt.“ Doch die Zeichen im Reich deuteten in eine andere Richtung. Eine zunehmende Christianisierung ging einher mit wachsender Intoleranz gegenüber der jüdischen Ursprungsreligion. Der Kaiser verbot schließlich die Konversion und schloss Juden vom öffentlichen Dienst aus.

Die Hinterlassenschaften auf den Wänden zeigen, dass die Bevölkerung von Aphrodisias länger offen gegenüber den verschiedenen Religionen blieb als Rom. Doch die Toleranz ging auch im griechischen Kleinasien verloren: Im siebten Jahrhundert wurde die Stadt schließlich in „Stauropolis“ umbenannt – „Stadt des Kreuzes“.

Andreas Wawrzinek
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