Porträts Großindustrielle als Burgherren - wissenschaft.de
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Porträts

Großindustrielle als Burgherren

Bereits 1819 erwarb Friedrich Harkort vom preußischen Staat die Burg Wetter. Obwohl der Kaufpreis von 2100 Talern nicht den Vorstellungen der Bezirksregierung entsprach, die das Dreifache dieser Summe veranschlagt hatte, erhielt Harkort den Zuschlag. Immerhin sollte auf dem Gelände der Burg, die Mitte des 13. Jahrhunderts im Kontext des märkischen Landesausbaus errichtet worden war, eine der ersten Maschinenbaufabriken in Deutschland entstehen: die „Mechanischen Werkstätten Harkort & Co.“. Der Verkauf entsprach so der preußischen Wirtschaftspolitik, die nach dem Sieg über Napoleon bei Waterloo sehr auf eine Stärkung der heimischen Wirtschaft ausgerichtet war.

Die Burg Wetter behielt den massiven Rundturm, wohl auch aus dem 13. Jahrhundert, dessen Erhalt bereits im Kaufvertrag festgelegt worden war. Ein Gemälde von Alfred Rethel aus dem Jahr 1834 zeigt die Burg, umschlossen von Verwaltungsgebäuden und in direkter Nachbarschaft zum ersten Hochofen Westfalens. Friedrich Harkort bemerkt dazu: „Sie [die Industrie] hat die alte feudale Burg erobert und in ihr einen bleibenden Sitz aufge‧schlagen, in welchem Eisen und Stahl in die mächtigsten Waffen des Gewerbefleißes umgeschaffen werden. Prangt auch das Banner der alten Grafen nicht mehr auf den Zinnen des gewaltigen Thurmes, so schauen wir demungeachtet dort in festlichen Tagen die wehenden Farben des großen preußischen Vaterlandes! Der Kampf der alten und neuen Zeit ist hier augenfällig zugunsten der letzteren entschieden.“

Auch wenn der weitere Werdegang des Unternehmers Harkort nicht von Erfolg gekrönt war, so war nun eine Form der Umnutzung mittelalterlicher Burganlagen durch die in dieser Zeit im Ruhrgebiet aufblühende Industrie vorgezeichnet. Die neuen Industriebarone erkannten vor allem das wirtschaftliche Potential der Immobilien.

Das zeigt sich auch an einem zweiten Großunternehmer der Region: August Thyssen. Der Bankierssohn hatte im Jahr 1870 in Styrum bei Mülheim an der Ruhr das Walzwerk „Thyssen & Co.“ gegründet, das in der Folge zur Keimzelle eines der größten Montan-Konzerne Europas werden sollte. Um den enormen Wasserbedarf des Betriebs zu decken, kaufte Thyssen im Jahr 1890 das Schloss Styrum, das sich zu dieser Zeit bereits inmitten der Werksanlagen befand. Entscheidend für den Kauf war die günstige Lage des Anwesens am Ufer der Ruhr. Von 1892 an ließ Thyssen hier einen 50 Meter hohen Wasserturm zur Versorgung des Eisenwalzwerks errichten.

Ein gutes Jahrzehnt später erwarb August Thyssen mit Schloss Landsberg eine weitere Burganlage, diesmal jedoch aus anderen Gründen: Die auf einem Bergsporn gelegene Burg sollte ihm als repräsentativer Alterswohnsitz dienen. Dafür war er bereit, den stattlichen Kaufpreis von 380000 Mark aufzubringen.

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Die Anfänge von Schloss Landsberg gehen vermutlich in das 13. Jahrhundert zurück. Die Burg diente der Sicherung eines Übergangs über die Ruhr. Zu dieser ersten Bauphase dürften der massive Bergfried sowie Teile der Wehrmauer und des Palas’ gehören. Geprägt wurde das damalige Erscheinungsbild der Burg jedoch durch den in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts vorgenommenen Umbau zu einer Schlossanlage.

Dieser Ausbau im Stil der deutschen Renaissance diente als Vorbild für die baulichen Veränderungen, die Thyssen nach 1903 durch den Architekten Otto Lüer vornehmen ließ. Im Anschluss an den alten Palas wurde ein neuer Gebäudetrakt mit Treppenturm und historisierenden Schweifgiebeln errichtet.

Auch die durch die Firma A. Bembé ausgeführte Innenausstattung erfolgte in Anlehnung an die historischen Vorgaben. Dort jedoch, wo es auf zeitgemäße Ausstattung und Komfort ankam, wurden keine Kompromisse gemacht, so besonders beim Einbau des für diese Zeit hochmodernen Jugendstil-Badezimmers, das bereits auf der Pariser Weltausstellung von 1900 für Aufsehen gesorgt hatte.

Mit diesen Beispielen lassen sich zwei der Beweggründe fassen, die hinter dem Erwerb von Burgen durch Industrielle standen: Neben rein wirtschaftlichen Erwägungen sollte der Kauf eines mittelalter‧lichen Herrschaftssitzes dem erst kürzlich erlangten Sozialstatus den Anschein historischer Tiefe geben. Dabei kam dem Repräsentationscharakter der Anlagen eine ganz entscheidende Bedeutung zu.

Der Bürger in der Adelsburg war nun kein Einzelfall mehr. Von den über 400 im Zug der Vorbereitungen für die Ausstellung „AufRuhr 1225!“ im LWL-Museum für Archäologie in Herne nachgewiesenen Adelssitzen der Region dienten gleich mehrere in dieser Zeit wirtschaftlichen Zwecken (so etwa Burg Hörde in Dortmund und Burg Blankenstein in Hattingen) oder wurden als privater Wohnsitz genutzt (zum Beispiel Schloss Steinhausen in Witten und Haus Goldschmieding in Castrop-Rauxel).

LIteratur: Friedrich Harkort, Geschichte des Dorfs, der Burg und der Freiheit Wetter. Faksimile-Nachdruck. Bochum 1980. Uta Hassler / Norbert Nussbaum (Hrsg.), Ein Haus für ein Unternehmen. Thyssen und Landsberg. Mainz 2007. Gisbert Knopp, Schloß Landsberg. Mülheim / Ruhr 1995.

BURGEN sind auch das Titelthema des Julihefts von DAMALS

Quelle: Tim Bunte
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